ZWÖLFTER AUFTRITT
Die Vorigen ohne Adam. — Sie bewegen sich alle in den Vordergrund der Bühne.
RUPRECHT
Ei, Evchen!
Wie hab’ ich heute schändlich dich beleidigt!
Ei, Gott’s Blitz, alle Wetter, und wie gestern!
Ei, du mein goldnes Mädchen, Herzens-Braut!
Wirst du dein Lebtag mir vergeben können?
EVE
Geh, laß mich sein.
RUPRECHT
Ei, ich verfluchter Schlingel!
Könnt’ ich die Hände brauchen, mich zu prügeln.
Nimm, weißt du was? hör: thu mir den Gefallen,
Dein Pätschchen, hol’s der Henker, nimm’s und ball’s,
Und schlage tüchtig Eins mir hinters Ohr.
Willst du’s mir thun? Mein Seel, ich bin nicht ruhig.
EVE
Du hör’st. Ich will nichts von dir wissen.
RUPRECHT
Ei, solch ein Tölpel!
Der Lebrecht denk’ ich, Schaafsgesicht, und geh.
Mich beim Dorfrichter ehrlich zu beklagen,
Und er, vor dem ich klage, ist es selbst:
Den Hals noch judicirt er mir in’s Eisen.
WALTER
Wenn sich die Jungfer gestern gleich der Mutter
Eröffnet hätte züchtiglich, so hätte
Sie dem Gerichte Schand’ erspart, und sich
Zweideut’ge Meinungen von ihrer Ehre.
RUPRECHT
Sie schämte sich. Verzeiht ihr, gnäd’ger Herr!
Es war ihr Richter doch, sie mußt’ ihn schonen. —
Komm nur jetzt fort zu Haus’. Es wird sich finden.
EVE
Ja, schämen!
RUPRECHT
Gut. So war’s was Anderes.
Behalts für dich, was brauchen wir’s zu wissen.
Du wirst’s schon auf der Flieder-Bank mir Eins,
Wenn von dem Thurm die Vesper geht, erzählen.
Komm, sei nur gut.
WALTER
Was wir’s zu wissen brauchen?
So denk’ ich nicht. Wenn Jungfer Eve will,
Daß wir an ihre Unschuld glauben sollen:
So wird sie, wie der Krug zerbrochen worden,
Umständlich nach dem Hergang uns berichten.
Ein Wort keck hingeworfen, macht den Richter
In meinem Aug’ der Sünd noch gar nicht schuldig.
RUPRECHT
Nun denn, so faß’ ein Herz! Du bist ja schuldlos.
Sag’s, was er dir gewollt, der Pferdefuß.
Sieh, hätt’ ein Pferd bei dir den Krug zertrümmert,
Ich wär’ so eifersüchtig just, als jetzt.
EVE
Was hilft’s, daß ich jetzt schuldlos mich erzähle?
Unglücklich sind wir beid’ auf immerdar.
RUPRECHT
Unglücklich, wir?
WALTER
Warum ihr unglücklich?
RUPRECHT
Was gilt’s, da ist die Conscription im Spiele.
EVE
wirft sich Waltern zu Füßen.
Herr, wenn ihr jetzt nicht helft, sind wir verloren!
WALTER
Wenn ich nicht —?
RUPRECHT
Ewiger Gott!
WALTER
Steh auf, mein Kind.
EVE
Nicht eher, Herr, als bis ihr eure Züge,
Die menschlichen, die euch vom Antlitz strahlen,
Wahr macht durch eine That der Menschlichkeit.
WALTER
Mein liebenswerthes Kind! Wenn du mir deine
Unschuldigen bewährst, wie ich nicht zweifle,
Bewähr’ ich auch dir meine menschlichen.
Steh auf!
EVE
Ja, Herr, das werd ich.
WALTER
Gut. So sprich.
EVE
Ihr wißt, daß ein Edict jüngst ist erschienen,
Das von je hundert Söhnen jeden Orts
Zehn für dies Frühjahr zu den Waffen ruft,
Der rüstigsten. Denn der Hispanier
Versöhnt sich mit dem Niederländer nicht,
Und die Tyrannenruthe will er wieder
Sich, die zerbrochene, zusammenbinden.
