FÜNFTER AUFTRITT

Nathan und bald darauf der Tempelherr.

NATHAN

Fast scheu ich mich des Sonderlings. Fast macht

Mich seine rauhe Tugend stutzen. Dass

Ein Mensch doch einen Menschen so verlegen

Soll machen können! — Ha! er kommt. — Bei Gott!

Ein Jüngling wie ein Mann. Ich mag ihn wohl,

Den guten, trotz’gen Blick! den drallen Gang!

Die Schale kann nur bitter sein: der Kern

Ist’s sicher nicht. — Wo sah ich doch dergleichen? —

Verzeihet, edler Franke ...

TEMPELHERR

Was?

NATHAN

Erlaubt...

TEMPELHERR

Was, Jude? was?

NATHAN

Dass ich mich untersteh,

Euch anzureden.

TEMPELHERR

Kann ich’s wehren? Doch

Nur kurz!

NATHAN

Verzieht, und eilet nicht so stolz,

Nicht so verächtlich einem Mann vorüber,

Den Ihr auf ewig Euch verbunden habt.

TEMPELHERR

Wie das? — Ah, fast errat ich’s. Nicht? Ihr seid ...

NATHAN

Ich heiße Nathan, bin des Mädchens Vater,

Das Eure Großmut aus dem Feu’r gerettet;

Und komme ...

TEMPELHERR

Wenn zu danken: — spart’s! Ich hab

Um diese Kleinigkeit des Dankes schon

Zu viel erdulden müssen. — Vollends Ihr,

Ihr seid mir gar nichts schuldig. Wusst ich denn

Dass dieses Mädchen Eure Tochter war?

Es ist der Tempelherren Pflicht, dem Ersten

Dem Besten beizuspringen, dessen Not

Sie sehn. Mein Leben war mir ohnedem

In diesem Augenblicke lästig. Gern,

Sehr gern ergriff ich die Gelegenheit,

Es für ein andres Leben in die Schanze

Zu schlagen: für ein andres — wenn’s auch nur

Das Leben einer Jüdin wäre.

NATHAN

Groß!

Groß und abscheulich! — Doch die Wendung lässt

Sich denken. Die bescheidne Größe flüchtet

Sich hinter das Abscheuliche, um der

Bewundrung auszuweichen. — Aber wenn

Sie so das Opfer der Bewunderung

Verschmäht, was für ein Opfer denn verschmäht

Sie minder? — Ritter, wenn Ihr hier nicht fremd

Und nicht gefangen wäret, würd ich Euch

So dreist nicht fragen. Sagt, befehlt: womit

Kann man Euch dienen?

TEMPELHERR

Ihr? Mit nichts.

NATHAN

Ich bin

Ein reicher Mann.

TEMPELHERR

Der reichre Jude war

Mir nie der bessre Jude.

NATHAN

Dürft Ihr denn

Darum nicht nützen, was dem ungeachtet

Er Besseres hat? nicht seinen Reichtum nützen?

TEMPELHERR

Nun gut, das will ich auch nicht ganz verreden,

Um meines Mantels willen nicht. Sobald

Der ganz und gar verschlissen, weder Stich

Noch Fetze länger halten will: komm ich

Und borge mir bei Euch zu einem neuen

Tuch oder Geld. — Seht nicht mit eins so finster!

Noch seid Ihr sicher; noch ist’s nicht so weit

Mit ihm. Ihr seht, er ist so ziemlich noch

Im Stande. Nur der eine Zipfel da

Hat einen garst’gen Fleck: er ist versengt.

Und das bekam er, als ich Eure Tochter

Durchs Feuer trug.

NATHAN

der nach dem Zipfel greift und ihn betrachtet

Es ist doch sonderbar,

Dass so ein böser Fleck, dass so ein Brandmal

Dem Mann ein bessres Zeugnis redet, als

Sein eigner Mund. Ich möcht ihn küssen gleich

Den Flecken! — Ah, verzeiht! — Ich tat es ungern.

TEMPELHERR

Was?

NATHAN

Eine Träne fiel darauf.

TEMPELHERR

Tut nichts!

Er hat der Tropfen mehr. — (Bald aber fängt

Mich dieser Jud’ an zu verwirren.)

NATHAN

Wärt

Ihr wohl so gut und schicktet Euerm Mantel

Auch einmal meinem Mädchen?

TEMPELHERR

Was damit?

NATHAN

Auch ihren Mund auf diesen Fleck zu drücken.

