Threnodie XVI

Des Unglücks willen und von Leid versehret.

Das bis ans Mark fast mir im Innern zehret,

Muss Laute ich und holden Reim verlassen,

Ja schier die Seele lassen.

Leb ich? Hat mich ein falscher Traum betrogen,

Der durch das Knochenfenster kam geflogen

Und wie ein wach Gespenst den Sinn uns wirret

Und hier — und dorthin irret?

O Truggeist, Träumereien, wahnbefangen!

Wie leicht ist’s doch mit der Vernunft zu prangen,

Wenn uns die Welt gehorcht und Schicksalstücken

Des Menschen Haupt nicht drücken.

Die Armut preisen wir — im Überflusse,

Den Kummer schätzen leicht wir — im Genusse,

Und nichts ist uns der Tod, solang am Leben

Die geiz’gen Parzen weben.

Doch Not und Leid, wenn die auf uns einbrechen,

Ists nicht so leicht zu leben wie zu sprechen,

Und dann erst ist am Tode uns gelegen,

Wenn er schon unterwegen.

Beredter Arpinate, mit Bedauern

Gehst du aus Rom. Warum? Nicht seine Mauern,

Die ganze Welt ist ja der Sitz der Weisen,

Wie du uns willst erweisen.

Warum beweinst du so der Tochter Sterben?

Hälts du doch nur die Schande für Verderben,

Und alle andern Übel soll und Plagen

Man fast mit Freude tragen.

Der Tod, sagst du, sei Schrecken nur dem Bösen,

Was flohst du ihn, an Tugenden erlesen,

Da deine Rede dich, die zornentfachte,

Ums Haupt beinahe brachte?

Du hast die andern, nicht dich selbst beraten,

Auch dir sind Worte leichter, scheints, als Taten,

Du Engelsfeder, stark das Leid zu tragen,

Das ja auch mich geschlagen.

Es ist der Mensch nicht Stein, und wie die Karten

Fortuna stellt, so wird den Sinn uns arten

Das leid’ge Glück: die Seel es schlimmer spüret.

Wenn wer die Wunden rühret.

Zeit, Mutter des Vergessens, so willkommen.

Was der Verstand nicht trifft und nicht die Frommen

Heil meinen Trübsinn, und die bittern Schmerzen

Verdräng aus meinem Herzen.