ZWEITER AKT

HOCHGEWÖLBTES, ENGES GOTISCHES ZIMMER

ehemals Faustens, unverändert.

MEPHISTOPHELES

hinter einem Vorhang hervortretend. Indem er ihn aufhebt und zurücksieht, erblickt man Fausten hingestreckt auf einem altväterlichen Bette.

Hier lieg, Unseliger! verführt

Zu schwergelöstem Liebesbande!

Wen Helena paralysiert,

Der kommt so leicht nicht zu Verstande.

Sich umschauend.

Blick ich hinauf, hierher, hinüber,

Allunverändert ist es, unversehrt;

Die bunten Scheiben sind, so dünkt mich, trüber,

Die Spinneweben haben sich vermehrt;

Die Tinte starrt, vergilbt ist das Papier;

Doch alles ist am Platz geblieben;

Sogar die Feder liegt noch hier,

Mit welcher Faust dem Teufel sich verschrieben.

Ja! tiefer in dem Rohre stockt

Ein Tröpflein Blut, wie ich’s ihm abgelockt.

Zu einem solchen einzigen Stück

Wünscht ich dem größten Sammler Glück.

Auch hängt der alte Pelz am alten Haken,

Erinnert mich an jene Schnaken,

Wie ich den Knaben einst belehrt,

Woran er noch vielleicht als Jüngling zehrt.

Es kommt mir wahrlich das Gelüsten,

Rauchwarme Hülle, dir vereint

Mich als Dozent noch einmal zu erbrüsten,

Wie man so völlig recht zu haben meint.

Gelehrte wissen’s zu erlangen,

Dem Teufel ist es längst vergangen.

Er schüttelt den herabgenommenen Pelz; Cicaden, Käfer und Farfarellen fahren heraus.

CHOR DER INSEKTEN

Willkommen! willkommen,

Du alter Patron!

Wir schweben und summen

Und kennen dich schon.

Nur einzeln im Stillen

Du hast uns gepflanzt;

Zu Tausenden kommen wir,

Vater, getanzt.

Der Schalk in dem Busen

Verbirgt sich so sehr,

Vom Pelze die Läuschen

Enthüllen sich eh’r.

MEPHISTOPHELES

Wie überraschend mich die junge Schöpfung freut!

Man säe nur, man erntet mit der Zeit.

Ich schüttle noch einmal den alten Flaus,

Noch eines flattert hier und dort hinaus. —

Hinauf! umher! in hunderttausend Ecken

Eilt euch, ihr Liebchen, zu verstecken.

Dort, wo die alten Schachteln stehn,

Hier im bebräunten Pergamen,

In staubigen Scherben alter Töpfe,

Dem Hohlaug jener Totenköpfe.

In solchem Wust und Moderleben

Muß es für ewig Grillen geben.

Schlüpft in den Pelz.

Komm, decke mir die Schultern noch einmal!

Heut bin ich wieder Prinzipal.

Doch hilft es nichts, mich so zu nennen;

Wo sind die Leute, die mich anerkennen?

Er zieht die Glocke die einen gellenden, durchdringenden Ton erschallen läßt, wovon die Hallen erbeben und die Türen aufspringen.

FAMULUS

den langen finstern Gang herwankend.

Welch ein Tönen! welch ein Schauer!

Treppe schwankt, es bebt die Mauer;

Durch der Fenster buntes Zittern

Seh ich wetterleuchtend Wittern.

Springt das Estrich, und von oben

Rieselt Kalk und Schutt verschoben.

Und die Türe, fest verriegelt,

Ist durch Wunderkraft entsiegelt. —

Dort! Wie fürchterlich! Ein Riese

Steht in Faustens altem Vliese!

Seinen Blicken, seinem Winken

Möcht ich in die Kniee sinken.

Soll ich fliehen? Soll ich stehn?

Ach, wie wird es mir ergehn!

MEPHISTOPHELES

winkend.

Heran, mein Freund! — Ihr heißet Nikodemus.

FAMULUS

Hochwürdiger Herr! so ist mein Nam’ — Oremus.

MEPHISTOPHELES

Das lassen wir!

FAMULUS

Wie froh, daß Ihr mich kennt!

MEPHISTOPHELES

Ich weiß es wohl, bejahrt und noch Student,

Bemooster Herr! Auch ein gelehrter Mann

Studiert so fort, weil er nicht anders kann.

So baut man sich ein mäßig Kartenhaus,

Der größte Geist baut’s doch nicht völlig aus.

Doch Euer Meister, das ist ein Beschlagner:

Wer kennt ihn nicht, den edlen Doktor Wagner,

Den Ersten jetzt in der gelehrten Welt!

Er ist’s allein, der sie zusammenhält,

Der Weisheit täglicher Vermehrer.

Allwißbegierige Horcher, Hörer

Versammeln sich um ihn zuhauf.

Er leuchtet einzig vom Katheder;

Die Schlüssel übt er wie Sankt Peter,

Das Untre so das Obre schließt er auf.

Wie er vor allen glüht und funkelt,

Kein Ruf, kein Ruhm hält weiter stand;

Selbst Faustus’ Name wird verdunkelt,

Er ist es, der allein erfand.

FAMULUS

Verzeiht, hochwürdiger Herr! wenn ich Euch sage,

Wenn ich zu widersprechen wage:

Von allem dem ist nicht die Frage;

Bescheidenheit ist sein beschieden Teil.

Ins unbegreifliche Verschwinden

Des hohen Manns weiß er sich nicht zu finden;

Von dessen Wiederkunft erfleht er Trost und Heil.

Das Zimmer, wie zu Doktor Faustus’ Tagen,

Noch unberührt seitdem er fern,

Erwartet seinen alten Herrn.

Kaum wag ich’s, mich herein zu wagen.

Was muß die Sternenstunde sein? —

Gemäuer scheint mir zu erbangen;

Türpfosten bebten, Riegel sprangen,

Sonst kamt Ihr selber nicht herein.

MEPHISTOPHELES

Wo hat der Mann sich hingetan?

Führt mich zu ihm, bringt ihn heran!

FAMULUS

Ach! sein Verbot ist gar zu scharf,

Ich weiß nicht, ob ich’s wagen darf.

Monatelang, des großen Werkes willen,

Lebt’ er im allerstillsten Stillen.

Der zarteste gelehrter Männer,

Er sieht aus wie ein Kohlenbrenner,

Geschwärzt vom Ohre bis zur Nasen,

Die Augen rot vom Feuerblasen,

So lechzt er jedem Augenblick;

Geklirr der Zange gibt Musik.

MEPHISTOPHELES

Sollt er den Zutritt mir verneinen?

Ich bin der Mann, das Glück ihm zu beschleunen.

Der Famulus geht ab, Mephistopheles setzt sich gravitätisch nieder.

Kaum hab ich Posto hier gefaßt,

Regt sich dort hinten, mir bekannt, ein Gast.

Doch diesmal ist er von den Neusten,

Er wird sich grenzenlos erdreusten.

BACCALAUREUS

den Gang herstürmend.

Tor und Türe find ich offen!

Nun, da läßt sich endlich hoffen,

Daß nicht, wie bisher, im Moder

Der Lebendige wie ein Toter

Sich verkümmere, sich verderbe

Und am Leben selber sterbe.

Diese Mauern, diese Wände

Neigen, senken sich zum Ende,

Und wenn wir nicht bald entweichen,

Wird uns Fall und Sturz erreichen.

Bin verwegen, wie nicht einer,

Aber weiter bringt mich keiner.

Doch was soll ich heut erfahren!

War’s nicht hier, vor so viel Jahren,

Wo ich, ängstlich und beklommen,

War als guter Fuchs gekommen?

Wo ich diesen Bärtigen traute,

Mich an ihrem Schnack erbaute?

Aus den alten Bücherkrusten

Logen sie mir, was sie wußten,

Was sie wußten, selbst nicht glaubten,

Sich und mir das Leben raubten.

Wie? — Dort hinten in der Zelle

Sitzt noch einer dunkel-helle!

Nahend seh ich’s mit Erstaunen,

Sitzt er noch im Pelz, dem braunen,

Wahrlich, wie ich ihn verließ,

Noch gehüllt im rauhen Vlies!

Damals schien er zwar gewandt,

Als ich ihn noch nicht verstand.

Heute wird es nichts verfangen,

Frisch an ihn herangegangen!

Wenn, alter Herr, nicht Lethes trübe Fluten

Das schiefgesenkte, kahle Haupt durchschwommen,

Seht anerkennend hier den Schüler kommen,

Entwachsen akademischen Ruten.

Ich find Euch noch, wie ich Euch sah;

Ein anderer bin ich wieder da.

MEPHISTOPHELES

Mich freut, daß ich Euch hergeläutet.

Ich schätzt’ Euch damals nicht gering;

Die Raupe schon, die Chrysalide deutet

Den künftigen bunten Schmetterling.

Am Lockenkopf und Spitzenkragen

Empfandet Ihr ein kindliches Behagen. —

Ihr trugt wohl niemals einen Zopf? —

Heut schau ich Euch im Schwedenkopf.

Ganz resolut und wacker seht Ihr aus;

Kommt nur nicht absolut nach Haus.

BACCALAUREUS

Mein alter Herr! Wir sind am alten Orte;

Bedenkt jedoch erneuter Zeiten Lauf

Und sparet doppelsinnige Worte;

Wir passen nun ganz anders auf.

Ihr hänseltet den guten treuen Jungen;

Das ist Euch ohne Kunst gelungen,

Was heutzutage niemand wagt.

MEPHISTOPHELES

Wenn man der Jugend reine Wahrheit sagt,

Die gelben Schnäbeln keineswegs behagt,

Sie aber hinterdrein nach Jahren

Das alles derb an eigner Haut erfahren,

Dann dünkeln sie, es käm aus eignem Schopf;

Da heißt es denn: der Meister war ein Tropf.

BACCALAUREUS

Ein Schelm vielleicht! — denn welcher Lehrer spricht

Die Wahrheit uns direkt ins Angesicht?

Ein jeder weiß zu mehren wie zu mindern,

Bald ernst, bald heiter klug zu frommen Kindern.

MEPHISTOPHELES

Zum Lernen gibt es freilich eine Zeit;

Zum Lehren seid Ihr, merk ich, selbst bereit.

Seit manchen Monden, einigen Sonnen

Erfahrungsfülle habt Ihr wohl gewonnen.

BACCALAUREUS

Erfahrungswesen! Schaum und Dust!

Und mit dem Geist nicht ebenbürtig.

Gesteht! was man von je gewußt,

Es ist durchaus nicht wissenswürdig.

MEPHISTOPHELES

nach einer Pause.

Mich deucht es längst. Ich war ein Tor,

Nun komm ich mir recht schal und albern vor.

BACCALAUREUS

Das freut mich sehr! Da hör ich doch Verstand;

Der erste Greis, den ich vernünftig fand!

MEPHISTOPHELES

Ich suchte nach verborgen-goldnem Schatze,

Und schauerliche Kohlen trug ich fort.

BACCALAUREUS

Gesteht nur, Euer Schädel, Eure Glatze

Ist nicht mehr wert als jene hohlen dort?

MEPHISTOPHELES

gemütlich.

Du weißt wohl nicht, mein Freund, wie grob du bist?

BACCALAUREUS

Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist.

MEPHISTOPHELES

der mit seinem Rollstuhle immer näher in’s Proscenium rückt, zum Parterre.

Hier oben wird mir Licht und Luft benommen;

Ich finde wohl bei euch ein Unterkommen?

BACCALAUREUS

Anmaßlich find ich, daß zur schlechtsten Frist

Man etwas sein will, wo man nichts mehr ist.

Des Menschen Leben lebt im Blut, und wo

Bewegt das Blut sich wie im Jüngling so?

Das ist lebendig Blut in frischer Kraft,

Das neues Leben sich aus Leben schafft.

Da regt sich alles, da wird was getan,

Das Schwache fällt, das Tüchtige tritt heran.

Indessen wir die halbe Welt gewonnen,

Was habt Ihr denn getan? genickt, gesonnen,

Geträumt, erwogen, Plan und immer Plan.

Gewiß! das Alter ist ein kaltes Fieber

Im Frost von grillenhafter Not.

Hat einer dreißig Jahr vorüber,

So ist er schon so gut wie tot.

Am besten wär’s, euch zeitig totzuschlagen.

MEPHISTOPHELES

Der Teufel hat hier weiter nichts zu sagen.

BACCALAUREUS

Wenn ich nicht will, so darf kein Teufel sein.

MEPHISTOPHELES

abseits.

Der Teufel stellt dir nächstens doch ein Bein.

BACCALAUREUS

Dies ist der Jugend edelster Beruf!

Die Welt, sie war nicht, eh ich sie erschuf;

Die Sonne führt ich aus dem Meer herauf;

Mit mir begann der Mond des Wechsels Lauf;

Da schmückte sich der Tag auf meinen Wegen,

Die Erde grünte, blühte mir entgegen.