Kriegshaufen sieht man ziehn auf allen Wegen,
Die Flotten rings, die er uns zugesendet,
Von unsrer Staaten Küsten abzuhalten,
Und die Miliz steht auf, die Thor’ inzwischen
In den verlaßnen Städten zu besetzen.
WALTER
So ist es.
EVE
Ja, so heißt’s, ich weiß.
WALTER
Nun? Weiter?
EVE
Wir eben sitzen, Mutter, Vater, Ruprecht
Und ich, an dem Camin, und halten Rath,
Ob Pfingsten sich, ob Pfingsten übers Jahr,
Die Hochzeit feiern soll: als plötzlich jetzt
Die Commission, die die Rekruten aushebt,
In’s Zimmer tritt, und Ruprecht aufnotirt,
Und unsern frohen Streit mit schneidendem
Machtspruch, just da er sich zu Pfingsten neigte,
Für, Gott weiß, welches Pfingstfest nun? — entscheidet.
WALTER
Mein Kind —
EVE
Gut, gut.
WALTER
Das allgemeine Loos.
EVE
Ich weiß.
WALTER
Dem kann sich Ruprecht gar nicht weigern.
RUPRECHT
Ich denk’ auch nicht daran.
EVE
Er denkt nicht dran,
Gestrenger Herr, und Gott behüte mich,
Daß ich in seiner Sinnesart ihn störte.
Wohl uns, daß wir was Heil’ges, jeglicher,
Wir freien Niederländer, in der Brust,
Des Streites wert bewahren: so gebe jeder denn
Die Brust auch her, es zu vertheidigen.
Müßt’ er dem Feind’ im Treffen selbst begegnen,
Ich spräche noch, zieh hin, und Gott mit dir:
Was werd’ ich jetzt ihn weigern, da er nur
Die Wälle, die geebneten, in Utrecht,
Vor Knaben soll, und ihren Spielen schützen.
Inzwischen, lieber Herr, ihr zürnt mir nicht —
Wenn ich die Mai’n in unserm Garten rings
Dem Pfingstfest röthlich seh’ entgegen knospen,
So kann ich mich der Thränen nicht enthalten:
Denk’ ich doch sonst, und thue, wie ich soll.
WALTER
Verhüt’ auch Gott, daß ich darum dir zürne.
Sprich weiter.
EVE
Nun schickt die Mutter gestern
Mich in gleichgültigem Geschäft in’s Amt,
Zum Richter Adam. Und da ich in das Zimmer trete,
„Gott grüß dich, Evchen! Ei, warum so traurig?”
Spricht er. „Das Köpfchen hängt dir ja wie’n Maienglöckchen!
Ich glaubte fast, du weißt, daß es dir steht.
Der Ruprecht! Gelt? Der Ruprecht!” — Je nun freilich,
Der Ruprecht, sag’ ich; wenn der Mensch was liebt,
Muß er schon auch auf Erden etwas leiden.
Drauf er: „du armes Ding! Hm! Was wohl gäbst du,
Wenn ich den Ruprecht dir von der Miliz befreite? ”
Und ich: wenn ihr den Ruprecht mir befreitet?
Ei nun, dafür mögt’ ich euch schon was geben.
Wie fingt ihr das wohl an? — „Du Närrchen”, sagt er,
Der Physikus, der kann, und ich kann schreiben,
Verborgne Leibesschäden sieht man nicht,
Und bringt der Ruprecht ein Attest darüber
Zur Commission, so giebt die ihm den Abschied:
Das ist ein Handel, wie um eine Semmel.” —
So, sag ich. — „Ja” — So, so! Nun, laßt’s nur sein,
Herr Dorfrichter, sprech’ ich. Daß Gott der Herr
Gerad’ den Ruprecht mir zur Lust erschaffen,
Mag ich nicht vor der Commission verläugnen.
Des Herzens’ innerliche Schäden sieht er,
Und ihn irrt kein Attest vom Physikus.
WALTER
Recht! Brav!
