X. ENRICO DA MÜGLIN

(Ved. vol. II, pag. [101]).

1.

Venedig ist ein gute stat, die hôrt man lobin.

dar in wâren edler herren vil, die wolten ziehen hin

uber mer von kinden und von frouwen,

si wolten gut gewinnen, dar nâch stund ir sin.

ein schrîber hiez Virgilius der zôch mit in

ûf einem kiel, der was sô wol erpouwen,

si nâmen urloub sâ zehant.

dô sprâchen si zu wiben und zu kinden:

«und kumb wir wider her ze lant,

wir trouwen Got, das wir ûch frôlich vinden.»

hin an den kiel sô was in gâch.

und ûf das mer mit alsô klûgen sinnen.

Virgilius der volgt in nâch:

«und wil er Got, wir wollen gut gewinnen,

wan Got sol uns pfleger sîn, wô wir der land hin varn.

Marîâ muter, reine meit

bhut uns vor leit!

wir sweben ûf wildes meres vlut, Got der sol uns bewarn.»

2.

Si nâmen gut mit in, als vil si wolten hân,

zwên vogel, hiezen grîfen, fûrtens mit in dan,

gar west versmitt mit keten zu dem kiele,

si vûren jâr und tag wol ûf dem mere preit,

si pâten das in hulfe Got und die reine meit

zu dem agetstein, der in sô wol geviele,

dô si den kiel gefulten gar,

ir herz das wart mit jâmer gar umbfangen:

geloubend sicherlich fur wâr,

der kiel begund in an dem agtstein hangen,

dô si nû mit der rîchen hab

von dannen wolten schiffen, das geloubet:

die grifen rizzen sich beide ab

und vlugen hin, die herren wârn petoubet:

«ach Got thu uns din hilfe schîn in disem jâmer swinde!

soll wir hie lîden solche nôt

und ligen tôt,

wir komen nimer mêr hin heim zu wiben und zu kinden.»

3.

Virgilius der gieng hin ûf den perg gerecht,

dâ vant er stân in einem glas des tiefels knecht,

er sprach zu im: «wer hât dich her gesetzet?»

der tiefel zu dem schriber sprach pald an der stat:

«Virgilius lâst du mich ûs, ich gip dir rât,

daz du der dinen sorgen wirst ergetzet.»

Virgilius sprach sâ ze hant:

«kanst du mir helfen ûf die rechten strâzen

und wider pringen heim ze lant

mich und mîne herren, ich wil dich selbst ûs lâzen.»

der tiefel antwurt ûs dem glas:

«gê ûf den perg, dâ vinst du ain besunder,

der hât ein brief in siner nas,

dâ leit ein tôter man ein puch dar under;

und wirt dir das, sô pistu wis und kumbst ouch wol ze lande;

dar in sint vil gesellen gut

gar hoch gemut,

die pringent dich und al dïn herren heim alsô ze lande.»

4.

Virgilius gieng fur paz ûf den perg hin dan,

vii schier vant er den selben vînten vor im stân

mit enim kolbin ob eins grabes grunde.

der selbig vînt het einen brief in siner nas

mit einem kolm er umb sich slug in grôzem has.

zu mittem tag rast er ein kleine stunde,

den brief zucket er im ûs der nas,

dâ viel der tiefel nider zu sinen gnôzen.

als im der tiefel vore las,

das puch begund er an dem arme vazzen.

als pald und er das puch ûf spart,

dar ûs sô vûren vil der helle kunder,

achtzigtûsent tiefel ûf der vart.

Virgilius den nam des michel wunder,

si sprâchen pald: «wâ soll wir hin, wir megen nicht lenger piten?»

er sprach: «vart in den grûnen walt,

und macht mir palt

eine gute strâz, das man dar nâch muge varen und ouch riten.»

5.

Her wider kam das tieflische gesinde drât

und in das puch, als in Virgilius gepôt.

er slôz ez zu mit alsô klûgen sinnen.

er gieng zu sînen herren an dem abend spât,

si empfiengen in schôn und klagten im ir grôze nôt.

si sprâchen all: «was soll wir hie beginnen?»

Virgilius sprach sâ ze hant:

«ich net û gern, und wolt ir min gedenken,

ich bring ûch wider heim ze lant

ân alles meil, dar an solt ir nicht wenken.»

die herren globten im grôze gab,

si sprâchen: «um das gut durft ir nit veilen.

was wir hie pringen richer hab,

das well wir alles frôlich mit û teilen.

dâ mit solt in gerîchet sin, pringt ir uns heim ze lande»

er sprach zu in: «ir herren gut

sît wolgemut!»

si vûren gên Venedig hin gar pald und sâ ze hande.