FÜNFTE SZENE
Nahgelegener Wald. Nacht.
Ein altes verfallenes Schloß in der Mitte.
Die Räuberbande gelagert auf der Erde.
DIE RÄUBER
singen.
Stehlen, morden, huren, balgen
Heißt bei uns nur die Zeit zerstreun,
Morgen hangen wir am Galgen,
Drum laßt uns heute lustig sein.
Ein freies Leben führen wir,
Ein Leben voller Wonne.
Der Wald ist unser Nachtquartier,
Bei Sturm und Wind handtieren wir,
Der Mond ist unsre Sonne,
Merkurius258 ist unser Mann,
Der’s Praktizieren259 trefflich kann.
Heut laden wir bei Pfaffen uns ein,
Bei masten Pächtern morgen,
Was drüber ist, da lassen wir fein
Den lieben Herrgott sorgen.
Und haben wir im Traubensaft
Die Gurgel ausgebadet,
So machen wir uns Mut und Kraft,
Und mit dem Schwarzen260 Brüderschaft,
Der in der Hölle bratet.
Das Wehgeheul geschlagner Väter,
Der bangen Mütter Klaggezetter,
Das Winseln der verlaßnen Braut
Ist Schmaus für unsre Trommelhaut!
Ha! wenn sie euch unter dem Beile so zucken,
Ausbrüllen wie Kälber umfallen wie Mucken261,
Das kitzelt unsern Augenstern,
Das schmeichelt unsern Ohren gern.
Und wenn mein Stündlein kommen nun,
Der Henker soll es holen,
So haben wir halt unsern Lohn,
Und schmieren unsre Sohlen,
Ein Schlückchen auf den Weg von heißen Traubensohn262
Und hura rar dar! gehts, als flögen wir davon.
SCHWEIZER
Es wird Nacht, und der Hauptmann noch nicht da!
RAZMANN
Und versprach doch Schlag acht Uhr wieder bei uns einzutreffen.
SCHWEIZER
Wenn ihm leides geschehen wäre — Kameraden! wir zünden an und morden den Säugling.
SPIEGELBERG
nimmt Razmann beiseite.
Auf ein Wort, Razmann.
SCHWARZ
zu Grimm.
Wollen wir nicht Spionen ausstellen?
GRIMM
Laß du ihn! Er wird einen Fang tun daß wir uns schämen müssen.
SCHWEIZER
Da brennst263 du dich, beim Henker! Er ging nicht von uns wie einer der einen Schelmenstreich im Schild führt. Hast du vergessen, was er gesagt hat als er uns über die Haide führte? — „Wer nur eine Rube vom Acker stiehlt, daß ichs erfahre läßt seinen Kopf hier, so wahr ich Moor heiße.” — Wir dörfen nicht rauben.
RAZMANN
leise zu Spiegelberg.
Wo will das hinaus — rede deutscher.
SPIEGELBERG
Pst! Pst! — Ich weiß nicht, was du oder ich für Begriffe von Freiheit haben, daß wir an einem Karrn ziehen, wie Stiere, und dabei wunderviel von Independenz deklamieren — Es gefällt mir nicht.
SCHWEIZER
zu Grimm
Was wohl dieser Windkopf hier an der Kunkel hat264?
RAZMANN
leise zu Spiegelberg.
Du sprichst vom Hauptmann? —
SPIEGELBERG
Pst doch! Pst! — Er hat so seine Ohren unter uns herumlaufen — Hauptmann sagst du? wer hat ihn zum Hauptmann über uns gesetzt, oder hat er nicht diesen Titel usurpiert, der von rechtswegen mein ist? — Wie? legen wir darum unser Leben auf Würfel265 — baden darum alle Milzsuchten des Schicksals aus, daß wir am End noch von Glück sagen, die Leibeigenen eines Sklaven zu sein? — Leibeigenen da wir Fürsten sein könnten? — Bei Gott! Razmann — das hat mir niemals gefallen.
SCHWEIZER
Zu den andern.
Ja — du bist mir der rechte Held, Frösche mit Steinen breit zu schmeißen — Schon der Klang seiner Nase, wenn er sich schneuzte könnte dich durch ein Nadelöhr jagen —
SPIEGELBERG
zu Razmann.