EVE
„Gut”, spricht er. „Wie du willst. So mag
Er seiner Wege gehn. Doch was ich sagen wollte —
Die hundert Gulden, die er kürzlich erbte,
Läßt du dir doch, bevor er geht, verschreiben?” —
Die hundert Gulden, frag’ ich? Ei, warum?
Was hat’s mir für Gefahr auch mit den Gulden?
Wird er denn weiter, als nach Utrecht gehn? —
„Ob er dir weiter als nach Utrecht geht?
Ja, du gerechter Gott, spricht er, was weiß ich,
Wohin der jetzo geht. Folgt er einmal der Trommel
Die Trommel folgt dem Fähndrich, der dem Hauptmann,
Der Hauptmann folgt dem Obersten, der folgt
Dem General, und der folgt den vereinten Staaten wieder,
Und die vereinten Staaten, hol’s der Henker,
Die ziehen in Gedanken weit herum.
Die lassen trommeln, daß die Felle platzen.”
WALTER
Der Schändliche.
EVE
Bewahr mich Gott, sprech’ ich,
Ihr habt, als ihr den Ruprecht aufnotirt,
Ja die Bestimmung deutlich ihm verkündigt.
„Ja! Die Bestimmung!” spricht er: „Speck für Mäuse!
Wenn sie die Landmiliz in Utrecht haben,
So klappt die Falle hinten schnappend zu.
Laß du die hundert Gulden dir verschreiben.” —
Ist das gewiß, frag’ ich, Herr Richter Adam?
Will man zum Kriegsdienst förmlich sie gebrauchen?
„Ob man zum Kriegsdienst sie gebrauchen will?” —
„Willst du Geheimniß, unverbrüchliches,
Mir angeloben gegen jedermann?”
Ei, Herr Gott, sprech’ ich, was auch giebt’s, Herr Richter!
Was sieht er so bedenklich? Sag’ er’s heraus.
WALTER
Nun? Nun? Was wird das werden?
EVE
Was das wird werden?
Herr, jetzo sagt er mir, was ihr wohl wißt,
Daß die Miliz sich einschifft nach Batavia,
Den eingebornen Kön’gen dort, von Bantam,
Von Java, Jakarta, was weiß ich? Raub
Zum Heil der Haager Krämer abzujagen.
WALTER
Was? nach Batavia?
RUPRECHT
Ich, nach Asien?
WALTER
Davon weiß ich kein Wort.
EVE
Gestrenger Herr,
Ich weiß, ihr seid verbunden, so zu reden.
WALTER
Auf meine Pflicht!
EVE
Gut, gut. Auf eure Pflicht.
Und die ist, uns, was wahr ist, zu verbergen.
WALTER
Du hörst’s. Wenn ich —
EVE
Ich sah den Brief, verzeiht, den ihr
Aus Utrecht an die Ämter habt erlassen.
WALTER
Welch einen Brief?
EVE
Den Brief, Herr, die geheime
Instruktion, die Landmiliz betreffend,
Und ihre Stellung aus den Dörfern rings.
WALTER
Den hast du?
EVE
Herr, den sah ich.
WALTER
Und darin?
EVE
Stand, daß die Landmiliz, im Wahn, sie sei
Zum innern Friedensdienste nur bestimmt,
Soll hingehalten werden bis zum März:
Im März dann schiffe sie nach Asien ein.
WALTER
Das in dem Brief selbst hättest du gelesen?
EVE
Ich nicht. Ich las es nicht. Ich kann nicht lesen.
Doch er, der Richter, las den Brief mir vor.
WALTER
So. Er, der Richter.
EVE
Ja. Und Wort vor Wort.
WALTER
Gut, gut. Nun weiter.
EVE
Gott im Himmel, ruf’ ich,
Das junge Volk, das blüh’nde, nach Batavia!
Das Eiland, das entsetzliche, wovon
Jedweden Schiffes Mannschaft, das ihm naht,
Die eine Hälfte stets die andere begräbt.
Das ist ja keine offen ehrliche
Conscription, das ist Betrug, Herr Richter,
Gestohlen ist dem Land’ die schöne Jugend,
Um Pfeffer und Muskaten einzuhandeln.