Auf meinen Wink, in jener ersten Nacht,

Entfaltete sich aller Sterne Pracht.

Wer, außer mir, entband euch aller Schranken

Philisterhaft einklemmender Gedanken?

Ich aber frei, wie mir’s im Geiste spricht,

Verfolge froh mein innerliches Licht,

Und wandle rasch, im eigensten Entzücken,

Das Helle vor mir, Finsternis im Rücken.

Ab.

MEPHISTOPHELES

Original, fahr hin in deiner Pracht! —

Wie würde dich die Einsicht kränken:

Wer kann was Dummes, wer was Kluges denken,

Das nicht die Vorwelt schon gedacht? —

Doch sind wir auch mit diesem nicht gefährdet,

In wenig Jahren wird es anders sein:

Wenn sich der Most auch ganz absurd gebärdet,

Es gibt zuletzt doch noch e’ Wein.

Zu dem jüngern Parterre das nicht applaudiert.

Ihr bleibt bei meinem Worte kalt,

Euch guten Kindern laß ich’s gehen;

Bedenkt: der Teufel, der ist alt,

So werdet alt, ihn zu verstehen!

LABORATORIUM

im Sinne des Mittelalters, weitläufige, unbehülfliche Apparate, zu phantastischen Zwecken.

WAGNER

am Herde.

Die Glocke tönt, die fürchterliche,

Durchschauert die berußten Mauern.

Nicht länger kann das Ungewisse

Der ernstesten Erwartung dauern.

Schon hellen sich die Finsternisse;

Schon in der innersten Phiole

Erglüht es wie lebendige Kohle,

Ja wie der herrlichste Karfunkel,

Verstrahlend Blitze durch das Dunkel.

Ein helles weißes Licht erscheint!

O daß ich’s diesmal nicht verliere! —

Ach Gott! was rasselt an der Türe?

MEPHISTOPHELES

eintretend.

Willkommen! es ist gut gemeint.

WAGNER

ängstlich.

Willkommen zu dem Stern der Stunde!

Leise.

Doch haltet Wort und Atem fest im Munde,

Ein herrlich Werk ist gleich zustand gebracht.

MEPHISTOPHELES

leiser.

Was gibt es denn?

WAGNER

leiser.

Es wird ein Mensch gemacht.

MEPHISTOPHELES

Ein Mensch? Und welch verliebtes Paar

Habt ihr ins Rauchloch eingeschlossen?

WAGNER

Behüte Gott! wie sonst das Zeugen Mode war,

Erklären wir für eitel Possen.

Der zarte Punkt, aus dem das Leben sprang,

Die holde Kraft, die aus dem Innern drang

Und nahm und gab, bestimmt sich selbst zu zeichnen,

Erst Nächstes, dann sich Fremdes anzueignen,

Die ist von ihrer Würde nun entsetzt;

Wenn sich das Tier noch weiter dran ergetzt,

So muß der Mensch mit seinen großen Gaben

Doch künftig höhern, höhern Ursprung haben.

Zum Herd gewendet.

Es leuchtet! seht! — Nun läßt sich wirklich hoffen,

Daß, wenn wir aus viel hundert Stoffen

Durch Mischung — denn auf Mischung kommt es an —

Den Menschenstoff gemächlich komponieren,

In einen Kolben verlutieren

Und ihn gehörig kohobieren,

So ist das Werk im Stillen abgetan.

Zum Herd gewendet.

Es wird! die Masse regt sich klarer!

Die Überzeugung wahrer, wahrer:

Was man an der Natur Geheimnisvolles pries,

Das wagen wir verständig zu probieren,

Und was sie sonst organisieren ließ,

Das lassen wir kristallisieren.

MEPHISTOPHELES

Wer lange lebt, hat viel erfahren,

Nichts Neues kann für ihn auf dieser Welt geschehn.

Ich habe schon in meinen Wanderjahren

Kristallisiertes Menschenvolk gesehn.

WAGNER

bisher immer aufmerksam auf die Phiole.

Es steigt, es blitzt, es häuft sich an,

Im Augenblick ist es getan.

Ein großer Vorsatz scheint im Anfang toll;

Doch wollen wir des Zufalls künftig lachen,

Und so ein Hirn, das trefflich denken soll,

Wird künftig auch ein Denker machen.

Entzückt die Phiole betrachtend.

Das Glas erklingt von lieblicher Gewalt,

Es trübt, es klärt sich; also muß es werden!

Ich seh in zierlicher Gestalt

Ein artig Männlein sich gebärden.

Was wollen wir, was will die Welt nun mehr?

Denn das Geheimnis liegt am Tage.

Gebt diesem Laute nur Gehör,

Er wird zur Stimme, wird zur Sprache.

HOMUNCULUS

in der Philole zu Wagner.

Nun Väterchen! wie steht’s? es war kein Scherz.

Komm, drücke mich recht zärtlich an dein Herz!

Doch nicht zu fest, damit das Glas nicht springe.

Das ist die Eigenschaft der Dinge:

Natürlichem genügt das Weltall kaum,

Was künstlich ist, verlangt geschloßnen Raum.

Zu Mephistopheles.

Du aber, Schalk, Herr Vetter, bist du hier

Im rechten Augenblick? ich danke dir.

Ein gut Geschick führt dich zu uns herein;

Dieweil ich bin, muß ich auch tätig sein.

Ich möchte mich sogleich zur Arbeit schürzen.

Du bist gewandt, die Wege mir zu kürzen.

WAGNER

Nur noch ein Wort! Bisher mußt’ ich mich schämen,

Denn alt und jung bestürmt mich mit Problemen.

Zum Beispiel nur: noch niemand konnt’ es fassen,

Wie Seel und Leib so schön zusammenpassen,

So fest sich halten, als um nie zu scheiden,

Und doch den Tag sich immerfort verleiden.

Sodann —

MEPHISTOPHELES

Halt ein! ich wollte lieber fragen:

Warum sich Mann und Frau so schlecht vertragen?

Du kommst, mein Freund, hierüber nie ins Reine.

Hier gibt’s zu tun, das eben will der Kleine.

HOMUNCULUS

Was gibt’s zu tun?

MEPHISTOPHELES

auf eine Seitentüre deutend.

Hier zeige deine Gabe!

WAGNER

immer in die Phiole schauend.

Fürwahr, du bist ein allerliebster Knabe!

Die Seitentür öffnet sich, man sieht Faust auf dem Lager hingestreckt.

HOMUNCULUS

Bedeutend! —

Die Phiole entschlüpft aus Wagners Händen, schwebt über Faust und beleuchtet ihn.

Schön umgeben! — Klar Gewässer

Im dichten Haine! Fraun, die sich entkleiden,

Die allerliebsten! — Das wird immer besser.

Doch eine läßt sich glänzend unterscheiden,

Aus höchstem Helden–, wohl aus Götterstamme.

Sie setzt den Fuß in das durchsichtige Helle;

Des edlen Körpers holde Lebensflamme

Kühlt sich im schmiegsamen Kristall der Welle. —

Doch welch Getöse rasch bewegter Flügel,

Welch Sausen, Plätschern wühlt im glatten Spiegel?

Die Mädchen fliehn verschüchtert; doch allein

Die Königin, sie blickt gelassen drein

Und sieht mit stolzem weiblichem Vergnügen

Der Schwäne Fürsten ihrem Knie sich schmiegen,

Zudringlich-zahm. Er scheint sich zu gewöhnen. —

Auf einmal aber steigt ein Dunst empor

Und deckt mit dichtgewebtem Flor

Die lieblichste von allen Szenen.

MEPHISTOPHELES

Was du nicht alles zu erzählen hast!

So klein du bist, so groß bist du Phantast.

Ich sehe nichts —

HOMUNCULUS

Das glaub ich. Du aus Norden,

Im Nebelalter jung geworden,

Im Wust von Rittertum und Pfäfferei,

Wo wäre da dein Auge frei!

Im Düstern bist du nur zu Hause.

Umherschauend.

Verbräunt Gestein, bemodert, widrig,

Spitzbögig, schnörkelhaftest, niedrig! —

Erwacht uns dieser, gibt es neue Not,

Er bleibt gleich auf der Stelle tot.

Waldquellen, Schwäne, nackte Schönen,

Das war sein ahnungsvoller Traum;

Wie wollt’ er sich hierher gewöhnen!

Ich, der Bequemste, duld es kaum.

Nun fort mit ihm!

MEPHISTOPHELES

Der Ausweg soll mich freuen.

HOMUNCULUS

Befiehl den Krieger in die Schlacht,

Das Mädchen führe du zum Reihen,

So ist gleich alles abgemacht.

Jetzt eben, wie ich schnell bedacht,

Ist klassische Walpurgisnacht;

Das Beste, was begegnen könnte.

Bringt ihn zu seinem Elemente!

MEPHISTOPHELES

Dergleichen hab ich nie vernommen.

HOMUNCULUS

Wie wollt’ es auch zu euren Ohren kommen?

Romantische Gespenster kennt ihr nur allein;

Ein echt Gespenst, auch klassisch hat’s zu sein.

MEPHISTOPHELES

Wohin denn aber soll die Fahrt sich regen?

Mich widern schon antikische Kollegen.

HOMUNCULUS

Nordwestlich, Satan, ist dein Lustrevier,

Südöstlich diesmal aber segeln wir —

An großer Fläche fließt Peneios frei,

Umbuscht, umbaumt, in still– und feuchten Buchten;

Die Ebne dehnt sich zu der Berge Schluchten,

Und oben liegt Pharsalus, alt und neu.

MEPHISTOPHELES

O weh! hinweg! und laßt mir jene Streite

Von Tyrannei und Sklaverei beiseite.

Mich langeweilt’s; denn kaum ist’s abgetan,

So fangen sie von vorne wieder an;

Und keiner merkt: er ist doch nur geneckt

Vom Asmodeus, der dahinter steckt.

Sie streiten sich, so heißt’s, um Freiheitsrechte;

Genau besehn, sind’s Knechte gegen Knechte.

HOMUNCULUS

Den Menschen laß ihr widerspenstig Wesen,

Ein jeder muß sich wehren, wie er kann,

Vom Knaben auf, so wird’s zuletzt ein Mann.

Hier fragt sich’s nur, wie dieser kann genesen.

Hast du ein Mittel, so erprob es hier,

Vermagst du’s nicht, so überlaß es mir.

MEPHISTOPHELES

Manch Brockenstückchen wäre durchzuproben,

Doch Heidenriegel find ich vorgeschoben.

Das Griechenvolk, es taugte nie recht viel!

Doch blendet’s euch mit freiem Sinnenspiel,

Verlockt des Menschen Brust zu heitern Sünden;

Die unsern wird man immer düster finden.

Und nun, was soll’s?

HOMUNCULUS

Du bist ja sonst nicht blöde;

Und wenn ich von thessalischen Hexen rede,

So denk ich, hab ich was gesagt.

MEPHISTOPHELES

lüstern.

Thessalische Hexen! Wohl! das sind Personen,

Nach denen hab ich lang gefragt.

Mit ihnen Nacht für Nacht zu wohnen,

Ich glaube nicht, daß es behagt;

Doch zum Besuch, Versuch —

HOMUNCULUS

Den Mantel her,

Und um den Ritter umgeschlagen!

Der Lappen wird euch, wie bisher,

Den einen mit dem andern tragen;

Ich leuchte vor.

WAGNER

ängstlich.

Und ich?

HOMUNCULUS

Eh nun,

Du bleibst zu Hause, Wichtigstes zu tun.

Entfalte du die alten Pergamente,

Nach Vorschrift sammle Lebenselemente

Und füge sie mit Vorsicht eins ans andre.

Das Was bedenke, mehr bedenke Wie.

Indessen ich ein Stückchen Welt durchwandre,

Entdeck ich wohl das Tüpfchen auf das i.

Dann ist der große Zweck erreicht;

Solch einen Lohn verdient ein solches Streben:

Gold, Ehre, Ruhm, gesundes langes Leben,

Und Wissenschaft und Tugend — auch vielleicht.

Leb wohl!

WAGNER

betrübt.

Leb wohl! Das drückt das Herz mir nieder.

Ich fürchte schon, ich seh dich niemals wieder.

MEPHISTOPHELES

Nun zum Peneios frisch hinab!

Herr Vetter ist nicht zu verachten.

Ad Spectatores.

Am Ende hängen wir doch ab

Von Kreaturen, die wir machten.

KLASSISCHE WALPURGISNACHT

Pharsalische Felder.

Finsternis.

ERICHTHO

Zum Schauderfeste dieser Nacht, wie öfter schon,

Tret ich einher, Erichtho, ich, die düstere;

Nicht so abscheulich, wie die leidigen Dichter mich

Im Übermaß verlästern ... Endigen sie doch nie

In Lob und Tadel ... überbleicht erscheint mir schon

Von grauer Zelten Woge weit das Tal dahin,

Als Nachgesicht der sorg– und grauenvollsten Nacht.