Ja — Und Jahre schon dicht’ ich darauf266: Es soll anders werden. Razmann — wenn du bist wofür ich dich immer hielt — Razmann. — Man vermißt ihn — gibt ihn halb verloren — Razmann — Mich deucht, seine schwarze Stunde267 schlägt — wie? Nicht einmal röter wirst du, da dir die Glocke zur Freiheit läutet? Hast nicht einmal so viel Mut, einen kühnen Wink zu verstehen?
RAZMANN
Ha, Satan! worin verstrickst du meine Seele?
SPIEGELBERG
Hats gefangen?268 — Gut! so folge. Ich habe mirs gemerkt, wo er hinschlich — Komm! Zwei Pistolen fehlen selten, und dann — so sind wir die erste die den Säugling erdrosseln.
Er will ihn fortreißen.
SCHWEIZER
Zieht wütend sein Messer.
Ha Bestie! Eben recht erinnerst du mich an die Böhmischen Wälder! — Warst du nicht die Memme die anhub zu schnadern269, als sie riefen: Der Feind kommt? Ich hab damals bei meiner Seele geflucht — fahr hin Meuchelmörder
Er sticht ihn Tot.
RÄUBER
In Bewegung.
Mordjo! Mordjo! — Schweizer — Spiegelberg — Reißt sie auseinander —
SCHWEIZER
Wirft das Messer über ihn.
Da! — Und so krepier du — Ruhig Kameraden — Laßt euch den Bettel nicht unterbrechen, — Die Bestie ist dem Hauptmann immer giftig gewesen, und hat keine Narbe auf ihrer ganzen Haut — Noch einmal, gebt euch zufrieden — ha! über den Racker270 — von hinten her will er Männer zu schanden schmeißen? Männer von hinten her! — Ist uns darum der helle271 Schweiß über die Backen gelaufen, daß wir aus der Welt schleichen wie Hundsfötter? Bestie du! Haben wir uns darum unter Feuer und Rauch gebettet, daß wir zuletzt wie Ratten verrecken?
GRIMM
Aber zum Teufel — Kamerad — was hattet ihr mit einander? — Der Hauptmann wird rasend werden.
SCHWEIZER
Dafür laß mich sorgen — Und du heilloser zu Razmann du warst sein Helfershelfer, du! — Pack dich aus meinen Augen — der Schufterle hats auch so gemacht; aber dafür hängt er itzt auch in der Schweiz, wies ihm mein Hauptmann prophezeit hat —
Man schießt.
SCHWARZ
aufspringend.
Horch! ein Pistolschuß! Man schießt wieder. Noch einer! Holla! Der Hauptmann!
GRIMM
Nur Geduld! Er muß zum drittenmal schießen
Man hört noch einen Schuß.
SCHWARZ
Er ists! — Ists! — Salvier dich272, Schweizer — laßt uns ihm antworten.
Sie schießen.
Moor. Kosinsky treten auf.
SCHWEIZER
ihnen entgegen.
Sei willkommen mein Hauptmann — Ich bin ein bißchen vorlaut gewesen seit du weg bist Er führt ihn an die Leiche. Sei du Richter zwischen mir und diesen — von hinten hat er dich ermorden wollen.
RÄUBER
Mit Bestürzung.
Was? Den Hauptmann?
MOOR
In den Anblick versunken, bricht heftig aus.
O unbegreiflicher Finger der rachekundigen Nemesis! — Wars nicht dieser, der mir das Sirenenlied trillerte? — Weihe dies Messer der dunklen Vergelterin! — das hast du nicht getan Schweizer.
SCHWEIZER
Bei Gott! ich habs wahrlich getan, und es ist beim Teufel nicht das schlechtste, was ich in meinem Leben getan habe
geht unwillig ab.
MOOR
Nachdenkend.
Ich verstehe — Lenker im Himmel — ich verstehe — die Blätter fallen von den Bäumen — und mein Herbst ist kommen — Schafft mir diesen aus den Augen
Spiegelbergs Leiche wird hinweg getragen.
GRIMM
Gib uns Ordre Hauptmann — was sollen wir weiter tun?
MOOR
Bald — bald ist alles erfüllet — Gebt mir meine Laute — Ich habe mich selbst verloren, seit ich dort war — Meine Laute sag ich — Ich muß mich zurück lullen in meine Kraft — verlaßt mich.
RÄUBER
Es ist Mitternacht Hauptmann.
