ERSTER AUFTRITT

Szene: des Sultans Palast. Saladin und Sittah spielen Schach.

SITTAH

Wo bist du, Saladin? Wie spielst du heut?

SALADIN

Nicht gut? Ich dächte doch.

SITTAH

Für mich; und kaum.

Nimm diesen Zug zurück.

SALADIN

Warum?

SITTAH

Der Springer

Wird unbedeckt.

SALADIN

Ist wahr. Nun so!

SITTAH

So zieh

Ich in die Gabel.

SALADIN

Wieder wahr. — Schach dann!

SITTAH

Was hilft dir das? Ich setze vor, und du

Bist, wie du warst.

SALADIN

Aus dieser Klemme, seh

Ich wohl, ist ohne Buße nicht zu kommen.

Mag’s! Nimm den Springer nur.

SITTAH

Ich will ihn nicht.

Ich geh vorbei.

SALADIN

Du schenkst mir nichts. Dir liegt

An diesem Platze mehr, als an dem Springer.

SITTAH

Kann sein.

SALADIN

Mach deine Rechnung nur nicht ohne

Den Wirt. Denn sieh! Was gilt’s, das warst du nicht

Vermuten?

SITTAH

Freilich nicht. Wie konnt ich auch

Vermuten, dass du deiner Königin

So müde wärst?

SALADIN

Ich meiner Königin?

SITTAH

Ich seh nun schon: ich soll heut meine tausend

Dinar, kein Naserinchen mehr gewinnen.

SALADIN

Wieso?

SITTAH

Frag noch! — Weil du mit Fleiß, mit aller

Gewalt verlieren willst. — Doch dabei find

Ich meine Rechnung nicht. Denn außer, dass

Ein solches Spiel das unterhaltendste

Nicht ist: gewann ich immer nicht am meisten

Mit dir, wenn ich verlor? Wann hast du mir

Den Satz, mich des verlornen Spieles wegen

Zu trösten, doppelt nicht hernach geschenkt?

SALADIN

Ei sieh! so hättest du ja wohl, wenn du

Verlorst, mit Fleiß verloren, Schwesterchen?

SITTAH

Zum wenigsten kann gar wohl sein, dass deine

Freigebigkeit, mein liebes Brüderchen,

Schuld ist, dass ich nicht besser spielen lernen.

SALADIN

Wir kommen ab vom Spiele. Mach ein Ende!

SITTAH

So bleibt es? Nun dann: Schach! und doppelt Schach!

SALADIN

Nun freilich, dieses Abschach hab ich nicht

Gesehn, das meine Königin zugleich

Mit niederwirft.

SITTAH

War dem noch abzuhelfen?

Lass sehn.

SALADIN

Nein, nein; nimm nur die Königin.

Ich war mit diesem Steine nie recht glücklich.

SITTAH

Bloß mit dem Steine?

SALADIN

Fort damit! — Das tut

Mir nichts. Denn so ist alles wiederum

Geschützt.

SITTAH

Wie höflich man mit Königinnen

Verfahren müsse: hat mein Bruder mich

Zu wohl gelehrt.

Sie lässt sie stehen.

SALADIN

Nimm, oder nimm sie nicht!

Ich habe keine mehr.

SITTAH

Wozu sie nehmen?

Schach! — Schach!

SALADIN

Nur weiter.

SITTAH

Schach! — und Schach! — und Schach! —

SALADIN

Und matt!

SITTAH

Nicht ganz; du ziehst den Springer noch

Dazwischen, oder was du machen willst.

Gleichviel!

SALADIN

Ganz recht! — Du hast gewonnen, und

Al-Hafi zahlt. Man lass’ ihn rufen! gleich! —

Du hattest, Sittah, nicht so Unrecht: ich

War nicht so ganz beim Spiele, war zerstreut.

Und dann: wer gibt uns denn die glatten Steine

Beständig, die an nichts erinnern, nichts

Bezeichnen? Hab ich mit dem Iman denn

Gespielt? — Doch was? Verlust will Vorwand. Nicht

Die ungeformten Steine, Sittah, sind’s,

Die mich verlieren machten: deine Kunst,

Dein ruhiger und schneller Blick.