List gegen List jetzt, schaff’ er das Attest
Für Ruprecht mir, und alles geb ich ihm
Zum Dank, was er nur redlich fordern kann.
WALTER
Das machtest du nicht gut.
EVE
List gegen List.
WALTER
Drauf er?
EVE
„Das wird sich finden”, spricht er, „Evchen,
Vom Dank nachher, jetzt gilt es das Attest.
Wann soll der Ruprecht gehn?” — In diesen Tagen.
„Gut,” spricht er, „gut. Es trifft sich eben günstig.
Denn heut noch kommt der Physikus in’s Amt;
Da kann ich gleich mein Heil mit ihm versuchen.
Wie lange bleibt der Garten bei dir offen?”
Bei mir der Garten, frag’ ich? — „Ja, der Garten.”
Bis gegen zehn, sag’ ich. Warum, Herr Richter?
„Vielleicht kann ich den Schein dir heut noch bringen.” —
Er mir den Schein! Ei, wohin denkt er auch?
Ich werd’ den Schein mir morgen früh schon holen. —
„Auch gut”, spricht er. „Gleichviel. So holst du ihn.
Glock halb auf neun früh Morgens bin ich auf.”
WALTER
Nun?
EVE
Nun — geh’ ich zur Mutter heim, und harre,
Den Kummer, den verschwiegnen, in der Brust,
In meiner Klause, durch den Tag, und harre,
Bis zehn zu Nacht auf Ruprecht, der nicht kömmt.
Und geh verstimmt Glock zehn die Trepp’ hinab,
Die Gartenthür zu schließen, und erblicke,
Da ich sie öffn’, im Dunkeln fernhin wen,
Der schleichend von den Linden her mir naht.
Und sage: Ruprecht! — „Evchen”, heisert es. —
Wer ist da? frag ich. — „St! Wer wird es sein?” —
Ist er’s, Herr Richter? — „Ja, der alte Adam” —
RUPRECHT
Gott’s Blitz!
EVE
Er selbst —
RUPRECHT
Gott’s Donnerwetter!
EVE
Ist’s,
Und kommt, und scherzt, und kneipt mir in die Backen,
Und fragt, ob Mutter schon zu Bette sei.
RUPRECHT
Seht, den Hallunken!
EVE
Drauf ich: Ei, was Herr Richter,
Was will er auch so spät zu Nacht bei mir?
„Je, Närrchen”, spricht er — Dreist heraus, sag’ ich;
Was hat er hier Glock zehn bei mir zu suchen?
„Was ich Glock zehn bei dir zu suchen habe?” —
Ich sag’, laß er die Hand mir weg! Was will er? —
„Ich glaube wohl, du bist verrückt,” spricht er.
„Warst du nicht heut Glock eilf im Amt bei mir,
Und wolltest ein Attest für Ruprecht haben?”
Ob ich? — Nun ja. — „Nun gut. Das bring ich dir.”
Ich sagt’s ihm ja, daß ich’s mir holen wollte. —
„Bei meiner Treu! Die ist nicht recht gescheut.
Ich muß Glock fünf Uhr morgen früh verreisen,
Und ungewiß, wann ich zurücke kehre,
Liefr’ ich den Schein noch heut ihr in die Hände;
Und sie, nichts fehlt, sie zeigt die Thüre mir;
Sie will den Schein sich morgen bei mir holen.” —
Wenn er verreisen will Glock fünf Uhr morgen —
Davon ja wußt’ er heut noch nichts Glock eilf?
„Ich sag’s”, spricht er, „die ist nicht recht bei Troste.
Glock zwölf bekam ich heut die Ordre erst.” —
Das ist was Anderes, das wußt’ ich nicht.
„Du hörst es ja,” spricht er. — Gut, gut, Herr Richter.
So dank’ ich herzlich ihm für seine Mühe.
Verzeih er mir. Wo hat er das Attest?
WALTER
Wißt ihr was von der Ordre?
LICHT
Nicht ein Wort.
Vielmehr bekam er kürzlich noch die Ordre,
Sich nicht von seinem Amte zu entfernen.
Auch habt ihr heut zu Haus’ ihn angetroffen.
WALTER
Nun?
EVE
Wenn er log, ihr Herrn, konnt ich’s nicht prüfen.