Wie oft schon wiederholt’ sich’s! wird sich immerfort

Ins Ewige wiederholen ... Keiner gönnt das Reich

Dem andern; dem gönnt’s keiner, der’s mit Kraft erwarb

Und kräftig herrscht. Denn jeder, der sein innres Selbst

Nicht zu regieren weiß, regierte gar zu gern

Des Nachbars Willen, eignem stolzem Sinn gemäß ...

Hier aber ward ein großes Beispiel durchgekämpft:

Wie sich Gewalt Gewaltigerem entgegenstellt,

Der Freiheit holder, tausendblumiger Kranz zerreißt,

Der starre Lorbeer sich ums Haupt des Herrschers biegt.

Hier träumte Magnus früher Größe Blütentag,

Dem schwanken Zünglein lauschend wachte Cäsar dort!

Das wird sich messen. Weiß die Welt doch, wem’s gelang.

Wachfeuer glühen, rote Flammen spendende,

Der Boden haucht vergoßnen Blutes Widerschein,

Und angelockt von seltnem Wunderglanz der Nacht,

Versammelt sich hellenischer Sage Legion.

Um alle Feuer schwankt unsicher oder sitzt

Behaglich alter Tage fabelhaft Gebild ...

Der Mond, zwar unvollkommen, aber leuchtend hell,

Erhebt sich, milden Glanz verbreitend überall;

Der Zelten Trug verschwindet, Feuer brennen blau.

Doch über mir! welch unerwartet Meteor?

Es leuchtet und beleuchtet körperlichen Ball.

Ich wittre Leben. Da geziemen will mir’s nicht,

Lebendigem zu nahen, dem ich schädlich bin;

Das bringt mir bösen Ruf und frommt mir nicht.

Schon sinkt es nieder. Weich ich aus mit Wohlbedacht!

Entfernt sich.

Die Luftfahrer oben.

HOMUNCULUS

Schwebe noch einmal die Runde

über Flamm– und Schaudergrauen;

Ist es doch in Tal und Grunde

Gar gespenstisch anzuschauen.

MEPHISTOPHELES

Seh ich, wie durchs alte Fenster

In des Nordens Wust und Graus,

Ganz abscheuliche Gespenster,

Bin ich hier wie dort zu Haus.

HOMUNCULUS

Sieh! da schreitet eine Lange

Weiten Schrittes vor uns hin.

MEPHISTOPHELES

Ist es doch, als wär ihr bange;

Sah uns durch die Lüfte ziehn.

HOMUNCULUS

Laß sie schreiten! setz ihn nieder,

Deinen Ritter, und sogleich

Kehret ihm das Leben wieder,

Denn er sucht’s im Fabelreich.

FAUST

den Boden berührend.

Wo ist sie? —

HOMUNCULUS

Wüßten’s nicht zu sagen,

Doch hier wahrscheinlich zu erfragen.

In Eile magst du, eh’ es tagt,

Von Flamm zu Flamme spürend gehen:

Wer zu den Müttern sich gewagt,

Hat weiter nichts zu überstehen.

MEPHISTOPHELES

Auch ich bin hier an meinem Teil;

Doch wüßt ich Besseres nicht zu unserm Heil,

Als: jeder möge durch die Feuer

Versuchen sich sein eigen Abenteuer.

Dann, um uns wieder zu vereinen,

Laß deine Leuchte, Kleiner, tönend scheinen.

HOMUNCULUS

So soll es blitzen, soll es klingen.

Das Glas dröhnt und leuchtet gewaltig.

Nun frisch zu neuen Wunderdingen!

FAUST

allein.

Wo ist sie? — Frage jetzt nicht weiter nach ...

Wär’s nicht die Scholle, die sie trug,

Die Welle nicht, die ihr entgegenschlug,

So ist’s die Luft, die ihre Sprache sprach.

Hier! durch ein Wunder, hier in Griechenland!

Ich fühlte gleich den Boden, wo ich stand;

Wie mich, den Schläfer, frisch ein Geist durchglühte,

So steh ich, ein Antäus an Gemüte.

Und find ich hier das Seltsamste beisammen,

Durchforsch ich ernst dies Labyrinth der Flammen.

Entfernt sich.

AM OBERN PENEIOS

MEPHISTOPHELES

umherspürend.

Und wie ich diese Feuerchen durchschweife,

So find’ ich mich doch ganz und gar entfremdet,

Fast alles nackt, nur hie und da behemdet:

Die Sphinxe schamlos, unverschämt die Greife,

Und was nicht alles, lockig und beflügelt,

Von vorn und hinten sich im Auge spiegelt ...

Zwar sind auch wir von Herzen unanständig,

Doch das Antike find’ ich zu lebendig;

Das müßte man mit neustem Sinn bemeistern

Und mannigfaltig modisch überkleistern ...

Ein widrig Volk! Doch darf mich’s nicht verdrießen,

Als neuer Gast anständig sie zu grüßen ...

Glück zu den schönen Fraun, den klugen Greisen!

GREIF

schnarrend.

Nicht Greisen! Greifen! — Niemand hört es gern,

Daß man ihn Greis nennt. Jedem Worte klingt

Der Ursprung nach, wo es sich her bedingt:

Grau, grämlich, griesgram, greulich, Gräber, grimmig,

Etymologisch gleicherweise stimmig,

Verstimmen uns.

MEPHISTOPHELES

Und doch, nicht abzuschweifen,

Gefällt das Grei im Ehrentitel Greifen.

GREIF

wie oben und immer so fort.

Natürlich! Die Verwandtschaft ist erprobt,

Zwar oft gescholten, mehr jedoch gelobt;

Man greife nun nach Mädchen, Kronen, Gold,

Dem Greifenden ist meist Fortuna hold.

AMEISEN

von der kolossalen Art.

Ihr sprecht von Gold, wir hatten viel gesammelt,

In Fels– und Höhlen heimlich eingerammelt;

Das Arimaspen-Volk hat’s ausgespürt,

Sie lachen dort, wie weit sie’s weggeführt.

GREIFE

Wir wollen sie schon zum Geständnis bringen.

ARIMASPEN

Nur nicht zur freien Jubelnacht.

Bis morgen ist’s alles durchgebracht,

Es wird uns diesmal wohl gelingen.

MEPHISTOPHELES

hat sich zwischen die Spinxe gesetzt.

Wie leicht und gern ich mich hierher gewöhne,

Denn ich verstehe Mann für Mann.

SPHINX

Wir hauchen unsre Geistertöne,

Und ihr verkörpert sie alsdann.

Jetzt nenne dich, bis wir dich weiter kennen.

MEPHISTOPHELES

Mit vielen Namen glaubt man mich zu nennen —

Sind Briten hier? Sie reisen sonst so viel,

Schlachtfeldern nachzuspüren, Wasserfällen,

Gestürzten Mauern, klassisch dumpfen Stellen;

Das wäre hier für sie ein würdig Ziel.

Sie zeugten auch: Im alten Bühnenspiel

Sah man mich dort als Old Iniquity.

SPHINX

Wie kam man drauf?

MEPHISTOPHELES

Ich weiß es selbst nicht wie.

SPHINX

Mag sein! Hast du von Sternen einige Kunde?

Was sagst du zu der gegenwärt’gen Stunde?

MEPHISTOPHELES

aufschauend.

Stern schießt nach Stern, beschnittner Mond scheint helle,

Und mir ist wohl an dieser trauten Stelle,

Ich wärme mich an deinem Löwenfelle.

Hinauf sich zu versteigen, wär’ zum Schaden;

Gib Rätsel auf, gib allenfalls Scharaden.

SPHINX

Sprich nur dich selbst aus, wird schon Rätsel sein.

Versuch einmal, dich innigst aufzulösen:

„Dem frommen Manne nötig wie dem bösen,

Dem ein Plastron, aszetisch zu rapieren,

Kumpan dem andern, Tolles zu vollführen,

Und beides nur, um Zeus zu amüsieren.”

ERSTER GREIF

schnarrend.

Den mag ich nicht!

ZWEITER GREIF

stärker schnarrend.

Was will uns der?

BEIDE

Der Garstige gehöret nicht hierher!

MEPHISTOPHELES

brutal.

Du glaubst vielleicht, des Gastes Nägel krauen

Nicht auch so gut wie deine scharfen Klauen?

Versuch’s einmal!

SPHINX

milde.

Du magst nur immer bleiben,

Wird dich’s doch selbst aus unsrer Mitte treiben;

In deinem Lande tust dir was zugute,

Doch, irr’ ich nicht, hier ist dir schlecht zumute.

MEPHISTOPHELES

Du bist recht appetitlich oben anzuschauen,

Doch unten hin die Bestie macht mir Grauen.

SPHINX

Du Falscher kommst zu deiner bittern Buße,

Denn unsre Tatzen sind gesund;

Dir mit verschrumpftem Pferdefuße

Behagt es nicht in unserem Bund.

Sirenen präludieren oben.

MEPHISTOPHELES

Wer sind die Vögel, in den Ästen

Des Pappelstromes hingewiegt?

SPHINX

Gewahrt euch nur! Die Allerbesten

Hat solch ein Singsang schon besiegt.

SIRENEN

Ach was wollt ihr euch verwöhnen

In dem Häßlich-Wunderbaren!

Horcht, wir kommen hier zu Scharen

Und in wohlgestimmten Tönen;

So geziemet es Sirenen.

SPHINXE

sie verspottend in der selben Melodie.

Nötigt sie, herabzusteigen!

Sie verbergen in den Zweigen

Ihre garstigen Habichtskrallen,

Euch verderblich anzufallen,

Wenn ihr euer Ohr verleiht.

SIRENEN

Weg das Hassen! weg das Neiden!

Sammeln wir die klarsten Freuden,

Unterm Himmel ausgestreut!

Auf dem Wasser, auf der Erde

Sei’s die heiterste Gebärde,

Die man dem Willkommnen beut.

MEPHISTOPHELES

Das sind die saubern Neuigkeiten,

Wo aus der Kehle, von den Saiten

Ein Ton sich um den andern flicht.

Das Trallern ist bei mir verloren:

Es krabbelt wohl mir um die Ohren,

Allein zum Herzen dringt es nicht.

SPHINXE

Sprich nicht vom Herzen! das ist eitel;

Ein lederner verschrumpfter Beutel,

Das paßt dir eher zu Gesicht.

FAUST

herantretend.

Wie wunderbar! das Anschaun tut mir Gnüge,

Im Widerwärtigen große, tüchtige Züge.

Ich ahne schon ein günstiges Geschick;

Wohin versetzt mich dieser ernste Blick?

Auf Sphinxe bezüglich.

Vor solchen hat einst Ödipus gestanden;

Auf Sirenen bezüglich.

Vor solchen krümmte sich Ulyß in hänfnen Banden;

Auf Ameisen bezüglich.

Von solchen ward der höchste Schatz gespart,

Auf Greife bezüglich.

Von diesen treu und ohne Fehl bewahrt.

Vom frischen Geiste fühl ich mich durchdrungen;

Gestalten groß, groß die Erinnerungen.

MEPHISTOPHELES

Sonst hättest du dergleichen weggeflucht,

Doch jetzo scheint es dir zu frommen;

Denn wo man die Geliebte sucht,

Sind Ungeheuer selbst willkommen.

FAUST

zu den Sphinxen.

Ihr Frauenbilder müßt mir Rede stehn:

Hat eins der Euren Helena gesehn?

SPHINXE

Wir reichen nicht hinauf zu ihren Tagen,

Die letztesten hat Herkules erschlagen.

Von Chiron könntest du’s erfragen;

Der sprengt herum in dieser Geisternacht;

Wenn er dir steht, so hast du’s weit gebracht.

SIRENEN

Sollte dir’s doch auch nicht fehlen! ...

Wie Ulyß bei uns verweilte,

Schmähend nicht vorübereilte,

Wußt’ er vieles zu erzählen;

Würden alles dir vertrauen,

Wolltest du zu unsern Gauen

Dich ans grüne Meer verfügen.

SPHINX

Laß dich, Edler, nicht betrügen.

Statt daß Ulyß sich binden ließ,

Laß unsern guten Rat dich binden;

Kannst du den hohen Chiron finden,

Erfährst du, was ich dir verhieß.

Faust entfernt sich.

MEPHISTOPHELES

verdrießlich.

Was krächzt vorbei mit Flügelschlag?

So schnell, daß man’s nicht sehen mag,

Und immer eins dem andern nach,

Den Jäger würden sie ermüden.

SPHINX

Dem Sturm des Winterwinds vergleichbar,

Alcides’ Pfeilen kaum erreichbar;

Es sind die raschen Stymphaliden,

Und wohlgemeint ihr Krächzegruß,

Mit Geierschnabel und Gänsefuß.

Sie möchten gern in unsern Kreisen

Als Stammverwandte sich erweisen.