SITTAH

Auch so

Willst du den Stachel des Verlusts nur stumpfen.

Genug, du warst zerstreut, und mehr als ich.

SALADIN

Als du? Was hätte dich zerstreuet?

SITTAH

Deine

Zerstreuung freilich nicht! — O Saladin,

Wann werden wir so fleißig wieder spielen!

SALADIN

So spielen wir um so viel gieriger! —

Ah! weil es wieder losgeht, meinst du? — Mag’s! —

Nur zu! — Ich habe nicht zuerst gezogen;

Ich hätte gern den Stillestand aufs Neue

Verlängert; hätte meiner Sittah gern,

Gern einen guten Mann zugleich verschafft.

Und das muss Richards Bruder sein: er ist

Ja Richards Bruder.

SITTAH

Wenn du deinen Richard

Nur loben kannst!

SALADIN

Wenn unserm Bruder Melek

Dann Richards Schwester wär zu Teile worden:

Ha! welch ein Haus zusammen! Ha, der ersten,

Der besten Häuser in der Welt das beste! —

Du hörst, ich bin mich selbst zu loben auch

Nicht faul. Ich dünk mich meiner Freunde wert. —

Das hätte Menschen geben sollen! das!

SITTAH

Hab ich des schönen Traums nicht gleich gelacht?

Du kennst die Christen nicht, willst sie nicht kennen.

Ihr Stolz ist: Christen sein; nicht Menschen. Denn

Selbst das, was noch von ihrem Stifter her,

Mit Menschlichkeit den Aberglauben wirzt,

Das lieben sie, nicht weil es menschlich ist:

Weil’s Christus lehrt; weil’s Christus hat getan. —

Wohl ihnen, dass er ein so guter Mensch

Noch war: Wohl ihnen, dass sie seine Tugend

Auf Treu und Glauben nehmen können! — Doch

Was Tugend? — Seine Tugend nicht; sein Name

Soll überall verbreitet werden; soll

Die Namen aller guten Menschen schänden,

Verschlingen. Um den Namen, um den Namen

Ist ihnen nur zu tun.

SALADIN

Du meinst: warum

Sie sonst verlangen würden, dass auch ihr,

Auch du und Melek, Christen hießet, eh

Als Ehgemahl ihr Christen lieben wolltet?

SITTAH

Ja wohl! Als wär von Christen nur, als Christen,

Die Liebe zu gewärtigen, womit

Der Schöpfer Mann und Männin ausgestattet!

SALADIN

Die Christen glauben mehr Armseligkeiten,

Als dass sie die nicht auch noch glauben könnten! —

Und gleichwohl irrst du dich. — Die Tempelherren,

Die Christen nicht, sind Schuld: sind nicht, als Christen,

Als Tempelherren Schuld. Durch die allein

Wird aus der Sache nichts. Sie wollen Acca,

Das Richards Schwester unserm Bruder Melek

Zum Brautschatz bringen müsste, schlechterdings

Nicht fahren lassen. Dass des Ritters Vorteil

Gefahr nicht laufe, spielen sie den Mönch,

Den albern Mönch. Und ob vielleicht im Fluge

Ein guter Streich gelänge, haben sie

Des Waffenstillestandes Ablauf kaum

Erwarten können. — Lustig! Nur so weiter!

Ihr Herren, nur so weiter! — Mir schon recht!

Wär alles sonst nur, wie es müsste.

SITTAH

Nun

Was irrte dich denn sonst? Was könnte sonst

Dich aus der Fassung bringen?

SALADIN

Was von je

Mich immer aus der Fassung hat gebracht.

Ich war auf Libanon, bei unserm Vater.

Er unterliegt den Sorgen noch ...

SITTAH

O weh!

SALADIN

Er kann nicht durch; es klemmt sich allerorten;

Es fehlt bald da, bald dort —

SITTAH

Was klemmt? Was fehlt?

SALADIN

Was sonst, als was ich kaum zu nennen würd’ge?

Was, wenn ich’s habe, mir so überflüssig,

Und hab ich’s nicht, so unentbehrlich scheint.

Wo bleibt Al-Hafi denn? Ist niemand nach

Ihm aus? — Das leidige, verwünschte Geld! —

Gut, Hafi, dass du kömmst.