Ich mußte seinem Wort vertraun.
WALTER
Ganz recht.
Du konntest es nicht prüfen. Weiter nur.
Wo ist der Schein, sprachst du?
EVE
„Hier,” sagt er, „Evchen;”
Und zieht ihn vor. „Doch höre,” fährt er fort,
„Du mußt, so wahr ich lebe, mir vorher
Noch sagen, wie der Ruprecht zubenams’t?
Heißt er nicht Ruprecht Gimpel?” — Wer? Der Ruprecht?
„Ja. Oder Simpel? Simpel oder Gimpel.”
Ach, Gimpel! Simpel! Tümpel heißt der Ruprecht.
„Gott’s Blitz, ja,” spricht er; „Tümpel! Ruprecht Tümpel!
Hab ich, Gott tödt mich, mit dem Wetternamen
Auf meiner Zunge nicht Versteck gespielt!” —
Ich sag’, Herr Richter Adam, weiß er nicht —?
„Der Teufel soll mich holen, nein!” spricht er. —
Steht denn der Nam’ hier im Attest noch nicht?
„Ob er in dem Attest —?” — Ja, hier im Scheine.
„Ich weiß nicht, wie du heute bist”, spricht er.
„Du hörst’s, ich sucht’ und fand ihn nicht, als ich
Heut nachmittag bei mir den Schein hier mit
Dem Physikus zusammen fabricirte.”
Das ist ja aber dann kein Schein, sprech’ ich.
Das ist, nehm er’s mir übel nicht, ein Wisch, das!
Ich brauch’ ein ordentlich Attest, Herr Richter. —
„Die ist, mein Seel, heut,” spricht er, „ganz von Sinnen.
Der Schein ist fertig, ge- und unterschrieben,
Datirt, besiegelt auch, und in der Mitte
Ein Platz, so groß just, wie ein Tümpel, offen;
Den füll ich jetzt mit Dinte aus, so ist’s
Ein Schein, nach allen Regeln, wie du brauchst.” —
Doch ich: wo will er in der Nacht, Herr Richter,
Hier unterm Birnbaum auch den Platz erfüllen? —
„Gott’s Menschenkind auch, unvernünftiges!”
Spricht er; „du hast ja in der Kammer Licht,
Und Dint und Feder führ’ ich in der Tasche.
Fort! Zwei Minuten braucht’s, so ist’s geschehn.
RUPRECHT
Ei, solch ein blitz-verfluchter Kerl!
WALTER
Und darauf gingst du mit ihm in die Kammer?
EVE
Ich sag: Herr Dorfrichter, was das auch für
Anstalten sind! Ich werde jetzt mit ihm,
Da Mutter schläft, in meine Kammer gehn.
Daraus wird nichts, das konnt’ er sich wohl denken.
„Gut”, spricht er, „wie du willst. Ich bins zufrieden.
So bleibt die Sach’ bis auf ein andermal.
In Tagner drei bis acht bin ich zurück.” —
Herr Gott, sag’ ich, er in acht Tagen erst!
Und in drei Tagen geht der Ruprecht schon —
WALTER
Nun, Evchen, kurz —
EVE
Kurz, gnäd’ger Herr —
WALTER
Du gingst —
EVE
Ich ging. Ich führt’ ihn in die Kammer ein.
FRAU MARTHE
Ei, Eve! Eve!
EVE
Zürnt nicht!
WALTER
Nun jetzt — weiter?
EVE
Da wir jetzt in der Stube sind — zehnmal
Verwünscht’ ich’s schon, eh wir sie noch erreicht —
Und ich die Thür behutsam zugedrückt,
Legt er Attest und Dint’ und Feder auf den Tisch,
Und rückt den Stuhl herbei sich, wie zum Schreiben.
Ich denke, setzen wird er sich: doch er,
Er geht und schiebt den Riegel vor die Thüre,
Und räuspert sich, und lüftet sich die Weste,
Und nimmt sich die Perücke förmlich ab,
Und hängt, weil der Perückenstock ihm fehlt,
Sie auf den Krug dort, den zum Scheuern ich
Bei mir auf’s Wandgesimse hingestellt.