MEPHISTOPHELES

wie verschüchtert.

Noch andres Zeug zischt zwischen drein.

SPHINX

Vor diesen sei Euch ja nicht bange!

Es sind die Köpfe der lernäischen Schlange,

Vom Rumpf getrennt, und glauben was zu sein.

Doch sagt, was soll nur aus Euch werden?

Was für unruhige Gebärden?

Wo wollt Ihr hin? Begebt Euch fort! ...

Ich sehe, jener Chorus dort

Macht Euch zum Wendehals. Bezwingt Euch nicht,

Geht hin! begrüßt manch reizendes Gesicht!

Die Lamien sind’s, lustfeine Dirnen,

Mit Lächelmund und frechen Stirnen,

Wie sie dem Satyrvolk behagen;

Ein Bocksfuß darf dort alles wagen.

MEPHISTOPHELES

Ihr bleibt doch hier, daß ich euch wiederfinde?

SPHINXE

Ja! Mische dich zum luftigen Gesinde.

Wir, von Ägypten her, sind längst gewohnt,

Daß unsereins in tausend Jahre thront.

Und respektiert nur unsre Lage,

So regeln wir die Mond– und Sonnentage.

Sitzen vor den Pyramiden,

Zu der Völker Hochgericht;

Überschwemmung, Krieg und Frieden —

Und verziehen kein Gesicht.

AM UNTERN PENEIOS

Peneios, umgeben von Gewässern und Nymphen.

PENEIOS

Rege dich, du Schilfgeflüster!

Hauche leise, Rohregeschwister,

Säuselt, leichte Weidensträuche,

Lispelt, Pappelzitterzweige,

Unterbrochnen Träumen zu! ...

Weckt mich doch ein grauslich Wittern,

Heimlich allbewegend Zittern

Aus dem Wallestrom und Ruh.

FAUST

aus dem Fluß tretend.

Hör ich recht, so muß ich glauben:

Hinter den verschränkten Lauben

Dieser Zweige, dieser Stauden

Tönt ein menschenähnlichs Lauten.

Scheint die Welle doch ein Schwätzen,

Lüftlein wie — ein Scherzergetzen.

NYMPHEN

zu Faust.

Am besten geschäh dir,

Du legtest dich nieder,

Erholtest im Kühlen

Ermüdete Glieder,

Genössest der immer

Dich meidenden Ruh;

Wir säuseln, wir rieseln,

Wir flüstern dir zu.

FAUST

Ich wache ja! O laßt sie walten,

Die unvergleichlichen Gestalten,

Wie sie dorthin mein Auge schickt.

So wunderbar bin ich durchdrungen!

Sind’s Träume? Sind’s Erinnerungen?

Schon einmal warst du so beglückt.

Gewässer schleichen durch die Frische

Der dichten, sanft bewegten Büsche,

Nicht rauschen sie, sie rieseln kaum;

Von allen Seiten hundert Quellen

Vereinen sich im reinlich hellen,

Zum Bade flach vertieften Raum.

Gesunde junge Frauenglieder,

Vom feuchten Spiegel doppelt wieder

Ergetztem Auge zugebracht!

Gesellig dann und fröhlich badend,

Erdreistet schwimmend, furchtsam watend;

Geschrei zuletzt und Wasserschlacht.

Begnügen sollt ich mich an diesen,

Mein Auge sollte hier genießen,

Doch immer weiter strebt mein Sinn.

Der Blick dringt scharf nach jener Hülle,

Das reiche Laub der grünen Fülle

Verbirgt die hohe Königin.

Wundersam! auch Schwäne kommen

Aus den Buchten hergeschwommen,

Majestätisch rein bewegt.

Ruhig schwebend, zart gesellig,

Aber stolz und selbstgefällig,

Wie sich Haupt und Schnabel regt ...

Einer aber scheint vor allen

Brüstend kühn sich zu gefallen,

Segelnd rasch durch alle fort;

Sein Gefieder bläht sich schwellend,

Welle selbst, auf Wogen wellend,

Dringt er zu dem heiligen Ort ...

Die andern schwimmen hin und wider

Mit ruhig glänzendem Gefieder,

Bald auch in regem prächtigen Streit,

Die scheuen Mädchen abzulenken,

Daß sie an ihren Dienst nicht denken,

Nur an die eigne Sicherheit.

NYMPHEN

Leget, Schwestern, euer Ohr

An des Ufers grüne Stufe;

Hör ich recht, so kommt mir’s vor

Als der Schall von Pferdes Hufe.

Wüßt ich nur, wer dieser Nacht

Schnelle Botschaft zugebracht.

FAUST

Ist mir doch, als dröhnt die Erde,

Schallend unter eiligem Pferde.

Dorthin mein Blick!

Ein günstiges Geschick,

Soll es mich schon erreichen?

O Wunder ohnegleichen!

Ein Reuter kommt herangetrabt,

Er scheint von Geist und Mut begabt,

Von blendend-weißem Pferd getragen ...

Ich irre nicht, ich kenn ihn schon,

Der Philyra berühmter Sohn! —

Halt, Chiron! halt! Ich habe dir zu sagen ...

CHIRON

Was gibt’s? Was ist’s?

FAUST

Bezähme deinen Schritt!

CHIRON

Ich raste nicht.

FAUST

So bitte! nimm mich mit!

CHIRON

Sitz auf! so kann ich nach Belieben fragen:

Wohin des Wegs? Du stehst am Ufer hier,

Ich bin bereit, dich durch den Fluß zu tragen.

FAUST

aufsitzend.

Wohin du willst. Für ewig dank ich’s dir ...

Der große Mann, der edle Pädagog,

Der, sich zum Ruhm, ein Heldenvolk erzog,

Den schönen Kreis der edlen Argonauten

Und alle, die des Dichters Welt erbauten.

CHIRON

Das lassen wir an seinem Ort!

Selbst Pallas kommt als Mentor nicht zu Ehren;

Am Ende treiben sie’s nach ihrer Weise fort,

Als wenn sie nicht erzogen wären.

FAUST

Den Arzt, der jede Pflanze nennt,

Die Wurzeln bis ins tiefste kennt,

Dem Kranken Heil, dem Wunden Linderung schafft,

Umarm ich hier in Geist– und Körperkraft!

CHIRON

Ward neben mir ein Held verletzt,

Da wußt’ ich Hülf und Rat zu schaffen;

Doch ließ ich meine Kunst zuletzt

Den Wurzelweibern und den Pfaffen.

FAUST

Du bist der wahre große Mann,

Der Lobeswort nicht hören kann.

Er sucht bescheiden auszuweichen

Und tut, als gäb es seinesgleichen.

CHIRON

Du scheinest mir geschickt zu heucheln,

Dem Fürsten wie dem Volk zu schmeicheln.

FAUST

So wirst du mir denn doch gestehn:

Du hast die Größten deiner Zeit gesehn,

Dem Edelsten in Taten nachgestrebt,

Halbgöttlich ernst die Tage durchgelebt.

Doch unter den heroischen Gestalten

Wen hast du für den Tüchtigsten gehalten?

CHIRON

Im hehren Argonautenkreise

War jeder brav nach seiner eignen Weise,

Und nach der Kraft, die ihn beseelte,

Konnt’ er genügen, wo’s den andern fehlte.

Die Dioskuren haben stets gesiegt,

Wo Jugendfüll und Schönheit überwiegt.

Entschluß und schnelle Tat zu andrer Heil,

Den Boreaden ward’s zum schönsten Teil.

Nachsinnend, kräftig, klug, im Rat bequem,

So herrschte Jason, Frauen angenehm.

Dann Orpheus: zart und immer still bedächtig,

Schlug er die Leier allen übermächtig.

Scharfsichtig Lynceus, der bei Tag und Nacht

Das heil’ge Schiff durch Klipp und Strand gebracht ...

Gesellig nur läßt sich Gefahr erproben:

Wenn einer wirkt, die andern alle loben ...

FAUST

Von Herkules willst nichts erwähnen?

CHIRON

O weh! errege nicht mein Sehnen ...

Ich hatte Phöbus nie gesehn,

Noch Ares, Hermes, wie sie heißen;

Da sah ich mir vor Augen stehn,

Was alle Menschen göttlich preisen.

So war er ein geborner König,

Als Jüngling herrlichst anzuschaun;

Dem ältern Bruder untertänig

Und auch den allerliebsten Fraun.

Den zweiten zeugt nicht Gäa wieder,

Nicht führt ihn Hebe himmelein;

Vergebens mühen sich die Lieder,

Vergebens quälen sie den Stein.

FAUST

So sehr auch Bildner auf ihn pochen,

So herrlich kam er nie zur Schau.

Vom schönsten Mann hast du gesprochen,

Nun sprich auch von der schönsten Frau!

CHIRON

Was!... Frauenschönheit will nichts heißen,

Ist gar zu oft ein starres Bild;

Nur solch ein Wesen kann ich preisen,

Das froh und lebenslustig quillt.

Die Schöne bleibt sich selber selig;

Die Anmut macht unwiderstehlich,

Wie Helena, da ich sie trug.

FAUST

Du trugst sie?

CHIRON

Ja, auf diesem Rücken.

FAUST

Bin ich nicht schon verwirrt genug?

Und solch ein Sitz muß mich beglücken!

CHIRON

Sie faßte so mich in das Haar,

Wie du es tust.

FAUST

O ganz und gar

Verlier ich mich! Erzähle, wie?

Sie ist mein einziges Begehren!

Woher, wohin, ach, trugst du sie?

CHIRON

Die Frage läßt sich leicht gewähren.

Die Dioskuren hatten jener Zeit

Das Schwesterchen aus Räuberfaust befreit.

Doch diese, nicht gewohnt, besiegt zu sein,

Ermannten sich und stürmten hintendrein.

Da hielten der Geschwister eiligen Lauf

Die Sümpfe bei Eleusis auf;

Die Brüder wateten, ich patschte, schwamm hinüber;

Da sprang sie ab und streichelte

Die feuchte Mähne, schmeichelte

Und dankte lieblich-klug und selbstbewußt.

Wie war sie reizend! jung, des Alten Lust!

FAUST

Erst zehen Jahr!...

CHIRON

Ich seh, die Philologen,

Sie haben dich so wie sich selbst betrogen.

Ganz eigen ist’s mit mythologischer Frau,

Der Dichter bringt sie, wie er’s braucht, zur Schau:

Nie wird sie mündig, wird nicht alt,

Stets appetitlicher Gestalt,

Wird jung entführt, im Alter noch umfreit;

Gnug, den Poeten bindet keine Zeit.

FAUST

So sei auch sie durch keine Zeit gebunden!

Hat doch Achill auf Pherä sie gefunden,

Selbst außer aller Zeit. Welch seltnes Glück:

Errungen Liebe gegen das Geschick!

Und sollt ich nicht, sehnsüchtigster Gewalt,

Ins Leben ziehn die einzigste Gestalt?

Das ewige Wesen, Göttern ebenbürtig,

So groß als zart, so hehr als liebenswürdig?

Du sahst sie einst; heut hab ich sie gesehn,

So schön wie reizend, wie ersehnt so schön.

Nun ist mein Sinn, mein Wesen streng umfangen;

Ich lebe nicht, kann ich sie nicht erlangen.

CHIRON

Mein fremder Mann! als Mensch bist du entzückt;

Doch unter Geistern scheinst du wohl verrückt.

Nun trifft sich’s hier zu deinem Glücke;

Denn alle Jahr, nur wenig Augenblicke,

Pfleg ich bei Manto vorzutreten,

Der Tochter Äskulaps; im stillen Beten

Fleht sie zum Vater, daß, zu seiner Ehre,

Er endlich doch der Ärzte Sinn verkläre

Und vom verwegnen Totschlag sie bekehre...

Die liebste mir aus der Sibyllengilde,

Nicht fratzenhaft bewegt, wohltätig milde;

Ihr glückt es wohl, bei einigem Verweilen,

Mit Wurzelkräften dich von Grund zu heilen.

FAUST

Geheilt will ich nicht sein, mein Sinn ist mächtig;

Da wär ich ja wie andre niederträchtig.

CHIRON

Versäume nicht das Heil der edlen Quelle!

Geschwind herab! Wir sind zur Stelle.

FAUST

Sag an! Wohin hast du, in grauser Nacht,

Durch Kiesgewässer mich ans Land gebracht?

CHIRON

Hier trotzten Rom und Griechenland im Streite,

Peneios rechts, links den Olymp zur Seite,

Das größte Reich, das sich im Sand verliert;

Der König flieht, der Bürger triumphiert.

Blick auf! hier steht, bedeutend nah,

Im Mondenschein der ewige Tempel da.

MANTO

inwendig träumend.

Von Pferdes Hufe

Erklingt die heilige Stufe,

Halbgötter treten heran.

CHIRON

Ganz recht!

Nur die Augen aufgetan!

MANTO

erwachend.