MOOR
Doch warens nur die Tränen im Schauspielhaus — den Römergesang muß ich hören, daß mein schlafender Genius273 wieder aufwacht — Meine Laute her — Mitternacht sagt ihr?
SCHWARZ
Wohl bald vorüber. Wie Blei liegt der Schlaf in uns. Seit drei Tagen kein Auge zu.
MOOR
Sinkt denn der Balsamische Schlaf auch auf die Augen der Schelmen? Warum fliehet er mich? Ich bin nie ein Feiger gewesen, oder ein schlechter Kerl — Legt euch schlafen — Morgen am Tage gehen wir weiter.
RÄUBER
Gute Nacht Hauptmann
Sie lagern sich auf der Erde und schlafen ein.
Tiefe Stille.
Moor. Nimmt die Laute und spielt.
Brutus
Sei willkommen friedliches Gefilde,
Nimm den Letzten aller Römer auf,
Von Philippi, wo die Mordschlacht brüllte
Schleicht mein Gram gebeugter Lauf.
Kaßius, wo bist du? — Rom verloren!
Hingewürgt mein brüderliches Heer,
Meine Zuflucht zu des Todes Toren!
Keine Welt für Brutus mehr.
Cesar
Wer mit Schritten eines Niebesiegten
Wandert dort vom Felsenhang? —
Ha! wenn meine Augen mir nicht lügten?
Das ist eines Römers Gang. —
Tybersohn — von wannen deine Reise?
Dauert noch die Siebenhügelstadt274?
Oft geweinet hab ich um die Waise,
Daß sie nimmer einen Cesar hat.
Brutus
Ha! du mit der drei und zwanzigfachen Wunde!
Wer rief Toder dich an’s Licht?
Schaudre rückwärts, zu des Orkus Schlunde,
Stolzer Weiner! — Triumfiere nicht!
Auf Philippis eisernem Altare275
Raucht der Freiheit leztes Opferblut;
Rom verröchelt über Brutus Bahre,
Brutus geht zu Minos — Kreuch in deine Flut!
Cesar
O ein Todesstoß von Brutus Schwerde!
Auch du — Brutus — du?
Sohn — es war dein Vater — Sohn — die Erde
Wär gefallen dir als Erbe zu,
Geh — du bist der größte Römer worden,
Da in Vaters Brust dein Eisen drang,
Geh — und heul es bis zu jenen Pforten:
Brutus ist der größte Römer worden
Da in Vaters Brust sein Eisen drang;
Geh — du weißts nun was an Lethes Strande
Mich noch bannte —
Schwarzer Schiffer stoß vom Lande!
Brutus
Vater halt! — Im ganzen Sonnenreiche
Hab ich Einen nur gekannt,
Der dem großen Cesar gleiche
Diesen Einen hast du Sohn genannt.
Nur ein Cesar mochte Rom verderben
Nur nicht Brutus mochte Cesar stehn.
Wo ein Brutus lebt muß Cesar sterben,
Geh du linkswärts, laß mich rechtswärts gehn.
Er legt die Laute hin, geht tiefdenkend auf und nieder. Wer mir Bürge wäre? — — Es ist alles so finster — verworrene Labyrinthe — kein Ausgang — kein leitendes Gestirn — wenns aus wäre mit diesem letzten Odemzug — Aus wie ein schales Marionettenspiel — Aber wofür der heiße Hunger nach Glückseligkeit? Wofür das Ideal einer unerreichten Vollkommenheit? Das Hinausschieben unvollendeter Plane? — wenn der armselige Druck dieses armseligen Dings Die Pistole vors Gesicht haltend. den Weisen dem Toren — den Feigen dem Tapfern — den Edlen dem Schelmen gleich macht? — Es ist doch eine so göttliche Harmonie in der seelenlosen Natur, warum sollte dieser Mißklang in der vernünftigen sein? — Nein! Nein! es ist etwas mehr, denn ich bin noch nicht glücklich gewesen.
Glaubt ihr, ich werde zittern? Geister meiner Erwürgten! ich werde nicht zittern. Heftig zitternd. — Euer banges Sterbegewinsel — euer schwarzgewürgtes Gesicht — eure fürchterlich klaffenden Wunden sind ja nur Glieder einer unzerbrechlichen Kette des Schicksals, und hängen zuletzt an meinen Feierabenden276, an den Launen meiner Armen und Hofmeister, am Temperament meines Vaters, am Blut meiner Mutter — von Schauer geschüttelt. Warum hat mein Perillus einen Ochsen aus mir gemacht, daß die Menschheit in meinem glühenden Bauche bratet?