Und da ich frag’, was dies auch mir bedeute?
Läßt er am Tisch jetzt auf den Stuhl sich nieder,
Und faßt mich so, bei beiden Händen, seht,
Und sieht mich an.
FRAU MARTHE
Und sieht —?
RUPRECHT
Und sieht dich an —?
EVE
Zwei abgemessene Minuten starr mich an.
FRAU MARTHE
Und spricht —?
RUPRECHT
Spricht nichts —?
EVE
Er, Niederträcht’ger, sag’ ich,
Da er jetzt spricht; was denkt er auch von mir?
Und stoß’ ihm, vor die Brust daß er euch taumelt —
Und: Jesus Christus! ruf ich: Ruprecht kömmt!
— Denn an der Thür ihn draußen hör’ ich donnern.
RUPRECHT
Ei, sieh! da kam ich recht.
EVE
„Verflucht!” spricht er,
„Ich bin verrathen!” — und springt, den Schein ergreifend,
Und Dint’ und Feder, zu dem Fenster hin.
„Du!” sagt er jetzt, „sei klug!” — und öffnet es.
„Den Schein holst du dir morgen bei mir ab.
Sagst du ein Wort, so nehm ich ihn, und reiß’ ihn,
Und mit ihm deines Lebens Glück, entzwei.”
RUPRECHT
Die Bestie!
EVE
Und tappt sich auf die Hütsche,
Und auf den Stuhl, und steigt auf’s Fensterbrett,
Und untersucht, ob er wohl springen mag.
Und wendet sich, und beugt sich zum Gesimse,
Wo die Perück’ hängt, die er noch vergaß.
Und greift und reißt vom Kruge sie, und reißt
Von dem Gesims den Krug herab:
Der stürzt; er springt; und Ruprecht kracht ins Zimmer.
RUPRECHT
Gott’s Schlag und Wetter!
EVE
Jetzt will, ich jetzt will reden,
Gott der Allwissende bezeugt es mir!
Doch dieser — schnaubend fliegt er euch durch’s Zimmer,
Und stößt —
RUPRECHT
Verflucht!
EVE
Mir vor die Brust —
RUPRECHT
Mein Evchen!
EVE
Ich taumle sinnlos nach dem Bette hin.
VEIT
Verdammter Hitzkopf, du!
EVE
Jetzt steh’ ich noch,
Goldgrün, wie Flammen rings, umspielt es mich,
Und wank’, und halt’ am Bette mich; da stürzt
Der von dem Fenster schmetternd schon herab;
Ich denk’, er steht im Leben nicht mehr auf.
Ich ruf: Heiland der Welt! und spring’ und neige
Mich über ihn, und nehm’ ihn in die Arme,
Und sage: Ruprecht! Lieber Mensch! Was fehlt dir?
Doch er —
RUPRECHT
Fluch mir!
EVE
Er wüthet —
RUPRECHT
Traf ich dich?
EVE
Ich weiche mit Entsetzen aus.
FRAU MARTHE
Der Grobian!
RUPRECHT
Daß mir der Fuß erlahmte!
FRAU MARTHE
Nach ihr zu stoßen!
EVE
Jetzt erscheint die Mutter,
Und stutzt, und hebt die Lamp’ und fällt ergrimmt,
Da sie den Krug in Scherben sieht, den Ruprecht
Als den unzweifelhaften Thäter an.
Er, wutvoll steht er, sprachlos da, will sich
Vertheidigen: doch Nachbar Ralf fällt ihn,
Vom Schein getäuscht, und Nachbar Hinz ihn an,
Und Muhme Sus’ und Lies’ und Frau Brigitte,
Die das Geräusch zusammt herbeigezogen,
Sie Alle, taub, sie schmähen ihn und schimpfen,
Und sehen großen Auges auf mich ein,
Da er mit Flüchen, schäumenden, betheuert,
Daß nicht er, daß ein Andrer das Geschirr,
Der eben nur entwichen sei, zerschlagen.
RUPRECHT
Verwünscht! Daß ich nicht schwieg! Ein Anderer!
Mein liebes Evchen!
