IV

Die Landschaft, nichts als Landschaft ist Hanssons psychisches Leben und dieser subjektiven Umprägung muss naturgemäß physiologisch ein Nervensystem entsprechen, so fein, so unglaublich differenziert, so anspruchs– und aufnahmefähig, dass jeder Eindruck, auf den eine gewöhnliche nervöse Organisierung nicht reagiert, sich hier in Schwingungen transformiert, anfangs leise, kaum wahrnehmbar, dann stärker und nachhaltiger, bis das ganze Gehirn in Vibration gerät.

Und hier beschäftigt den Psychologen nicht mehr die Persönlichkeit Hanssons, auch nicht seine schriftstellerische Tätigkeit, sondern Hansson als ein Phänomen, als ein biologisches Problem, als das Produkt einer Differenzierung, die ihre Schatten weit in die Zukunft wirft, als der „nouveau ésprit”, der in Poe angedeutet und in Hansson mit distinkter Schärfe ausgeprägt erscheint.

Hier zum ersten Male, das Gehirn, in dem das Animale und Intellektuelle ineinandergreifen, innig verschmolzen sind, in welches jeder Eindruck nicht nackt hineingelangt, sondern wie eine riesige Zölenterate, die sich mit tausend Fangarmen an dem Gehirninhalte festsaugt, wie ein Ton, bei dem außer dem Grundtone unzählige, harmonische Obertöne mitschwingen.

Und diese Betätigung des ganzen Gehirninhaltes an einem Eindrucke, dieses Mitschwingen von Obertönen bilden das Eigentümliche, das man beim Tone Klangfarbe nennt und das dem Worte Hanssons Herzenswärme und affektive Ausstrahlung verleiht.

Jedes seiner Worte ist wie ein pulsierender, atmender Organismus, umspült vom warmen Blut, eingebettet in den warmen Hüllen des Tiefsten und Innerlichsten, was der Mensch besitzt, jedes seiner Worte ist wie ein herausgeschnittenes, lebendes Herz, das man auf der Hand hält, das zittert und bebt und zuckt, oder wie eine unendlich weiche Atmosphäre, in die man sich einhüllen kann, und die man wie das nackte, duftende Frühlingsfleisch eines halbwachen Mädchens auf seine Nerven wirken fühlt. — Es wird aber auch zu einem scharfen Meißel, der unvergängliche Zeichen in die Seele einritzt, zu einer zersetzenden Säure, die ätzt und beizt, zu einem körper– und wesenlosen Gespenst, das sich langsam an dem Rückenmarke hinabwühlt und über das Bewusste tiefe schwarze Schatten wirft, bis die Nacht heraufsteigt und die Sterne winzig klein und glanzlos, wie mattes Gold, werden, bis die Welt um einen so fürchterlich eng wird, dass der Atem sich über die Brust legt, wie eine schwüle Luftmasse, wie ein schweres Gewicht.

Diese enorme Suggestionsfähigkeit des Hanssonschen Wortes, die Fähigkeit, eine Stimmung hervorzurufen, wie kein Schriftsteller es vor ihm im Stande war, diese Verschmelzung von Intellekt und Organismus ist eine antizipierte Entwicklungsstufe, die die Menschheit erst später betreten wird.

Ich denke mir die ganze Entwicklung und den historischen Zusammenhang folgendermaßen.

Der Urmensch, dessen Gehirn noch unentwickelt war und unfähig, aufgenommene Eindrücke aufzubewahren, was eben die ganze Funktion des Bewusstseins ausmacht, reagierte auf alle Eindrücke ganz reflexiv und automatisch. Auf jeden sensiblen Eindruck antwortete sofort ein motorischer Ausschlag, er war nichts mehr als reine Individualität, reines Rückenmark, Reflex und Instinkt.

Allmählich fingen die Eindrücke an bewusst zu werden, sich nach und nach zu konsolidieren, zwischen die Aufnahme und die Auslösung eines Eindruckes schob sich eine beträchtliche physiologische Zeit hinein, Stück für Stück bildete sich die Bewusstseinskette, der Mensch lernte kombinieren und vergleichen, ein Eindruck fügte sich an den anderen, es bildeten sich Assoziationsreihen und der Mensch fing an Persönlichkeit zu werden.

Was jedoch dieser Entwicklung eigentümlich ist, das ist die unabhängige Parallelität, völliges Getrenntsein von Individualität und Persönlichkeit.

Jeder Eindruck, der von den objektiven Sinnen, dem Auge, dem Gehör empfangen wurde, blieb einfach ein Gesichtseindruck, ein Ton, eine Tastempfindung und nichts weiter.

Freilich war diese Trennung im Sinne der fortschreitenden Entwicklung notwendig, das menschliche Gehirn war noch nicht fähig, affektiv auf jeden Eindruck zu antworten, diesem intensen Leben war der Organismus noch nicht angepasst, er würde zugrunde gehen.