Willkommen! ich seh, du bleibst nicht aus.

CHIRON

Steht dir doch auch dein Tempelhaus!

MANTO

Streiftst du noch immer unermüdet?

CHIRON

Wohnst du doch immer still umfriedet,

Indes zu kreisen mich erfreut.

MANTO

Ich harre, mich umkreist die Zeit.

Und dieser?

CHIRON

Die verrufene Nacht

Hat strudelnd ihn hierher gebracht.

Helenen, mit verrückten Sinnen,

Helenen will er sich gewinnen

Und weiß nicht, wie und wo beginnen;

Asklepischer Kur vor andern wert.

MANTO

Den lieb ich, der Unmögliches begehrt.

Chiron ist schon weit weg.

MANTO

Tritt ein, Verwegner, sollst dich freuen!

Der dunkle Gang führt zu Persephoneien.

In des Olympus hohlem Fuß

Lauscht sie geheim verbotnem Gruß.

Hier hab ich einst den Orpheus eingeschwärzt;

Benutz es besser! frisch! beherzt!

Sie steigen hinab.

AM OBERN PENEIOS

wie zuvor.

SIRENEN

Stürzt euch in Peneios’ Flut!

Plätschernd ziemt es da zu schwimmen,

Lied um Lieder anzustimmen,

Dem unseligen Volk zugut.

Ohne Wasser ist kein Heil!

Führen wir mit hellem Heere

Eilig zum ägäischen Meere,

Würd uns jede Lust zu teil.

Erdbeben.

SIRENEN

Schäumend kehrt die Welle wieder,

Fließt nicht mehr im Bett darnieder;

Grund erbebt, das Wasser staucht,

Kies und Ufer berstend raucht.

Flüchten wir! Kommt alle, kommt!

Niemand, dem das Wunder frommt.

Fort! ihr edlen frohen Gäste,

Zu dem seeisch heitern Feste,

Blinkend, wo die Zitterwellen,

Ufernetzend, leise schwellen;

Da, wo Luna doppelt leuchtet,

Uns mit heil’gem Tau befeuchtet.

Dort ein freibewegtes Leben,

Hier ein ängstlich Erdebeben;

Eile jeder Kluge fort!

Schauderhaft ist’s um den Ort.

SEISMOS

in der Tiefe brummend und polternd.

Einmal noch mit Kraft geschoben,

Mit den Schultern brav gehoben!

So gelangen wir nach oben,

Wo uns alles weichen muß.

SPHINXE

Welch ein widerwärtig Zittern,

Häßlich grausenhaftes Wittern!

Welch ein Schwanken, welches Beben,

Schaukelnd Hin– und Widerstreben!

Welch unleidlicher Verdruß!

Doch wir ändern nicht die Stelle,

Bräche los die ganze Hölle.

Nun erhebt sich ein Gewölbe

Wundersam. Es ist derselbe,

Jener Alte, längst Ergraute,

Der die Insel Delos baute,

Einer Kreißenden zulieb

Aus der Wog empor sie trieb.

Er, mit Streben, Drängen, Drücken,

Arme straff, gekrümmt den Rücken,

Wie ein Atlas an Gebärde,

Hebt er Boden, Rasen, Erde,

Kies und Grieß und Sand und Letten,

Unsres Ufers stille Betten.

So zerreißt er eine Strecke

Quer des Tales ruhige Decke.

Angestrengtest, nimmer müde,

Kolossale Karyatide,

Trägt ein furchtbar Steingerüste,

Noch im Boden bis zur Büste;

Weiter aber soll’s nicht kommen,

Sphinxe haben Platz genommen.

SEISMOS

Das hab ich ganz allein vermittelt,

Man wird mir’s endlich zugestehn;

Und hätt ich nicht geschüttelt und gerüttelt,

Wie wäre diese Welt so schön? —

Wie ständen eure Berge droben

In prächtig-reinem Ätherblau,

Hätt ich sie nicht hervorgeschoben

Zu malerisch-entzückter Schau?

Als, angesichts der höchsten Ahnen,

Der Nacht, des Chaos, ich mich stark betrug

Und, in Gesellschaft von Titanen,

Mit Pelion und Ossa als mit Ballen schlug,

Wir tollten fort in jugendlicher Hitze,

Bis überdrüssig noch zuletzt

Wir dem Parnaß, als eine Doppelmütze,

Die beiden Berge frevelnd aufgesetzt ...

Apollen hält ein froh Verweilen

Dort nun mit seliger Musen Chor.

Selbst Jupitern und seinen Donnerkeilen

Hob ich den Sessel hoch empor.

Jetzt so, mit ungeheurem Streben,

Drang aus dem Abgrund ich herauf

Und fordre laut, zu neuem Leben,

Mir fröhliche Bewohner auf.

SPHINXE

Uralt, müßte man gestehen,

Sei das hier Emporgebürgte,

Hätten wir nicht selbst gesehen,

Wie sich’s aus dem Boden würgte.

Bebuschter Wald verbreitet sich hinan,

Noch drängt sich Fels auf Fels bewegt heran;

Ein Sphinx wird sich daran nicht kehren:

Wir lassen uns im heiligen Sitz nicht stören.

GREIFE

Gold in Blättchen, Gold in Flittern

Durch die Ritzen seh ich zittern.

Laßt euch solchen Schatz nicht rauben,

Imsen, auf! es auszuklauben.

CHOR DER AMEISEN

Wie ihn die Riesigen

Emporgehoben,

Ihr Zappelfüßigen,

Geschwind nach oben!

Behendest aus und ein!

In solchen Ritzen

Ist jedes Bröselein

Wert zu besitzen.

Das Allermindeste

Müßt ihr entdecken

Auf das geschwindeste

In allen Ecken.

Allemsig müßt ihr sein,

Ihr Wimmelscharen;

Nur mit dem Gold herein!

Den Berg laßt fahren.

GREIFE

Herein! Herein! Nur Gold zu Hauf!

Wir legen unsre Klauen drauf;

Sind Riegel von der besten Art,

Der größte Schatz ist wohlverwahrt.

PYGMÄEN

Haben wirklich Platz genommen,

Wissen nicht, wie es geschah.

Fraget nicht, woher wir kommen,

Denn wir sind nun einmal da!

Zu des Lebens lustigem Sitze

Eignet sich ein jedes Land;

Zeigt sich eine Felsenritze,

Ist auch schon der Zwerg zur Hand.

Zwerg und Zwergin, rasch zum Fleiße,

Musterhaft ein jedes Paar;

Weiß nicht, ob es gleicher Weise

Schon im Paradiese war.

Doch wir finden’s hier zum besten,

Segnen dankbar unsern Stern;

Denn im Osten wie im Westen

Zeugt die Mutter Erde gern.

DAKTYLE

Hat sie in einer Nacht

Die Kleinen hervorgebracht,

Sie wird die Kleinsten erzeugen;

Finden auch ihresgleichen.

PYGMÄEN-ÄLTESTE

Eilet, bequemen

Sitz einzunehmen!

Eilig zum Werke!

Schnelle für Stärke!

Noch ist es Friede;

Baut euch die Schmiede,

Harnisch und Waffen

Dem Heer zu schaffen.

Ihr Imsen alle,

Rührige im Schwalle,

Schafft uns Metalle!

Und ihr Daktyle,

Kleinste, so viele,

Euch sei befohlen,

Hölzer zu holen!

Schlichtet zusammen

Heimliche Flammen,

Schaffet uns Kohlen.

GENERALISSIMUS

Mit Pfeil und Bogen

Frisch ausgezogen!

An jenem Weiher

Schießt mir die Reiher,

Unzählig nistende,

Hochmütig brüstende,

Auf einen Ruck,

Alle wie einen!

Daß wir erscheinen

Mit Helm und Schmuck.

IMSEN UND DAKTYLE

Wer wird uns retten!

Wir schaffen ’s Eisen,

Sie schmieden Ketten.

Uns loszureißen,

Ist noch nicht zeitig,

Drum seid geschmeidig.

DIE KRANICHE DES IBYKUS

Mordgeschrei und Sterbeklagen!

ängstlich Flügelflatterschlagen!

Welch ein Ächzen, welch Gestöhn

Dringt herauf zu unsern Höhn!

Alle sind sie schon ertötet,

See von ihrem Blut gerötet,

Mißgestaltete Begierde

Raubt des Reihers edle Zierde.

Weht sie doch schon auf dem Helme

Dieser Fettbauch-Krummbein-Schelme.

Ihr Genossen unsres Heeres,

Reihenwanderer des Meeres,

Euch berufen wir zur Rache

In so nahverwandter Sache.

Keiner spare Kraft und Blut!

Ewige Feindschaft dieser Brut!

Zerstreuen sich krächzend in den Lüften.

MEPHISTOPHELES

in der Ebene.

Die nordischen Hexen wußt’ ich wohl zu meistern,

Mir wird’s nicht just mit diesen fremden Geistern.

Der Blocksberg bleibt ein gar bequem Lokal,

Wo man auch sei, man findet sich zumal.

Frau Ilse wacht für uns auf ihrem Stein,

Auf seiner Höh wird Heinrich munter sein,

Die Schnarcher schnauzen zwar das Elend an,

Doch alles ist für tausend Jahr getan.

Wer weiß denn hier nur, wo er geht und steht,

Ob unter ihm sich nicht der Boden bläht? ...

Ich wandle lustig durch ein glattes Tal,

Und hinter mir erhebt sich auf einmal

Ein Berg, zwar kaum ein Berg zu nennen,

Von meinen Sphinxen mich jedoch zu trennen

Schon hoch genug — hier zuckt noch manches Feuer

Das Tal hinab und flammt ums Abenteuer ...

Noch tanzt und schwebt mir lockend, weichend vor,

Spitzbübisch gaukelnd, der galante Chor.

Nur sachte drauf! Allzugewohnt ans Naschen,

Wo es auch sei, man sucht was zu erhaschen.

LAMIEN

Mephistopheles nach sich ziehend.

Geschwind, geschwinder!

Und immer weiter!

Dann wieder zaudernd,

Geschwätzig plaudernd.

Es ist so heiter,

Den alten Sünder

Uns nachzuziehen,

Zu schwerer Buße.

Mit starrem Fuße

Kommt er geholpert,

Einher gestolpert;

Er schleppt das Bein,

Wie wir ihn fliehen,

Uns hinterdrein!

MEPHISTOPHELES

stillstehend.

Verflucht Geschick! Betrogne Mannsen!

Von Adam her verführte Hansen!

Alt wird man wohl, wer aber klug?

Warst du nicht schon vernarrt genug!

Man weiß, das Volk taugt aus dem Grunde nichts,

Geschnürten Leibs, geschminkten Angesichts.

Nichts haben sie Gesundes zu erwidern,

Wo man sie anfaßt, morsch in allen Gliedern.

Man weiß, man sieht’s, man kann es greifen,

Und dennoch tanzt man, wenn die Luder pfeifen!

LAMIEN

innehaltend.

Halt! er besinnt sich, zaudert, steht;

Entgegnet ihm, daß er euch nicht entgeht!

MEPHISTOPHELES

fortschreitend.

Nur zu! und laß dich ins Gewebe

Der Zweifelei nicht törig ein;

Denn wenn es keine Hexen gäbe,

Wer Teufel möchte Teufel sein!

LAMIEN

anmutigst.

Kreisen wir um diesen Helden!

Liebe wird in seinem Herzen

Sich gewiß für eine melden.

MEPHISTOPHELES

Zwar bei ungewissem Schimmer

Scheint ihr hübsche Frauenzimmer,

Und so möcht ich euch nicht schelten.

EMPUSE

eindringend.

Auch nicht mich! als eine solche

Laßt mich ein in eure Folge.

LAMIEN

Die ist in unserm Kreis zuviel,

Verdirbt doch immer unser Spiel.

EMPUSE

zu Mephistopheles.

Begrüßt von Mühmichen Empuse,

Der Trauten mit dem Eselsfuße!

Du hast nur einen Pferdefuß,

Und doch, Herr Vetter, schönsten Gruß!

MEPHISTOPHELES

Hier dacht’ ich lauter Unbekannte

Und finde leider Nahverwandte;

Es ist ein altes Buch zu blättern:

Vom Harz bis Hellas immer Vettern!

EMPUSE

Entschieden weiß ich gleich zu handeln,

In vieles könnt ich mich verwandeln;

Doch Euch zu Ehren hab ich jetzt

Das Eselsköpfchen aufgesetzt.

MEPHISTOPHELES

Ich merk, es hat bei diesen Leuten

Verwandtschaft Großes zu bedeuten;

Doch mag sich, was auch will, eräugnen,

Den Eselskopf möcht ich verleugnen.

LAMIEN

Daß diese Garstige, sie verscheucht,

Was irgend schön und lieblich deucht;

Was irgend schön und lieblich wär —

Sie kommt heran, es ist nicht mehr!