EVE
Die Mutter stellt sich vor mich,
Blaß, ihre Lippe zuckt, sie stemmt die Arme.
„Ists,” fragt sie, „ists ein Anderer gewesen?”
Und: Joseph, sag’ ich, und Maria, Mutter;
Was denkt ihr auch? — „Und was noch fragt ihr sie,”
Schreit Muhme Sus’ und Liese: „Ruprecht war’s!”
Und alle schrein: „Der Schändliche! Der Lügner!”
Und ich — ich schwieg, ihr Herrn; ich log, ich weiß,
Doch log ich anders nicht, ich schwör’s, als schweigend.
RUPRECHT
Mein Seel, sie sprach kein Wort, das muß ich sagen.
FRAU MARTHE
Sie sprach nicht, nein, sie nickte mit dem Kopf bloß,
Wenn man sie, obs der Ruprecht war, befragte.
RUPRECHT
Ja, nicken. Gut.
EVE
Ich nickte? Mutter!
RUPRECHT
Nicht?
Auch gut.
EVE
Wann hätt’ ich —?
FRAU MARTHE
Nun? Du hättest nicht,
Als Muhme Suse vor dir stand, und fragte:
Nicht, Evchen, Ruprecht war es? ja genickt?
EVE
Wie? Mutter? Wirklich? Nickt’ ich? Seht —
RUPRECHT
Beim Schnauben,
Beim Schnauben, Evchen! Laß die Sache gut sein.
Du hieltst das Tuch, und schneutztest heftig drein;
Mein Seel, es schien, als ob du’n bissel nicktest.
EVE
verwirrt.
Es muß unmerklich nur gewesen sein.
FRAU MARTHE
Es war zum Merken just genug.
WALTER
Zum Schluß jetzt —?
EVE
Nun war auch heut am Morgen noch mein erster
Gedanke, Ruprecht alles zu vertraun.
Denn weiß er nur der Lüge wahren Grund,
Was gilt’s, denk ich, so lügt er selbst noch mit,
Und sagt, nun ja, den irdnen Krug zerschlug ich;
Und dann so kriegt’ ich auch wohl noch den Schein.
Doch Mutter, da ich in das Zimmer trete,
Die hält den Krug schon wieder, und befiehlt,
Sogleich zum Vater Tümpel ihr zu folgen;
Dort fordert sie den Ruprecht vor Gericht.
Vergebens, daß ich um Gehör ihn bitte,
Wenn ich ihm nah, so schmäht und schimpft er mich,
Und wendet sich, und will nichts von mir wissen.
RUPRECHT
Vergieb mir.
WALTER
Nun laß dir sagen, liebes Kind,
Wie zu so viel, stets tadelnswerthen, Schritten —
— Ich sage tadelnswerth, wenn sie auch gleich
Verzeihlich sind — dich ein gemeiner, grober
Betrug verführt.
EVE
So? Wirklich?
WALTER
Die Miliz
Wird nach Batavia nicht eingeschifft:
Sie bleibt, bleibt in der That bei uns, in Holland.
EVE
Gut, gut, gut. Denn der Richter log; nicht wahr?
So oft: und also log er gestern mir.
Der Brief, den ich gesehen, war verfälscht;
Er las mir’s aus dem Stegreif nur so vor.
WALTER
Ja, ich versichr’ es dich.
EVE
O gnäd’ger Herr! —
O Gott! Wie könnt ihr mir das thun? O sagt —
WALTER
Herr Schreiber Licht! Wie lautete der Brief?
Ihr müßt ihn kennen.
LICHT
Ganz unverfänglich.
Wie’s überall bekannt ist. Die Miliz
Bleibt in dem Land, ’s ist eine Landmiliz.
EVE
O Ruprecht! O mein Leben! Nun ist’s aus.
RUPRECHT
Evchen! Hast du dich wohl auch überzeugt?
Besinne dich!
EVE
Ob ich —? Du wirst’s erfahren.
RUPRECHT
Stand’s wirklich so —?
EVE
Du hörst es, Alles, Alles;
Auch dies, daß sie uns täuschen sollen, Freund.
WALTER
Wenn ich mein Wort dir gebe —
EVE
O gnäd’ger Herr!