Und diese Trennung in seiner reinen Form kann man noch beim Weibe studieren. Bekanntlich hat das Weib kein Gehirn nötig, und wo es dasselbe gebraucht, so steht es mit seiner Individualität im schroffsten Gegensatze zu seiner Hirnarbeit. Gewöhnlich ist es dann auch so, dass die Individualität beim Weibe herrlich ist, dagegen die Persönlichkeit nichts taugt oder auch umgekehrt. Äußerst selten ist eine Übereinstimmung da, freilich völlig unabhängig und getrennt, jedes auf eigene Faust, die Übereinstimmung nur ein Zufall.

Im Laufe der Entwicklung fing die Individualität an, in die Persönlichkeit einzugreifen und zwar überall da, wo es im Sinne der weiteren Differenzierung geboten war. So wurde die Liebe, die ursprünglich nur ein instinktiver Trieb war, der nach Befriedigung lechzte, einfach nur das autonome Geschlecht mit den wachsenden und reifenden Spermatozyten und den nervösen Begleitzuständen dieser Wachstumsvorgänge, zu einem Etwas, woran sich die im Gehirne aufgespeicherten Eindrücke zu beteiligen anfingen, dann war es das Vaterland, die Familie, die Religion und die Natur, also nur die Fortpflanzungs– und Selbsterhaltungsgefühle. Ohne diese psychische Umwertung und Mitarbeiterschaft des Gehirnes wäre eine fortschreitende Differenzierung nicht möglich.

Darüber hinaus ist der Mensch bis in unser Jahrhundert hinein nicht gekommen.

Was für die klassische Dichtung ganz eigentümlich ist, das ist das Verstandesmäßige ihrer Produktion, es wurden nur geordnete Assoziationsreihen in rhytmischer Form repräsentiert, das Poetische beschränkt sich nur auf die rein formalen Denkgefühle, den Rhythmus, die Proportion und Harmonie. Ola Hansson selbst hat das Verhältnis der modernen Dichtung zur klassischen in seinen zwei kritischen Aufsätzen4 ganz trefflich ausgeführt.

Das ist auch das Gehirn des wissenschaftlichen, politischen und industriellen Mannes, freilich nur noch um ein Grad ärmer, weil es nicht einmal diese positiven Gefühlstöne zu produzieren vermag.

Alles nur viertel und halbe Gehirne, denen wir allerdings unsere Kultur verdanken. Freilich ist das nicht viel.

Deshalb wird diese Kultur, diese alte, zopfige, klassische Kultur überwunden, wie die letzten Ausläufer des halben Gehirnes: der Spencersche Positivismus und der höhere photographische Apparat, der objektive Naturalist, überwunden werden.

Und nun ist der neue Geist da und Hansson ist sein Träger, er ist der ausgeprägteste und differenzierteste Typus eines Untrennbaren, Einzigen, Unteilbaren, eines wahren Individuums.

Persönlichkeit und Individualität sind eins geworden, was an Eindrücken ins Gehirn hineingelangt, wird organisch, individuell, affektiv und lebenswarm. Der Umfang des Bewusstseins ist so enorm geworden, dass die flüchtigsten Vorgänge festgehalten werden kraft ihrer kolossalen Beziehungen zu anderen in der Sprache übersetzbaren Eindrücken; ein ganz schwach leuchtender Punkt bricht sich in tausend spiegelnden Ebenen, irgend ein schwacher harmonischer Oberton lässt alle zugehörigen Grundtöne erklingen und ein zerstreuter, irrender Lichtstrahl lässt sich bis zur Lichtquelle verfolgen.

Der frühere Mensch lebte mit zwei Herzen, die Verwachsung beider Herzbeuteln hatte nur morphologische Bedeutung, psychisch waren sie beide getrennt.

Das moderne Individuum fängt an nur mit einem Herzen zu leben, der Verstand bekommt Klangfarbe und organische Resonanz, und irgend ein affektiver Eindruck wird zu einer Vision.

Der frühere Mensch arbeitete mit Ideenassoziationen, wie sie sich nackt und klar aneinander reihten, er arbeitete mit „Dingen”, die er als etwas Objektives ansah, unter der falschen Voraussetzung, dass das Außen und Innen sich vollständig decken, dass das zentrale Bild von der Natur eins sei mit der Natur selbst.

Der neue Mensch arbeitet nur mit zentralen Gefühlseindrücken und mit Ideen, wie sie sich mit ihren Gefühlswerten assoziiert haben.

Der alte Mensch produzierte Dinge, der neue produziert seinen jeweiligen Gehirnzustand, jener brachte die Dinge, wie sie nach und nach, reihenweise eins nach dem anderen geordnet ins Gehirn kamen, dieser bringt Gefühle, mit denen sich diese Dinge verknüpft haben und die Assoziationen dieser Gefühle.