MEPHISTOPHELES

Auch diese Mühmchen zart und schmächtig,

Sie sind mir allesamt verdächtig;

Und hinter solcher Wänglein Rosen

Fürcht ich doch auch Metamorphosen.

LAMIEN

Versuch es doch! sind unsrer viele.

Greif zu! Und hast du Glück im Spiele,

Erhasche dir das beste Los.

Was soll das lüsterne Geleier?

Du bist ein miserabler Freier,

Stolzierst einher und tust so groß! —

Nun mischt er sich in unsre Scharen;

Laßt nach und nach die Masken fahren

Und gebt ihm euer Wesen bloß.

MEPHISTOPHELES

Die Schönste hab ich mir erlesen ...

Sie umfassend.

O weh mir! welch ein dürrer Besen!

Ein andere ergreifend.

Und diese? ... Schmähliches Gesicht!

LAMIEN

Verdienst du’s besser? dünkt es nicht.

MEPHISTOPHELES

Die Kleine möcht ich mir verpfänden...

Lacerte schlüpft mir aus den Händen!

Und schlangenhaft der glatte Zopf.

Dagegen fass ich mir die Lange...

Da pack ich eine Thyrsusstange,

Den Pinienapfel als den Kopf!

Wo will’s hinaus?... Noch eine Dicke,

An der ich mich vielleicht erquicke;

Zum letztenmal gewagt! Es sei!

Recht quammig, quappig, das bezahlen

Mit hohem Preis Orientalen...

Doch ach! der Bovist platzt entzwei!

LAMIEN

Fahrt auseinander, schwankt und schwebet

Blitzartig, schwarzen Flugs umgebet

Den eingedrungnen Hexensohn!

Unsichre, schauderhafte Kreise!

Schweigsamen Fittichs, Fledermäuse!

Zu wohlfeil kommt er doch davon.

MEPHISTOPHELES

sich schüttelnd.

Viel klüger, scheint es, bin ich nicht geworden;

Absurd ist’s hier, absurd im Norden,

Gespenster hier wie dort vertrackt,

Volk und Poeten abgeschmackt.

Ist eben hier eine Mummenschanz

Wie überall, ein Sinnentanz.

Ich griff nach holden Maskenzügen

Und faßte Wesen, daß mich’s schauerte...

Ich möchte gerne mich betrügen,

Wenn es nur länger dauerte.

Sich zwischen dem Gestein verlierend.

Wo bin ich denn? Wo will’s hinaus?

Das war ein Pfad, nun ist’s ein Graus.

Ich kam daher auf glatten Wegen,

Und jetzt steht mir Geröll entgegen.

Vergebens klettr’ ich auf und nieder,

Wo find ich meine Sphinxe wieder?

So toll hätt ich mir’s nicht gedacht,

Ein solch Gebirge in einer Nacht!

Das heiß ich frischen Hexenritt,

Die bringen ihren Blocksberg mit.

OREAS

vom Naturfels.

Herauf hier! Mein Gebirg ist alt,

Steht in ursprünglicher Gestalt.

Verehre schroffe Felsensteige,

Des Pindus letztgedehnte Zweige!

Schon stand ich unerschüttert so,

Als über mich Pompejus floh.

Daneben das Gebild des Wahns

Verschwindet schon beim Krähn des Hahns.

Dergleichen Märchen seh ich oft entstehn

Und plötzlich wieder untergehn.

MEPHISTOPHELES

Sei Ehre dir, ehrwürdiges Haupt,

Von hoher Eichenkraft umlaubt!

Der allerklarste Mondenschein

Dringt nicht zur Finsternis herein. —

Doch neben am Gebüsche zieht

Ein Licht, das gar bescheiden glüht.

Wie sich das alles fügen muß!

Fürwahr, es ist Homunculus!

Woher des Wegs, du Kleingeselle?

HOMUNCULUS

Ich schwebe so von Stell zu Stelle

Und möchte gern im besten Sinn entstehn,

Voll Ungeduld, mein Glas entzweizuschlagen;

Allein, was ich bisher gesehn,

Hinein da möcht ich mich nicht wagen.

Nur, um dir’s im Vertraun zu sagen:

Zwei Philosophen bin ich auf der Spur,

Ich horchte zu, es hieß: Natur, Natur!

Von diesen will ich mich nicht trennen,

Sie müssen doch das irdische Wesen kennen;

Und ich erfahre wohl am Ende,

Wohin ich mich am allerklügsten wende.

MEPHISTOPHELES

Das tu auf deine eigne Hand.

Denn wo Gespenster Platz genommen,

Ist auch der Philosoph willkommen.

Damit man seiner Kunst und Gunst sich freue,

Erschafft er gleich ein Dutzend neue.

Wenn du nicht irrst, kommst du nicht zu Verstand.

Willst du entstehn, entsteh auf eigne Hand!

HOMUNCULUS

Ein guter Rat ist auch nicht zu verschmähn.

MEPHISTOPHELES

So fahre hin! Wir wollen’s weiter sehn.

Trennen sich.

ANAXAGORAS

zu Thales.

Dein starrer Sinn will sich nicht beugen;

Bedarf es Weitres, dich zu überzeugen?

THALES

Die Welle beugt sich jedem Winde gern,

Doch hält sie sich vom schroffen Felsen fern.

ANAXAGORAS

Durch Feuerdunst ist dieser Fels zu Handen.

THALES

Im Feuchten ist Lebendiges erstanden.

HOMUNCULUS

zwischen beiden.

Laßt mich an eurer Seite gehn.

Mir selbst gelüstet’s, zu entstehn!

ANAXAGORAS

Hast du, o Thales, je in einer Nacht

Solch einen Berg aus Schlamm hervorgebracht?

THALES

Nie war Natur und ihr lebendiges Fließen

Auf Tag und Nacht und Stunden angewiesen.

Sie bildet regelnd jegliche Gestalt,

Und selbst im Großen ist es nicht Gewalt.

ANAXAGORAS

Hier aber war’s! Plutonisch grimmig Feuer,

äolischer Dünste Knallkraft, ungeheuer,

Durchbrach des flachen Bodens alte Kruste,

Daß neu ein Berg sogleich entstehen mußte.

THALES

Was wird dadurch nun weiter fortgesetzt?

Er ist auch da, und das ist gut zuletzt.

Mit solchem Streit verliert man Zeit und Weile

Und führt doch nur geduldig Volk am Seile.

ANAXAGORAS

Schnell quillt der Berg von Myrmidonen,

Die Felsenspalten zu bewohnen;

Pygmäen, Imsen, Däumerlinge

Und andre tätig kleine Dinge.

Zum Homunculus. Nie hast du Großem nachgestrebt,

Einsiedlerisch-beschränkt gelebt;

Kannst du zur Herrschaft dich gewöhnen,

So laß ich dich als König krönen.

HOMUNCULUS

Was sagt mein Thales?

THALES

Will’s nicht raten;

Mit Kleinen tut man kleine Taten,

Mit Großen wird der Kleine groß.

Sieh hin! die schwarze Kranichwolke!

Sie droht dem aufgeregten Volke

Und würde so dem König drohn.

Mit scharfen Schnäbeln, krallen Beinen,

Sie stechen nieder auf die Kleinen;

Verhängnis wetterleuchtet schon.

Ein Frevel tötete die Reiher,

Umstellend ruhigen Friedensweiher.

Doch jener Mordgeschosse Regen

Schafft grausam-blut’gen Rachesegen,

Erregt der Nahverwandten Wut

Nach der Pygmäen frevlem Blut.

Was nützt nun Schild und Helm und Speer?

Was hilft der Reiherstrahl den Zwergen?

Wie sich Daktyl und Imse bergen!

Schon wankt, es flieht, es stürzt das Heer.

ANAXAGORAS

Nach eine Pause feierlich.

Konnt ich bisher die Unterirdischen loben,

So wend ich mich in diesem Fall nach oben ...

Du! droben ewig Unveraltete,

Dreinamig-Dreigestaltete,

Dich ruf ich an bei meines Volkes Weh,

Diana, Luna, Hekate!

Du Brusterweiternde, im Tiefsten Sinnige,

Du Ruhigscheinende, Gewaltsam-Innige,

Eröffne deiner Schatten grausen Schlund,

Die alte Macht sei ohne Zauber kund!

Pause.

Bin ich zu schnell erhört?

Hat mein Flehn

Nach jenen Höhn

Die Ordnung der Natur gestört?

Und größer, immer größer nahet schon

Der Göttin rundumschriebner Thron,

Dem Auge furchtbar, ungeheuer!

Ins Düstre rötet sich sein Feuer ...

Nicht näher, drohend-mächtige Runde!

Du richtest uns und Land und Meer zugrunde!

So wär es wahr, daß dich thessalische Frauen

In frevlend magischem Vertrauen

Von deinem Pfad herabgesungen,

Verderblichstes dir abgerungen? ...

Das lichte Schild hat sich umdunkelt,

Auf einmal reißt’s und blitzt und funkelt!

Welch ein Geprassel! Welch ein Zischen!

Ein Donnern, Windgetüm dazwischen! —

Demütig zu des Thrones Stufen! —

Verzeiht! Ich hab es hergerufen.

Wirft sich auf’s Angesicht.

THALES

Was dieser Mann nicht alles hört’ und sah!

Ich weiß nicht recht, wie uns geschah,

Auch hab ich’s nicht mit ihm empfunden.

Gestehen wir, es sind verrückte Stunden,

Und Luna wiegt sich ganz bequem

An ihrem Platz, so wie vordem.

HOMUNCULUS

Schaut hin nach der Pygmäen Sitz!

Der Berg war rund, jetzt ist er spitz.

Ich spürt’ ein ungeheures Prallen,

Der Fels war aus dem Mond gefallen;

Gleich hat er, ohne nachzufragen,

So Freund als Feind gequetscht, erschlagen.

Doch muß ich solche Künste loben,

Die schöpferisch, in einer Nacht,

Zugleich von unten und von oben,

Dies Berggebäu zustand gebracht.

THALES

Sei ruhig! Es war nur gedacht.

Sie fahre hin, die garstige Brut!

Daß du nicht König warst, ist gut.

Nun fort zum heitern Meeresfeste,

Dort hofft und ehrt man Wundergäste.

Entfernen sich.

MEPHISTOPHELES

an der Gegenseite kletternd.

Da muß ich mich durch steile Felsentreppen,

Durch alter Eichen starre Wurzeln schleppen!

Auf meinem Harz der harzige Dunst

Hat was vom Pech, und das hat meine Gunst,

Zunächst dem Schwefel ... Hier, bei diesen Griechen

Ist von dergleichen kaum die Spur zu riechen;

Neugierig aber wär ich, nachzuspüren,

Womit sie Höllenqual und –flamme schüren.

DRYAS

In deinem Lande sei einheimisch klug,

Im fremden bist du nicht gewandt genug.

Du solltest nicht den Sinn zur Heimat kehren,

Der heiligen Eichen Würde hier verehren.

MEPHISTOPHELES

Man denkt an das, was man verließ;

Was man gewohnt war, bleibt ein Paradies.

Doch sagt: was in der Höhle dort,

Bei schwachem Licht, sich dreifach hingekauert?

DRYAS

Die Phorkyaden! Wage dich zum Ort

Und sprich sie an, wenn dich nicht schauert.

MEPHISTOPHELES

Warum denn nicht! — Ich sehe was, und staune!

So stolz ich bin, muß ich mir selbst gestehn:

Dergleichen hab ich nie gesehn,

Die sind ja schlimmer als Alraune ...

Wird man die urverworfnen Sünden

Im mindesten noch häßlich finden,

Wenn man dies Dreigetüm erblickt?

Wir litten sie nicht auf den Schwellen

Der grauenvollsten unsrer Höllen.

Hier wurzelt’s in der Schönheit Land,

Das wird mit Ruhm antik genannt ...

Sie regen sich, sie scheinen mich zu spüren,

Sie zwitschern pfeifend, Fledermaus-Vampyren.

PHORKYAS

Gebt mir das Auge, Schwestern, daß es frage,

Wer sich so nah an unsre Tempel wage.

MEPHISTOPHELES

Verehrteste! Erlaubt mir, euch zu nahen

Und euren Segen dreifach zu empfahen.

Ich trete vor, zwar noch als Unbekannter,

Doch, irr ich nicht, weitläufiger Verwandter.

Altwürdige Götter hab ich schon erblickt,

Vor Ops und Rhea tiefstens mich gebückt;

Die Parzen selbst, des Chaos, eure Schwestern,

Ich sah sie gestern — oder ehegestern;

Doch euresgleichen hab ich nie erblickt.

Ich schweige nun und fühle mich entzückt.

PHORKYADEN

Er scheint Verstand zu haben, dieser Geist.

MEPHISTOPHELES

Nur wundert’s mich, daß euch kein Dichter preist.

Und sagt: wie kam’s, wie konnte das geschehn?