Er setzt die Pistolen an.
Zeit und Ewigkeit — gekettet aneinander durch ein einzig Moment! — Grauser Schlüssel, der das Gefängnis des Lebens hinter mir schließt, und vor mir aufriegelt die Behausung der ewigen Nacht — sage mir — o sage mir — wohin — wohin wirst du mich führen? — Fremdes, nie umsegeltes Land! — Siehe, die Menschheit erschlappt unter diesem Bilde, die Spannkraft des Endlichen läßt nach, und die Phantasei, der mutwillige Affe der Sinne, gaukelt unserer Leichtgläubigkeit seltsame Schatten vor — Nein! Nein! Ein Mann muß nicht straucheln — Sei wie du willst namenloses Jenseits — bleibt mir nur dieses mein Selbst getreu — Sei wie du willst, wenn ich nur mich selbst mit hinübernehme — Außendinge sind nur der Anstrich des Manns — Ich bin mein Himmel und meine Hölle.
Wenn Du mir irgend einen eingeäscherten Weltkreis allein ließest, den Du aus deinen Augen verbannt hast, wo die einsame Nacht, und die ewige Wüste meine Aussichten sind? — Ich würde dann die schweigende Öde mit meinen Phantasien bevölkern, und hätte die Ewigkeit zur Muße, das verworrene Bild des allgemeinen Elends zu zergliedern. — Oder willst du mich durch immer neue Geburten und immer neue Schauplätze des Elends von Stufe zu Stufe — zur Vernichtung — führen? Kann ich nicht die Lebensfäden, die mir jenseits gewoben sind so leicht zerreißen wie diesen? — Du kannst mich zu nichts machen — Diese Freiheit kannst du mir nicht nehmen Er lädt die Pistole. Plötzlich hält er inn. Und soll ich für277 Furcht eines qualvollen Lebens sterben? — Soll ich dem Elend den Sieg über mich einräumen? — Nein! ich wills dulden Er wirft die Pistole weg. Die Qual erlahme an meinem Stolz! Ich wills vollenden.
Es wird immer Finstrer.
HERRMANN
Der durch den Wald kommt.
Horch! Horch! grausig heulet der Kauz — zwölf schlägts drüben im Dorf — wohl, wohl — das Bubenstück schläft278 — in dieser Wilde279 kein Lauscher. Tritt an das Schloß und pocht. Komm herauf, Jammermann, Turmbewohner! — Deine Mahlzeit ist bereitet.
MOOR
Sachte zurücktretend.
Was soll das bedeuten?
EINE STIMME
aus dem Schloß.
Wer pocht da? He? Bist dus Herrmann mein Rabe?
HERRMANN
Bins Herrmann, dein Rabe. Steig herauf ans Gitter und iß. Eulen schreien. Fürchterlich trillern deine Schlafkammeraden Alter — dir schmeckt?
DIE STIMME
Hungerte mich sehr. Habe Dank, Rabensender fürs Brot in der Wüste! — Und wie gehts meinem lieben Kind, Herrmann?
HERRMANN
Stille — Horch — Geräusch wie von schnarchenden! hörst du nicht was?
STIMME
Wie? hörst du etwas?
HERRMANN
Den seufzenden Windlaut durch die Ritzen des Turms — Eine Nachtmusik davon einem die Zähn klappern, und die Nägel blau werden — Horch noch einmal — Immer ist mir, als hört ich ein Schnarchen. — Du hast Gesellschaft, Alter — Hu hu hu!
STIMME
Siehst du etwas?
HERRMANN
Leb wohl — leb wohl — Grausig ist diese Stätte — Steig ab ins Loch — droben dein Helfer, dein Rächer — verfluchter Sohn! —
Will fliehen.
MOOR
Mit Entsetzen hervortretend.
Steh!
HERRMANN
Schreiend.
Oh mir!
MOOR
Steh, sag ich!
HERRMANN
Weh! Weh! Weh! Nun ist alles verraten!
MOOR
Steh! Rede! Wer bist du? Was hast du hier zu tun? Rede!
HERRMANN
Erbarmen o Erbarmen gestrenger Herr! — Nur ein Wort höret an, eh ihr mich umbringt.
