II

Chopin ist ein Kreuzungsprodukt zweier Individuen, die verschiedenen Rassen und verschiedenen Kulturen angehörten, und dies eben war von vornherein für sein Wesen von bestimmender Bedeutung.

Durch sein ganzes Wesen zieht sich eine scharfe Linie, welche die Aneinanderlagerung der Merkmale beider Rassen bezeichnet, ohne daß es jemals zu ihrer gegenseitigen Durchdringung oder Auflösung zu etwas Ganzem gekommen wäre.

Das spezifisch-slawische in ihm, die subtile Feinheit des Gefühls, die leichte Erregbarkeit und die Fähigkeit, ohne irgend welche Vermittlung von einem Extrem ins andere überzuspringen, das Leidenschaftliche und Sinnliche, die Neigung zur Prunk– und Verschwendungssucht, und vor allem der eigenartige, melancholische Lyrismus, der nichts weiter ist, als der sublimierteste Egoismus, der alles auf sich bezieht und seine eignen Ich-Zustände als den einzigen und höchsten Maßstab hinstellt, die dunkle Melancholie endloser Ebenen mit ihren sandigen, wüsten Strecken mit dem bleiernen Himmel darüber, trat in grellen Widerspruch zu der gelenken, leichtsinnigen Beweglichkeit des Galliers, seinem koketten Femininismus, seiner Lebenslust und Lichtfreude.

In diesem Zwiespalt lag schon der Keim, der nach und nach zu einem ausgedehnten Degenerationsherd wurde, von dem aus aufsteigend die Degeneration das eigentlich Zentrale in ihm, seine eigenste Uranlage, die starke Intensität des gesunden Empfindens, in Mitleidenschaft gezogen hatte.

Die Musik Chopins aus seinen letzten Jahren zeigt ein ausgesprochenes Merkmal der Schreckbildpsychose. —

Schon frühe, begünstigt durch das Milieu, in dem er aufgewachsen war, kam es zu der einseitigen Ausbildung der lyrischen Grundstimmung seines Wesens.

Die unbegrenzten, ermüdenden Formen der Landschaft, auf der leicht erregbare, zum Träumen veranlagte Menschen hinvegetieren, ihre Musik, die sich nur in wenigen Molltönen bewegt, und in deren Monotonie sich die Landschaft widerspiegelt, die düstere Pracht der Mondscheinnächte, welche den Landflächen den Charakter des Exotischen, ja beinahe Gespenstischen aufdrückt, alles dies wurde in dem Gehirne des Knaben, bei dem den Kindern eigenen Drange nach Personifikation und Symbolisierung verinhaltlicht. Um jede dieser so gewonnenen Formen gruppierten sich ganze Massen von Stimmungen, Gefühlen, Willensäußerungen, die alsdann als ureigenster Bestandteil der Seele eine wichtige Formation derselben bilden, den Sedimentgesteinen vergleichbar, die in der paläozoischen Bildungsperiode der Erde sich aus dem Urmeere ablagerten und sich zur ersten bleibenden Schicht kondensiert hatten.

Diese melancholischen Eindrücke scheinen bei Chopin den barozentrischen Kernpunkt gebildet zu haben, um den alle später hinzukommenden zu oszillieren anfingen, sie sind es, die in die Seele eines jeden Menschen tief einschneiden, allen Empfindungen eine ganz spezifische Bedeutung und Farbe beilegen, sie in bestimmten Richtungen anordnen, gleichwie durch die magnetische Influenz die durcheinander gelagerten Eisenmoleküle geordnet und nach zwei Polen dirigiert werden.

Seine schwache Konstituation und alle die Krankheitskeime, die allmählich seinen Körper zerstörten, bilden vielleicht das stärkste dynamische Agens in dem Aufbau seines Wesens. All die kleinen und kleinsten Empfindungen des physischen Unbehagens setzten sich in seinem Gehirne, von dem Bewußtsein falsch interpretiert, in Gefühlswerte um, unlokalisierbare Gemeingefühle der Müdigkeit, Abspannung, träumerischen Hindüsterns und weicher Schwärmerei.

Diese minimalen Reize, die zu gering waren, um einen wohl differenzierten physischen Schmerz hervorzurufen, haben doch nach und nach jene fatale Spannung seines Gehirns erzeugt, derjenigen einer Gasmasse ähnlich, die auch nur aus den zahllosen minimalen Anstößen der hin– und herfliegenden Molekeln sich summiert, um allmählich zur höchsten kinetischen Energie anzuwachsen.