Im Bilde hab ich nie euch Würdigste gesehn;

Versuch’s der Meißel doch, euch zu erreichen,

Nicht Juno, Pallas, Venus und dergleichen.

PHORKYADEN

Versenkt in Einsamkeit und stillste Nacht,

Hat unser Drei noch nie daran gedacht!

MEPHISTOPHELES

Wie sollt es auch? da ihr, der Welt entrückt,

Hier niemand seht und niemand euch erblickt.

Da müßtet ihr an solchen Orten wohnen,

Wo Pracht und Kunst auf gleichem Sitze thronen,

Wo jeden Tag, behend, im Doppelschritt,

Ein Marmorblock als Held ins Leben tritt.

Wo —

PHORKYADEN

Schweige still und gib uns kein Gelüsten!

Was hülf es uns, und wenn wir’s besser wüßten?

In Nacht geboren, Nächtlichem verwandt,

Beinah uns selbst, ganz allen unbekannt.

MEPHISTOPHELES

In solchem Fall hat es nicht viel zu sagen,

Man kann sich selbst auch andern übertragen.

Euch dreien gnügt ein Auge, gnügt ein Zahn;

Da ging es wohl auch mythologisch an,

In zwei die Wesenheit der drei zu fassen,

Der Dritten Bildnis mir zu überlassen,

Auf kurze Zeit.

EINE

Wie dünkt’s euch? ging’ es an?

DIE ANDERN

Versuchen wir’s! — doch ohne Aug und Zahn.

MEPHISTOPHELES

Nun habt ihr grad das Beste weggenommen;

Wie würde da das strengste Bild vollkommen!

EINE

Drück du ein Auge zu, ’s ist leicht geschehn,

Laß alsofort den einen Raffzahn sehn,

Und im Profil wirst du sogleich erreichen,

Geschwisterlich vollkommen uns zu gleichen.

MEPHISTOPHELES

Viel Ehr! Es sei!

PHORKYADEN

Es sei!

MEPHISTOPHELES

als Phorkyas im Profil.

Da steh ich schon,

Des Chaos vielgeliebter Sohn!

PHORKYADEN

Des Chaos Töchter sind wir unbestritten.

MEPHISTOPHELES

Man schilt mich nun, o Schmach, Hermaphroditen.

PHORKYADEN

Im neuen Drei der Schwestern welche Schöne!

Wir haben zwei der Augen, zwei der Zähne.

MEPHISTOPHELES

Vor aller Augen muß ich mich verstecken,

Im Höllenpfuhl die Teufel zu erschrecken.

Ab.

FELSBUCHTEN DES ÄGÄISCHEN MEERS

Mond im Zenit verharrend.

SIRENEN

auf den Klippen umher gelagert, flötend und singend.

Haben sonst bei nächtigem Grauen

Dich thessalische Zauberfrauen

Frevelhaft herabgezogen,

Blicke ruhig von dem Bogen

Deiner Nacht auf Zitterwogen

Mildeblitzend Glanzgewimmel

Und erleuchte das Getümmel,

Das sich aus den Wogen hebt!

Dir zu jedem Dienst erbötig,

Schöne Luna, sei uns gnädig!

NEREIDEN UND TRITONEN

als Meerwunder.

Tönet laut in schärfern Tönen,

Die das breite Meer durchdröhnen,

Volk der Tiefe ruft fortan!

Vor des Sturmes grausen Schlünden

Wichen wir zu stillsten Gründen,

Holder Sang zieht uns heran.

Seht, wie wir im Hochentzücken

Uns mit goldenen Ketten schmücken,

Auch zu Kron und Edelsteinen

Spang– und Gürtelschmuck vereinen!

Alles das ist eure Frucht.

Schätze, scheiternd hier verschlungen,

Habt ihr uns herangesungen,

Ihr Dämonen unsrer Bucht.

SIRENEN

Wissen’s wohl, in Meeresfrische

Glatt behagen sich die Fische,

Schwanken Lebens ohne Leid;

Doch, ihr festlich regen Scharen,

Heute möchten wir erfahren,

Daß ihr mehr als Fische seid.

NEREIDEN UND TRITONEN

Ehe wir hieher gekommen,

Haben wir’s zu Sinn genommen;

Schwestern, Bruder, jetzt geschwind!

Heut bedarf’s der kleinsten Reise

Zum vollgültigsten Beweise,

Daß wir mehr als Fische sind.

Entfernen sich.

SIRENEN

Fort sind sie im Nu!

Nach Samothrace grade zu,

Verschwunden mit günstigem Wind.

Was denken sie zu vollführen

Im Reiche der hohen Kabiren?

Sind Götter! Wundersam eigen,

Die sich immerfort selbst erzeugen

Und niemals wissen, was sie sind.

Bleibe auf deinen Höhn,

Holde Luna, gnädig stehn,

Daß es nächtig verbleibe,

Uns der Tag nicht vertreibe!

THALES

am Ufer zu Homunculus.

Ich führte dich zum alten Nereus gern;

Zwar sind wir nicht von seiner Höhle fern,

Doch hat er einen harten Kopf,

Der widerwärtige Sauertopf.

Das ganze menschliche Geschlecht

Macht’s ihm, dem Griesgram, nimmer recht.

Doch ist die Zukunft ihm entdeckt,

Dafür hat jedermann Respekt

Und ehret ihn auf seinem Posten;

Auch hat er manchem wohlgetan.

HOMUNCULUS

Probieren wir’s und klopfen an!

Nicht gleich wird’s Glas und Flamme kosten.

NEREUS

Sind’s Menschenstimmen, die mein Ohr vernimmt?

Wie es mir gleich im tiefsten Herzen grimmt!

Gebilde, strebsam, Götter zu erreichen,

Und doch verdammt, sich immer selbst zu gleichen.

Seit alten Jahren konnt’ ich göttlich ruhn,

Doch trieb mich’s an, den Besten wohlzutun;

Und schaut’ ich dann zuletzt vollbrachte Taten,

So war es ganz, als hätt ich nicht geraten.

THALES

Und doch, o Greis des Meers, vertraut man dir;

Du bist der Weise, treib uns nicht von hier!

Schau diese Flamme, menschenähnlich zwar,

Sie deinem Rat ergibt sich ganz und gar.

NEREUS

Was Rat! Hat Rat bei Menschen je gegolten?

Ein kluges Wort erstarrt im harten Ohr.

So oft auch Tat sich grimmig selbst gescholten,

Bleibt doch das Volk selbstwillig wie zuvor.

Wie hab ich Paris väterlich gewarnt,

Eh sein Gelüst ein fremdes Weib umgarnt.

Am griechischen Ufer stand er kühnlich da,

Ihm kündet’ ich, was ich im Geiste sah:

Die Lüfte qualmend, überströmend Rot,

Gebälke glühend, unten Mord und Tod:

Trojas Gerichtstag, rhythmisch festgebannt,

Jahrtausenden so schrecklich als gekannt.

Des Alten Wort, dem Frechen schien’s ein Spiel,

Er folgte seiner Lust, und Ilios fiel —

Ein Riesenleichnam, starr nach langer Qual,

Des Pindus Adlern gar willkommnes Mahl.

Ulyssen auch! sagt’ ich ihm nicht voraus

Der Circe Listen, des Zyklopen Graus?

Das Zaudern sein, der Seinen leichten Sinn,

Und was nicht alles! Bracht’ ihm das Gewinn?

Bis vielgeschaukelt ihn, doch spät genug,

Der Woge Gunst an gastlich Ufer trug.

THALES

Dem weisen Mann gibt solch Betragen Qual;

Der gute doch versucht es noch einmal.

Ein Quentchen Danks wird, hoch ihn zu vergnügen,

Die Zentner Undanks völlig überwiegen.

Denn nichts Geringes haben wir zu flehn:

Der Knabe da wünscht weislich zu entstehn.

NEREUS

Verderbt mir nicht den seltensten Humor!

Ganz andres steht mir heute noch bevor:

Die Töchter hab ich alle herbeschieden,

Die Grazien des Meeres, die Doriden.

Nicht der Olymp, nicht euer Boden trägt

Ein schön Gebild, das sich so zierlich regt.

Sie werfen sich, anmutigster Gebärde,

Vom Wasserdrachen auf Neptunus’ Pferde,

Dem Element aufs zarteste vereint,

Daß selbst der Schaum sie noch zu heben scheint.

Im Farbenspiel von Venus’ Muschelwagen

Kommt Galatee, die Schönste, nun getragen,

Die, seit sich Kypris von uns abgekehrt,

In Paphos wird als Göttin selbst verehrt.

Und so besitzt die Holde lange schon,

Als Erbin, Tempelstadt und Wagenthron.

Hinweg! Es ziemt in Vaterfreudenstunde

Nicht Haß dem Herzen, Scheltwort nicht dem Munde.

Hinweg zu Proteus! Fragt den Wundermann:

Wie man entstehn und sich verwandlen kann.

Entfernt sich gegen das Meer.

THALES

Wir haben nichts durch diesen Schritt gewonnen,

Trifft man auch Proteus, gleich ist er zerronnen;

Und steht er euch, so sagt er nur zuletzt,

Was staunen macht und in Verwirrung setzt.

Du bist einmal bedürftig solchen Rats,

Versuchen wir’s und wandlen unsres Pfads!

Entfernen sich.

SIRENEN

oben auf den Felsen.

Was sehen wir von weiten

Das Wellenreich durchgleiten?

Als wie nach Windes Regel

Anzögen weiße Segel,

So hell sind sie zu schauen,

Verklärte Meeresfrauen.

Laßt uns herunterklimmen,

Vernehmt ihr doch die Stimmen.

NEREIDEN UND TRITONEN

Was wir auf Händen tragen,

Soll allen euch behagen.

Chelonens Riesenschilde

Entglänzt ein streng Gebilde:

Sind Götter, die wir bringen;

Müßt hohe Lieder singen.

SIRENEN

Klein von Gestalt,

Groß von Gewalt,

Der Scheiternden Retter,

Uralt verehrte Götter.

NEREIDEN UND TRITONEN

Wir bringen die Kabiren,

Ein friedlich Fest zu führen;

Denn wo sie heilig walten,

Neptun wird freundlich schalten.

SIRENEN

Wir stehen euch nach;

Wenn ein Schiff zerbrach,

Unwiderstehbar an Kraft

Schützt ihr die Mannschaft.

NEREIDEN UND TRITONEN

Drei haben wir mitgenommen,

Der vierte wollte nicht kommen;

Er sagte, er sei der Rechte,

Der für sie alle dächte.

SIRENEN

Ein Gott den andern Gott

Macht wohl zu Spott.

Ehrt ihr alle Gnaden,

Fürchtet jeden Schaden.

NEREIDEN UND TRITONEN

Sind eigentlich ihrer sieben.

SIRENEN

Wo sind die drei geblieben?

NEREIDEN UND TRITONEN

Wir wüßten’s nicht zu sagen,

Sind im Olymp zu erfragen;

Dort west auch wohl der achte,

An den noch niemand dachte!

In Gnaden uns gewärtig,

Doch alle noch nicht fertig.

Diese Unvergleichlichen

Wollen immer weiter,

Sehnsuchtsvolle Hungerleider

Nach dem Unerreichlichen.

SIRENEN

Wir sind gewohnt,

Wo es auch thront,

In Sonn und Mond

Hinzubeten; es lohnt.

NEREIDEN UND TRITONEN

Wie unser Ruhm zum höchsten prangt,

Dieses Fest anzuführen!

SIRENEN

Die Helden des Altertums

Ermangeln des Ruhms,

Wo und wie er auch prangt,

Wenn sie das goldne Vlies erlangt,

Ihr die Kabiren.

Wiederholt als Altgesang.

Wenn sie das goldne Vlies erlangt,

NEREIDEN UND TRITONEN

Wir die Kabiren.

SIRENEN

Ihr die Kabiren.

Nereiden und Tritonen ziehen vorüber.

HOMUNCULUS

Die Ungestalten seh ich an

Als irden-schlechte Töpfe,

Nun stoßen sich die Weisen dran

Und brechen harte Köpfe.

THALES

Das ist es ja, was man begehrt:

Der Rost macht erst die Münze wert.

PROTEUS

unbemerkt.

So etwas freut mich alten Fabler!

Je wunderlicher, desto respektabler.

THALES

Wo bist du, Proteus?

PROTEUS

bauchrednerisch, bald nah, bald fern.

Hier! und hier!

THALES

Den alten Scherz verzeih ich dir;

Doch einem Freund nicht eitle Worte!

Ich weiß, du sprichst vom falschen Orte.

PROTEUS

als aus der Ferne.

Leb’ wohl!

THALES

leise zu Homunculus.

Er ist ganz nah. Nun leuchte frisch!

Er ist neugierig wie ein Fisch;

Und wo er auch gestaltet stockt,

Durch Flammen wird er hergelockt.

HOMUNCULUS

Ergieß ich gleich des Lichtes Menge,

Bescheiden doch, daß ich das Glas nicht sprenge.