MOOR
Indem er den Degen zieht.
Was werd ich hören?
HERRMANN
Wohl habt ihr mirs beim Leben verboten — Ich konnt nicht anders — durft nicht anders — im Himmel ein Gott — euer leiblicher Vater dort — mich jammerte sein — Stecht mich nieder.
MOOR
Hier steckt ein Geheimnis — heraus! Sprich! Ich will alles wissen.
DIE STIMME
aus dem Schloß.
Weh! Weh! Bist dus Herrmann der da redet? Mit wem redst du Herrmann?
MOOR
Drunten noch jemand. — Was geht hier vor? Läuft dem Turme zu. Ists ein Gefangener, den die Menschen abschüttelten? — Ich will seine Ketten lösen. — Stimme! noch einmal! wo ist die Türe?
HERRMANN
O habt Barmherzigkeit Herr — dringt nicht weiter, Herr — geht aus Erbarmen vorüber
Verrennt ihm den Weg.
MOOR
Vierfach geschlossen! Weg da — Es muß heraus — Itzt zum erstenmal komm mir zu Hülfe, Dieberei, Er nimmt Brechinstrumente, und öffnet das Gittertor. Aus dem Grunde steigt ein Alter, ausgemergelt wie ein Gerippe.
DER ALTE
Erbarmen einem Elenden! Erbarmen!
MOOR
Springt erschrocken zurück.
Das ist meines Vaters Stimme!
D. A. MOOR
Habe Dank, o Gott! Erschienen ist die Stunde der Erlösung.
MOOR
Geist des alten Moors! Was hat dich beunruhigt in deinem Grab? Hast du eine Sünde in jene Welt geschleppt, die der den Eingang in die Pforten des Paradieses verrammelt? Ich will Messen lesen lassen, den irrenden Geist in seine Heimat zu senden. Hast du das Gold der Witwen und Waisen unter die Erde vergraben, das dich zu dieser mitternächtlichen Stunde heulend herumtreibt, ich will den unterirdischen Schatz aus den Klauen des Zauberdrachen reißen, und wenn er tausend rote Flammen auf mich speit, und seine spitzen Zähne gegen meinem Degen bleckt, oder kommst du auf meine Fragen die Rätsel der Ewigkeit zu entfalten? Rede, rede! ich bin der Mann der bleichen Furcht nicht.
D. A. MOOR
Ich bin kein Geist. Taste mich an, ich lebe, oh ein elendes erbärmliches Leben!
MOOR
Was? Du bist nicht begraben worden?
D. A. MOOR
Ich bin begraben worden — das heißt: ein toter Hund liegt in meiner Väter Gruft; und ich — drei volle Monde schmacht ich schon in diesem finstern unterirdischen Gewölbe, von keinem Strahle beschienen, von keinem warmen Lüftchen angeweht, von keinem Freunde besucht, wo wilde Raben krächzen, und mitternächtliche Uhus heulen —
MOOR
Himmel und Erde! Wer hat das getan?
D. A. MOOR
Verfluch ihn nicht! — Das hat mein Sohn Franz getan.
MOOR
Franz? Franz? Oh ewiges Chaos!
D. A. MOOR
Wenn du ein Mensch bist, und ein menschliches Herz hast, Erlöser, den ich nicht kenne, o so höre den Jammer eines Vaters, den ihm seine Söhne bereitet haben — drei Monden schon hab ichs tauben Felsenwänden zugewinselt; aber ein hohler Widerhall äffte meine Klagen nur nach. Darum, wenn du ein Mensch bist, und ein menschliches Herz hast.
MOOR
Diese Aufforderung könnte die wilden Bestien aus ihren Löchern hervorrufen!
D. A. MOOR
Ich lag eben auf dem Siechbett, hatte kaum angefangen aus einer schweren Krankheit etwas Kräfte zu sammeln, so führte man einen Mann zu mir, der vorgab, mein Erstgeborner sei gestorben in der Schlacht, und mit sich brachte ein Schwert, gefärbt mit seinem Blut, und sein letztes Lebewohl, und daß ihn mein Fluch gejagt hätte in Kampf und Tod und Verzweiflung.
MOOR
Heftig von ihm abgewandt.
Es ist offenbar!