Denn Eure Kniee selber zu umfassen,

Wünscht sie nun wohl vergebens.

TEMPELHERR

Aber, Jude —

Ihr heißet Nathan? — Aber, Nathan — Ihr

Setzt Eure Worte sehr — sehr gut — sehr spitz —

Ich bin betreten — Allerdings — ich hätte ...

NATHAN

Stellt und verstellt Euch, wie Ihr wollt. Ich find

Auch hier Euch aus. Ihr wart zu gut, zu bieder,

Um höflicher zu sein. — Das Mädchen, ganz

Gefühl; der weibliche Gesandte, ganz

Dienstfertigkeit; der Vater weit entfernt —

Ihr trugt für ihren guten Namen Sorge;

Floht ihre Prüfung; floht, um nicht zu siegen.

Auch dafür dank ich Euch —

TEMPELHERR

Ich muss gestehn,

Ihr wisst, wie Tempelherren denken sollten.

NATHAN

Nur Tempelherren? sollten bloß? und bloß,

Weil es die Ordensregeln so gebieten?

Ich weiß, wie gute Menschen denken; weiß,

Dass alle Länder gute Menschen tragen.

TEMPELHERR

Mit Unterschied doch hoffentlich?

NATHAN

Jawohl;

An Farb’, an Kleidung, an Gestalt verschieden.

TEMPELHERR

Auch hier bald mehr, bald weniger, als dort.

NATHAN

Mit diesem Unterschied ist’s nicht weit her.

Der große Mann braucht überall viel Boden;

Und mehrere, zu nah gepflanzt, zerschlagen

Sich nur die Äste. Mittelgut, wie wir,

Find’t sich hingegen überall in Menge.

Nur muss der eine nicht den andern mäkeln.

Nur muss der Knorr den Knuppen hübsch vertragen.

Nur muss ein Gipfelchen sich nicht vermessen,

Dass es allein der Erde nicht entschossen.

TEMPELHERR

Sehr wohl gesagt! — Doch kennt Ihr auch das Volk,

Das diese Menschenmäkelei zuerst

Getrieben? Wisst Ihr, Nathan, welches Volk

Zuerst das auserwählte Volk sich nannte?

Wie? wenn ich dieses Volk nun, zwar nicht hasste,

Doch wegen seines Stolzes zu verachten

Mich nicht entbrechen könnte? Seines Stolzes,

Den es auf Christ und Muselmann vererbte,

Nur sein Gott sei der rechte Gott! — Ihr stutzt,

Dass ich, ein Christ, ein Tempelherr, so rede?

Wenn hat, und wo die fromme Raserei,

Den bessern Gott zu haben, diesen bessern

Der ganzen Welt als besten aufzudringen,

In ihrer schwärzesten Gestalt sich mehr

Gezeigt, als hier, als jetzt? Wem hier, wem jetzt

Die Schuppen nicht vom Auge fallen ... Doch

Sei blind, wer will! — Vergesst, was ich gesagt,

Und lasst mich!

Will gehen.

NATHAN

Ha! Ihr wisst nicht, wie viel fester

Ich nun mich an Euch drängen werde. — Kommt,

Wir müssen, müssen Freunde sein! — Verachtet

Mein Volk so sehr Ihr wollt. Wir haben beide

Uns unser Volk nicht auserlesen. Sind

Wir etwa unser Volk? Was heißt denn Volk?

Sind Christ und Jude eher Christ und Jude,

Als Mensch? Ah! wenn ich einen mehr in Euch

Gefunden hätte, dem es g’nügt, ein Mensch

Zu heißen!

TEMPELHERR

Ja, bei Gott, das habt Ihr, Nathan!

Das habt Ihr! — Eure Hand! — Ich schäme mich,

Euch einen Augenblick verkannt zu haben.

NATHAN

Und ich bin stolz darauf. Nur das Gemeine

Verkennt man selten.

TEMPELHERR

Und das Seltene

Vergisst man schwerlich. — Nathan, ja,

Wir müssen, müssen Freunde werden.

NATHAN

Sind

Es schon. — Wie wird sich meine Recha freuen! —

Und ah! welch eine heitre Ferne schließt

Sich meinen Blicken auf! — Kennt sie nur erst!

TEMPELHERR

Ich brenne vor Verlangen. — Wer stürzt dort

Aus Eurem Hause? Ist’s nicht ihre Daja?

NATHAN

Jawohl. So ängstlich?

TEMPELHERR

Unsrer Recha ist

Doch nichts begegnet?