Die ungesunde Kultur, mit der alle Verhältnisse, in denen er lebte, durchtränkt und durchsättigt waren, die landschaftliche Umgebung und seine frühesten Eindrücke, Vererbung und Krankheitskeime haben in ihm allmählich jene Sehnsucht gezeitigt, die sich wie ein Niederschlag in seinem Gehirne festsetzte, durch den jedes Gefühl erst hindurchfiltriert werden mußte und von dem es einen eigenen Ton, einen eigentümlichen Beigeschmack erhielt. Bei der ihm eigenen Leidenschaftlichkeit bildete diese Sehnsucht gleichsam ein Meer von strahlender Wärme, die alles in ihm zersetzte und auflöste, einen Herd vom verzehrenden Saugstoff, der alles absorbierte: in seiner Seele wurde alles zur Sehnsucht.

Doch diese Sehnsucht Chopins hat nichts gemein mit der, die gesunden Naturen das Herz schwellt und lebensfähige Keime in dem trächtigen Mutterschoß trägt, es ist auch nicht die Sehnsucht des Zarathustra, die in sonnetrunkener Entzückung unbekannten Göttern ihr extatisches Rausch-Evoë zujauchzt — sie ist ganz eigener Art. Sie hat die kranke Farbe der Anämie mit der transparenten Haut, durch die man das feinste Geäder hindurchschimmern sieht, die schlanke Gestalt mit den länglichen Gliedern, die in jeder Bewegung die unnachahmliche Grazie degenerierter Adelsgeschlechter atmen und in den Augen die übergroße Intelligenz, wie man sie bei Kindern sieht, denen der Volksmund kein langes Leben verspricht.

Sie ist die zitternde Nervosität der Überfeinen, eine beständige, schmerzhafte Erregbarkeit bloßgelegter Wunden, ewiges Anschwemmen und Zurückfluten einer krankhaften Sensibilität, ein stetes Unbefriedigtsein des Raffinement, die Müdigkeit der Überempfindlichen, in deren Auge das Sonnenlicht nur prismatisch gebrochen und die starken satten Farben erst gleichmäßig abgetönt hineingelangen können.

Sie ist aber auch wilde Leidenschaft, sie ist Krampf und Agonie der Todesangst, Selbstflucht und Zerfallsdrang, Delirium und idiotisches Hinträumen, wo man vor sich hinstarrt, ohne irgend etwas zu sehen. Wohl werden Lichteindrücke empfangen, aber man erkennt sie nicht als von außen kommend, man muß sich erst besinnen, was heute, was gestern ist.

Die Krankheit Chopins hat sich in seiner Musik umgesetzt in eine grenzenlose Müdigkeit. Es ist die Müdigkeit der Schwindsucht mit ewig wechselnden Stimmungen, die wie stille Herbstwinde über nackte öde Felder streichen, dürres Laub vor sich fegen und die Natur mit düsteren, monotonen Mollakkorden zu Grabe tragen. Es ist die Müdigkeit des lustsatten Wehs mit dem feinen trüben Lächeln um die Mundwinkeln, der trostlos öden Langeweile sonnverbrannter Grassteppen, dem leisen Hin– und Herwogen endloser Meere, die sinnende, brütende Idiotie des Gebetes. —

Es gibt dann in der Musik Chopins eine Stimmung von geradezu überwältigender Wirkung. —

Es ist ein „je ne sais quoi” vom Gefühl, das dem einer Befreiung ähnlich ist, einem tiefen Aufatmen nach der Dyspnoe, es ist als ob sich eine feine, spinngewebige Haut von der Seele loslöste, es ist als ob ein feiner Nebel am herbstlichen Morgen von den Feldern zurückwiche, sich langsam hebe, weißen Gaswolken vergleichbar, und über die aufwachende, dampfende, weißglitzernde Landschaft langsam die Sonne mit ihrer kalten, skeptischen Klarheit aufginge.

Das sind die gröbsten, psychologischen Umrisse seiner Musik und nur in einer solchen konnte die ungeheure Reichhaltigkeit der menschlichen Empfindung, die zartesten Feinheiten, die ewig wechselnden Nuancen der Stimmungen, das Unausdrückbare, Rätselhafte, Flüchtige und Gespenstische im Menschen geoffenbart werden.