D. A. MOOR
Höre weiter! ich ward unmächtig bei der Botschaft. Man muß mich für tot gehalten haben, denn als ich wieder zu mir selber kam, lag ich schon in der Bahre, und ins Leichentuch gewickelt wie ein Toter. Ich krazte an dem Deckel der Bahre. Er ward aufgetan. Es war finstere Nacht, mein Sohn Franz stand vor mir, — Was? rief er mit entsetzlicher Stimme, willst du denn ewig leben? — und gleich flog der Sargdeckel wieder zu. Der Donner dieser Worte hatte mich meiner Sinne beraubt, als ich wieder erwachte, fühlt ich den Sarg erhoben und fortgeführt in einem Wagen eine halbe Stunde lang. Endlich ward er geöffnet — ich stand am Eingang dieses Gewölbes, mein Sohn vor mir, und der Mann, der mir das blutige Schwert von Karln gebracht hatte — zehnmal umfaßt ich seine Knie, und bat und flehte, und umfaßte sie und beschwur — das Flehen seines Vaters reichte nicht an sein Herz — hinab mit dem Balg! donnerte es von seinem Munde, er hat genug gelebt, und hinab ward ich gestoßen ohn Erbarmen, und mein Sohn Franz schloß hinter mir zu.
MOOR
Es ist nicht möglich, nicht möglich! Ihr müßt euch geirrt haben.
D. A. MOOR
Ich kann mich geirrt haben. Höre weiter, aber zürne doch nicht! So lag ich zwanzig Stunden, und kein Mensch gedachte meiner Not. Auch hat keines Menschen Fußtritt je diese Einöde betreten, denn die allgemeine Sage geht, daß die Gespenster meiner Väter in diesen Ruinen rasselnde Ketten schleifen, und in mitternächtlicher Stunde ihr Totenlied raunen. Endlich hört ich die Tür wieder aufgehen, dieser Mann brachte mir Brot und Wasser, und entdeckte mir, wie ich zum Tod des Hungers verurteilt gewesen, und wie er sein Leben in Gefahr setze, wenn es herauskäm, daß er mich speise. So ward ich kümmerlich erhalten diese lange Zeit, aber der unaufhörliche Frost — die faule Luft meines Unrats, — der grenzenlose Kummer — meine Kräfte wichen, mein Leib schwand, tausendmal bat ich Gott mit Tränen um den Tod, aber das Maß meiner Strafe muß noch nicht gefüllet sein — oder muß noch irgend eine Freude meiner warten, daß ich so wunderbarlich erhalten bin. Aber ich leide gerecht — Mein Karl! mein Karl! — und er hatte noch keine graue Haare.
MOOR
Es ist genug. Auf! ihr Klötze, ihr Eisklumpen! Ihr trägen fühllosen Schläfer! Auf! will keiner erwachen? Er tut einen Pistolenschuß über die schlafenden Räuber.
DIE RÄUBER
aufgejagt.
He, holla! holla! was gibts da?
MOOR
Hat euch die Geschichte nicht aus dem Schlummer gerüttelt? der ewige Schlaf würde wach worden sein! Schaut her, schaut her! die Gesetze der Welt sind Würfelspiel worden, das Band der Natur ist entzwei, die alte Zwietracht ist los, der Sohn hat seinen Vater erschlagen.
DIE RÄUBER
Was sagt der Hauptmann!
MOOR
Nein, nicht erschlagen! das Wort ist Beschönigung! — der Sohn hat den Vater tausendmal gerädert, gespießt, gefoltert, geschunden! die Worte sind mir zu menschlich — worüber die Sünde rot wird, worüber der Kannibale schaudert, worauf seit Äonen280 kein Teufel gekommen ist. — Der Sohn hat seinen eigenen Vater — oh seht her, seht her! er ist in Unmacht gesunken, — in dieses Gewölbe hat der Sohn seinen Vater — Frost, — Blöße, — Hunger, — Durst — oh seht doch, seht doch! — es ist mein eigner Vater, ich wills nur gestehn.
DIE RÄUBER
springen herbei und umringen den Alten.
Dein Vater? dein Vater?
SCHWEIZER
tritt ehrerbietig näher, fällt vor ihm nieder
Vater meines Hauptmanns! Ich küsse dir die Füße! du hast über meinen Dolch zu befehlen.