PROTEUS

in Gestalt einer Riesenschildkröte.

Was leuchtet so anmutig schön?

THALES

den Humunculus verhüllend.

Gut! Wenn du Lust hast, kannst du’s näher sehn.

Die kleine Mühe laß dich nicht verdrießen

Und zeige dich auf menschlich beiden Füßen.

Mit unsern Gunsten sei’s, mit unserm Willen,

Wer schauen will, was wir verhüllen.

PROTEUS

edel gestaltet.

Weltweise Kniffe sind dir noch bewußt.

THALES

Gestalt zu wechseln, bleibt noch deine Lust.

Hat den Humunculus enthüllt.

PROTEUS

erstaunt.

Ein leuchtend Zwerglein! Niemals noch gesehn!

THALES

Es fragt um Rat und möchte gern entstehn.

Er ist, wie ich von ihm vernommen,

Gar wundersam nur halb zur Welt gekommen.

Ihm fehlt es nicht an geistigen Eigenschaften,

Doch gar zu sehr am greiflich Tüchtighaften.

Bis jetzt gibt ihm das Glas allein Gewicht,

Doch wär er gern zunächst verkörperlicht.

PROTEUS

Du bist ein wahrer Jungfernsohn,

Eh du sein solltest, bist du schon!

THALES

leise.

Auch scheint es mir von andrer Seite kritisch:

Er ist, mich dünkt, hermaphroditisch.

PROTEUS

Da muß es desto eher glücken;

So wie er anlangt, wird sich’s schicken.

Doch gilt es hier nicht viel Besinnen:

Im weiten Meere mußt du anbeginnen!

Da fängt man erst im kleinen an

Und freut sich, Kleinste zu verschlingen,

Man wächst so nach und nach heran

Und bildet sich zu höherem Vollbringen.

HOMUNCULUS

Hier weht gar eine weiche Luft,

Es grunelt so, und mir behagt der Duft!

PROTEUS

Das glaub ich, allerliebster Junge!

Und weiter hin wird’s viel behäglicher,

Auf dieser schmalen Strandeszunge

Der Dunstkreis noch unsäglicher;

Da vorne sehen wir den Zug,

Der eben herschwebt, nah genug.

Kommt mit dahin!

THALES

Ich gehe mit.

HOMUNCULUS

Dreifach merkwürd’ger Geisterschritt!

Telchinen von Rhodus auf Hippokampen und Meerdrachen, Neptuns Dreizack handhabend.

CHOR

Wir haben den Dreizack Neptunen geschmiedet,

Womit er die regesten Wellen begütet.

Entfaltet der Donnrer die Wolken, die vollen,

Entgegnet Neptunus dem greulichen Rollen;

Und wie auch von oben es zackig erblitzt,

Wird Woge nach Woge von unten gespritzt;

Und was auch dazwischen in Ängsten gerungen,

Wird, lange geschleudert, vom Tiefsten verschlungen;

Weshalb er uns heute den Zepter gereicht —

Nun schweben wir festlich, beruhigt und leicht.

SIRENEN

Euch, dem Helios Geweihten,

Heitern Tags Gebenedeiten,

Gruß zur Stunde, die bewegt

Lunas Hochverehrung regt!

TELCHINEN

Allieblichste Göttin am Bogen da droben!

Du hörst mit Entzücken den Bruder beloben.

Der seligen Rhodus verleihst du ein Ohr,

Dort steigt ihm ein ewiger Päan hervor.

Beginnt er den Tagslauf und ist es getan,

Er blickt uns mit feurigem Strahlenblick an.

Die Berge, die Städte, die Ufer, die Welle

Gefallen dem Gotte, sind lieblich und helle.

Kein Nebel umschwebt uns, und schleicht er sich ein,

Ein Strahl und ein Lüftchen, die Insel ist rein!

Da schaut sich der Hohe in hundert Gebilden,

Als Jüngling, als Riesen, den großen, den milden.

Wir ersten, wir waren’s, die Göttergewalt

Aufstellten in würdiger Menschengestalt.

PROTEUS

Laß du sie singen, laß sie prahlen!

Der Sonne heiligen Lebestrahlen

Sind tote Werke nur ein Spaß.

Das bildet, schmelzend, unverdrossen;

Und haben sie’s in Erz gegossen,

Dann denken sie, es wäre was.

Was ist’s zuletzt mit diesen Stolzen?

Die Götterbilder standen groß —

Zerstörte sie ein Erdestoß;

Längst sind sie wieder eingeschmolzen.

Das Erdetreiben, wie’s auch sei,

Ist immer doch nur Plackerei;

Dem Leben frommt die Welle besser;

Dich trägt ins ewige Gewässer

Proteus-Delphin.

Er verwandelt sich.

Schon ist’s getan!

Da soll es dir zum schönsten glücken:

Ich nehme dich auf meinen Rücken,

Vermähle dich dem Ozean.

THALES

Gib nach dem löblichen Verlangen,

Von vorn die Schöpfung anzufangen!

Zu raschem Wirken sei bereit!

Da regst du dich nach ewigen Normen,

Durch tausend, abertausend Formen,

Und bis zum Menschen hast du Zeit.

Homunculus besteigt den Proteus-Delphin.

PROTEUS

Komm geistig mit in feuchte Weite,

Da lebst du gleich in Läng’ und Breite,

Beliebig regest du dich hier;

Nur strebe nicht nach höheren Orden:

Denn bist du erst ein Mensch geworden,

Dann ist es völlig aus mit dir.

THALES

Nachdem es kommt; ’s ist auch wohl fein,

Ein wackrer Mann zu seiner Zeit zu sein.

PROTEUS

zu Thales .

So einer wohl von deinem Schlag!

Das hält noch eine Weile nach;

Denn unter bleichen Geisterscharen

Seh’ ich dich schon seit vielen hundert Jahren.

SIRENEN

auf dem Felsen.

Welch ein Ring von Wölkchen ründet

Um den Mond so reichen Kreis?

Tauben sind es, liebentzündet,

Fittiche, wie Licht so weiß.

Paphos hat sie hergesendet,

Ihre brünstige Vogelschar;

Unser Fest, es ist vollendet,

Heitre Wonne voll und klar!

NEREUS

zu Thales tretend.

Nennte wohl ein nächtiger Wanderer

Diesen Mondhof Lufterscheinung;

Doch wir Geister sind ganz anderer

Und der einzig richtigen Meinung:

Tauben sind es, die begleiten

Meiner Tochter Muschelfahrt,

Wunderflugs besondrer Art,

Angelernt vor alten Zeiten.

THALES

Auch ich halte das fürs Beste,

Was dem wackern Mann gefällt,

Wenn im stillen, warmen Neste

Sich ein Heiliges lebend hält.

PSYLLEN UND MARSEN

auf Meerstieren, Meerkälbern und Widdern.

In Cyperns rauhen Höhlegrüften,

Vom Meergott nicht verschüttet,

Vom Seismos nicht zerrüttet,

Umweht von ewigen Lüften,

Und, wie in den ältesten Tagen,

In stillbewußtem Behagen

Bewahren wir Cypriens Wagen

Und führen, beim Säuseln der Nächte,

Durch liebliches Wellengeflechte,

Unsichtbar dem neuen Geschlechte,

Die lieblichste Tochter heran.

Wir leise Geschäftigen scheuen

Weder Adler noch geflügelten Leuen,

Weder Kreuz noch Mond,

Wie es oben wohnt und thront,

Sich wechselnd wegt und regt,

Sich vertreibt und totschlägt,

Saaten und Städte niederlegt.

Wir, so fortan,

Bringen die lieblichste Herrin heran.

SIRENEN

Leicht bewegt, in mäßiger Eile,

Um den Wagen, Kreis um Kreis,

Bald verschlungen Zeil an Zeile,

Schlangenartig reihenweis,

Naht euch, rüstige Nereiden,

Derbe Fraun, gefällig wild,

Bringet, zärtliche Doriden,

Galateen, der Mutter Bild:

Ernst, den Göttern gleich zu schauen,

Würdiger Unsterblichkeit,

Doch wie holde Menschenfrauen

Lockender Anmutigkeit.

DORIDEN

im Chor am Nereus vorbeiziehend, sämtlich auf Delphinen.

Leih uns, Luna, Licht und Schatten,

Klarheit diesem Jugendflor!

Denn wir zeigen liebe Gatten

Unserm Vater bittend vor.

Zu Nereus.

Knaben sind’s, die wir gerettet

Aus der Brandung grimmem Zahn,

Sie, auf Schilf und Moos gebettet,

Aufgewärmt zum Licht heran,

Die es nun mit heißen Küssen

Treulich uns verdanken müssen;

Schau die Holden günstig an!

NEREUS

Hoch ist der Doppelgewinn zu schätzen:

Barmherzig sein, und sich zugleich ergetzen.

DORIDEN

Lobst du, Vater, unser Walten,

Gönnst uns wohlerworbene Lust,

Laß uns fest, unsterblich halten

Sie an ewiger Jugendbrust.

NEREUS

Mögt euch des schönen Fanges freuen,

Den Jüngling bildet euch als Mann;

Allein ich könnte nicht verleihen,

Was Zeus allein gewähren kann.

Die Welle, die euch wogt und schaukelt,

Läßt auch der Liebe nicht Bestand,

Und hat die Neigung ausgegaukelt,

So setzt gemächlich sie ans Land.

DORIDEN

Ihr, holde Knaben, seid uns wert,

Doch müssen wir traurig scheiden;

Wir haben ewige Treue begehrt,

Die Götter wollen’s nicht leiden.

DIE JÜNGLINGE

Wenn ihr uns nur so ferner labt,

Uns wackre Schifferknaben;

Wir haben’s nie so gut gehabt

Und wollen’s nicht besser haben.

Galatee auf dem Muschelwagen nähert sich.

NEREUS

Du bist es, mein Liebchen!

GALATEE

O Vater! das Glück!

Delphine, verweilet! mich fesselt der Blick.

NEREUS

Vorüber schon, sie ziehen vorüber

In kreisenden Schwunges Bewegung;

Was kümmert sie die innre herzliche Regung!

Ach, nähmen sie mich mit hinüber!

Doch ein einziger Blick ergetzt,

Daß er das ganze Jahr ersetzt,

THALES

Heil! Heil! aufs neue!

Wie ich mich blühend freue,

Vom Schönen, Wahren durchdrungen ...

Alles ist aus dem Wasser entsprungen!!

Alles wird durch das Wasser erhalten!

Ozean, gönn uns dein ewiges Walten.

Wenn du nicht Wolken sendetest,

Nicht reiche Bäche spendetest,

Hin und her nicht Flüsse wendetest,

Die Ströme nicht vollendetest,

Was wären Gebirge, was Ebnen und Welt?

Du bist’s der das frischeste Leben erhält.

ECHO

Chorus der sämtlichen Kreise.

Du bist’s, dem das frischeste Leben entquellt.

NEREUS

Sie kehren schwankend fern zurück,

Bringen nicht mehr Blick zu Blick;

In gedehnten Kettenkreisen,

Sich festgemäß zu erweisen,

Windet sich die unzählige Schar.

Aber Galateas Muschelthron

Seh ich schon und aber schon.

Er glänzt wie ein Stern

Durch die Menge.

Geliebtes leuchtet durchs Gedränge!

Auch noch so fern

Schimmert’s hell und klar,

Immer nah und wahr.

HOMUNCULUS

In dieser holden Feuchte

Was ich auch hier beleuchte,

Ist alles reizend schön.

PROTEUS

In dieser Lebensfeuchte

Erglänzt erst deine Leuchte

Mit herrlichem Getön.

NEREUS

Welch neues Geheimnis in Mitte der Scharen

Will unseren Augen sich offengebaren?

Was flammt um die Muschel, um Galatees Füße?

Bald lodert es mächtig, bald lieblich, bald süße,

Als wär es von Pulsen der Liebe gerührt.

THALES

Homunculus ist es, von Proteus verführt ...

Es sind die Symptome des herrischen Sehnens,

Mir ahnet das Ächzen beängsteten Dröhnens;

Er wird sich zerschellen am glänzenden Thron;

Jetzt flammt es, nun blitzt es, ergießet sich schon.

SIRENEN

Welch feuriges Wunder verklärt uns die Wellen,

Die gegeneinander sich funkelnd zerschellen?

So leuchtet’s und schwanket und hellet hinan:

Die Körper, sie glühen auf nächtlicher Bahn,

Und ringsum ist alles vom Feuer umronnen;

So herrsche denn Eros, der alles begonnen!

Heil dem Meere! Heil den Wogen,

Von dem heilgen Feuer umzogen!

Heil dem Wasser! Heil dem Feuer!

Heil dem seltnen Abenteuer!

ALL-ALLE

Heil den mildgewogenen Lüften!

Heil geheimnisreichen Grüften!

Hochgefeiert seid allhier,

Element’ ihr alle vier!