RUPRECHT
Wahr ist’s, es war das erstemal wohl nicht —
EVE
Schweig! S’ ist umsonst —
WALTER
Das erstemal wär’s nicht?
RUPRECHT
Vor sieben Jahren soll was Ähnliches
Im Land geschehen sein —
WALTER
Wenn die Regierung
Ihn hinterginge, wär’s das erstemal.
So oft sie Truppen noch nach Asien schickte,
Hat sie’s den Truppen noch gewagt zu sagen.
Er geht —
EVE
Du gehst. Komm.
WALTER
Wo er hinbeordert;
In Utrecht wird er merken, daß er bleibt.
EVE
Du gehst nach Utrecht. Komm. Da wirst du’s merken.
Komm, folg’. Es sind die letzten Abschiedsstunden,
Die die Regierung uns zum Weinen läßt;
Die wird der Herr uns nicht verbittern wollen.
WALTER
Sieh da! So arm dein Busen an Vertrauen?
EVE
O Gott! Gott! Daß ich jetzt nicht schwieg.
WALTER
Dir glaubt’ ich Wort vor Wort, was du mir sagtest;
Ich fürchte fast, daß ich mich übereilt.
EVE
Ich glaub’ euch ja, ihr hört’s, so wie ihr’s meint.
Komm fort.
WALTER
Bleib. Mein Versprechen will ich lösen.
Du hast mir deines Angesichtes Züge
Bewährt, ich will die meinen dir bewähren;
Müßt ich auf andere Art dir den Beweis
Auch führen, als du mir. Nimm diesen Beutel.
EVE
Ich soll —
WALTER
Den Beutel hier mit zwanzig Gulden!
Mit so viel Geld kaufst du den Ruprecht los.
EVE
Wie? Damit —?
WALTER
Ja, befreist du ganz vom Dienst ihn.
Doch so. Schifft die Miliz nach Asien ein,
So ist der Beutel ein Geschenk, ist dein.
Bleibt sie im Land’, wie ich’s vorher dir sagte,
So trägst du deines bösen Mißtrauns Strafe,
Und zahlst, wie billig, Beutel, samt Intressen,
Vom Hundert vier, terminlich mir zurück.
EVE
Wie, gnäd’ger Herr? Wenn die —
WALTER
Die Sach ist klar.
EVE
Wenn die Miliz nach Asien sich einschifft,
So ist der Beutel ein Geschenk, ist mein.
Bleibt sie im Land, wie ihrs vorher mir sagtet,
So soll ich bösen Mißtrauns Straf’ erdulden,
Und Beutel, samt, wie billig, Interessen —
Sie sieht Ruprecht an.
RUPRECHT
Pfui! S’ ist nicht wahr! Es ist kein wahres Wort!
WALTER
Was ist nicht wahr?
EVE
Da nehmt ihn! Nehmt ihn! Nehmt ihn!
WALTER
Wie?
EVE
Nehmt, ich bitt’ euch, gnäd’ger Herr, nehmt, nehmt ihn!
WALTER
Den Beutel?
EVE
O Herr Gott!
WALTER
Das Geld? Warum das?
Vollwichtig neugeprägte Gulden sind’s.
Sieh her, das Antlitz hier des Spanierkönigs:
Meinst du, daß dich der König wird betrügen?
EVE
O lieber, guter, edler Herr, verzeiht mir.
— O der verwünschte Richter!
RUPRECHT
Ei, der Schurke!
WALTER
So glaubst du jetzt, daß ich dir Wahrheit gab?
EVE
Ob ihr mir Wahrheit gabt? O scharfgeprägte,
Und Gottes leuchtend Antlitz drauf. O Himmel!
Daß ich nicht solche Münze mehr erkenne!
WALTER
Hör’, jetzt geb’ ich dir einen Kuß. Darf ich?
RUPRECHT
Und einen tüchtigen. So. Das ist brav.
WALTER
Du also gehst nach Utrecht?
RUPRECHT
Nach Utrecht geh’ ich,
Und steh ein Jahrlang auf den Wällen Schildwach,
Und wenn ich das gethan, u. s. w.... ist Eve mein!