MOOR
Rache, Rache, Rache dir! grimmig beleidigter, entheiligter Greis! So zerreiß ich von nun an auf ewig das brüderliche Band, er zerreißt sein Kleid von oben an bis unten. So verfluch ich jeden Tropfen brüderlichen Bluts im Antlitz des offenen Himmels! Höre mich Mond und Gestirne! Höre mich mitternächtlicher Himmel! der du auf die Schandtat herunterblicktest! Höre mich dreimalschröcklicher Gott, der da oben über dem Monde waltet, und rächt und verdammt über den Sternen, und feuerflammt über der Nacht! Hier knie ich — hier streck ich empor die drei Finger in die Schauer der Nacht — hier schwör ich, und so speie die Natur mich aus ihren Grenzen wie eine bösartige Bestie aus, wenn ich diesen Schwur verletze, schwör ich das Licht des Tages nicht mehr zu grüßen, bis des Vater-Mörders Blut, vor diesem Steine verschüttet, gegen die Sonne dampft.
Er steht auf.
DIE RÄUBER
Es ist ein Belials Streich! Sag einer, wir seien Schelmen! Nein bei allen Drachen! So bunt haben wirs nie gemacht!
MOOR
Ja! und bei allen schröcklichen Seufzern derer, die jemals durch eure Dolche sturben281, derer, die meine Flamme fraß und mein fallender Turm zermalmte, — eh soll kein Gedanke von Mord oder Raub Platz finden in eurer Brust, bis euer aller Kleider von des verruchten Blute scharlachrot gezeichnet sind — das hat euch wohl niemals geträumet, daß ihr der Arm höherer Majestäten seid? der verworrene Knäul unsers Schicksals ist aufgelößt! Heute, heute hat eine unsichtbare Macht unser Handwerk geadelt! Betet an vor dem, der euch dies erhabene Los gesprochen, der euch hieher geführt, der euch gewürdiget hat die schröckliche Engel seines finstern Gerichtes zu sein! Entblößet eure Häupter! Kniet hin in den Staub, und stehet geheiliget auf! sie knien.
SCHWEIZER
Gebeut282 Hauptmann! was sollen wir tun?
MOOR
Steh auf Schweizer! und rühre diese heilige Locken an! er führt ihn zu seinem Vater und gibt ihm eine Locke in die Hand. Du weißt noch, wie du einsmals jenem böhmischen Reuter den Kopf spaltetest, da er eben den Säbel über mich zuckte, und ich atemlos und erschöpft von der Arbeit in die Knie gesunken war? dazumal verhieß ich dir eine Belohnung, die königlich wäre, ich konnte diese Schuld bisher niemals bezahlen, —
SCHWEIZER
Das schwurst du mir, es ist wahr, aber laß mich dich ewig meinen Schuldner nennen!
MOOR
Nein, itzt will ich bezahlen. Schweizer, so ist noch kein Sterblicher geehrt worden wie du! — Räche meinen Vater!
Schweizer steht auf.
SCHWEIZER
Großer Hauptmann! Heut hast du mich zum erstenmal stolz gemacht! — Gebeut, wo, wie, wann soll ich ihn schlagen283?
MOOR
Die Minuten sind geweiht, du mußt eilends gehen — lies dir die würdigsten aus der Bande, und führe sie gerade nach des Edelmanns Schloß! zerr ihn aus dem Bette, wenn er schläft, oder in den Armen der Wollust liegt, schlepp ihn vom Mahle weg, wenn er besoffen ist, reiß ihn vom Krucifix, wenn er betend vor ihm auf den Knien liegt! Aber ich sage dir, ich schärf es dir hart ein, liefr’ ihn mir nicht tot! dessen Fleisch will ich in Stücken reißen, und hungrigen Geiern zur Speise geben, der ihm nur die Haut ritzt, oder ein Haar kränkt! Ganz muß ich ihn haben, und wenn du ihn ganz und lebendig bringst, so sollst du eine Million zur Belohnung haben, ich will sie einem Könige mit Gefahr meines Lebens stehlen, und du sollst frei ausgehn, wie die weite Luft — hast du mich verstanden, so eile davon!
SCHWEIZER
Genug Hauptmann — Hier hast du meine Hand darauf: Entweder, du siehst zwei zurückkommen, oder gar keinen. Schweizers Würgengel kommt
ab mit einem Geschwader.
MOOR
Ihr übrigen zerstreut euch im Wald — Ich bleibe.