Daher das Klare, Verstandesmäßige, Konstruierte, „Klassische” der alten Dichtung, und daher das Ungeordnete, Traum– und Sprunghafte (— „Pathologische” nennt es das halbe Gehirn —) der Hanssonschen Produktion.

In dem alten Gehirne assozierte sich der Ton nur immer mit dem Tone, in dem neuen Geiste ruft der Ton Farben hervor, ein Ton kann das ganze Leben in unermesslicher Perspektive hervorzaubern, eine Farbe kann zu einem Konzerte werden und ein Gesichtseindruck kann schauerliche Orgien auf dem Grunde der Seele hervorrufen.

Und wie die Sonnenstrahlen sich durch die Atmosphäre fortpflanzen, ohne sie zu erwärmen und erst die Erde erreichen müssen, damit Licht in Wärme umgesetzt und von der Erde aus die Luft erwärmt werde, so pflanzt sich ein Eindruck bis zu dem Mutterboden des neuen Menschen, bis zu den Tiefen, in welchen seine Individualität ruht, fort, um in Schwingungen übersetzt, in die Persönlichkeit zurückzugreifen und hier Verbindungen mit bewussten Eindrücken einzugehen.

Und während früher alle diese feinen Eindrücke von der Individualität festgehalten wurden und nur höchstens in pathologischen Fällen zum Vorschein kamen, werden sie in dem neuen Geiste ausgedünstet, dem Dampfe vergleichbar, der als weiter Dunstkreis sich in der Luft über der Erde ausbreitet um hier von der Atmosphäre aufgesogen zu werden.

So wird Alles bewusst, alle die feinen und feinsten Schwingungen, von denen man bis jetzt nur durch die Psychiatrie Aufschluss bekam, pflanzen sich bis zur Großhirnrinde zurück, wo sie durch analoge, bewusste Vorgänge übersetzt werden, sie werden von dem Mutterboden des Menschen reflektiert und von ihm bekommen sie den eigentümlichen Geruch, die eigentümliche Wärme und Farbe, die ein reflektierter Sonnenstrahl von dem Boden der Erde empfängt.

Es ist etwas in dem neuen Gehirne, das mir von höchster Wichtigkeit erscheint und das ich schon wiederholt angedeutet habe.

Die Eindrücke assoziieren sich miteinander nicht nach ihrem inhaltlichen und gegenständlichen Werte, sondern nach dem Gefühlswerte, den sie repräsentieren.

Zwei inhaltlich verschiedene Eindrücke können denselben Gefühlswert haben, können auf dem Boden der Individualität gleiche Resonanz finden, und dann kann es kommen, dass die Stirn eines Mädchens sich mit einer Landschaft assoziiert, die am tiefsten auf die Seele einwirkte, dass der Blick der Geliebten eine „taumelnde Orgie” hervorruft, „einen grässlichen Totentanz von schlottrigen männlichen Totengerippen und nackten Jordaenschen Frauenkörpern”5.

Hierin ruht das Geheimnis des weitaus tiefsten und am schlechtesten verstandenen Buches von Nietzsche: „Also sprach Zarathustra” und hierin liegt das große Geheimnis der Hanssonschen Produktionsweise.

Aus der synthetischen Verschmelzung zweier Assoziationsweisen, der wissenschaftlichen, die Inhalte aneinander fügt, und der modernen die Dinge nach ihren Gefühlswerten assoziiert, erklärt sich die Forderung, die Hansson an die Dichtung stellt6, sie solle psychophysiologisch werden, sie solle die Persönlichkeit, wie sie sich in der Individualität widerspiegelt, das Persönliche durchsättigt vom Individuellen, zur Darstellung bringen, einen Gesichtseindruck durch seine organische Resonanz, ein Ding durch die Stimmung, welche es erzeugt, einen Außenvorgang durch den Gehirnvorgang übersetzen. —

Daher ist die Kunst Hanssons eine symbolische, die einzige, die diesen Namen voll und ganz verdient.

Symbolismus, das ist ein Stück Natur, transformiert in Nervenschwingungen, ein Stück Natur das sich nicht auf einen Gesichts–, einen Gehörseindruck, eine taktile Sensation beschränkt, sondern ein Eindruck, der bis in den Knotenpunkt aller Sinne herabfließt, um von hier aus das ganze Gehirn in Vibration zu versetzen.

Symbolismus das ist eine affektive Schwingung, die sich in Farben kleidet, in Töne einhüllt, Geschmackshalluzinationen in Szene setzt, auf die sexuelle Sphäre herüberströmt oder als nervöses Schütteln, ein Erbeben und Erzittern des ganzen Seins sich äußert und sich motorisch in Tonkorrelate umsetzt.

Symbolismus das ist das Weib, das zu einer geschwungenen Linie wird7, das Weib das sich in die Formen der Landschaft kleidet, und zum Geiste dieser Landschaft wird, zum Geiste, in welchem sich diese letztere objektiviert8.

Und diese große, makrokosmische, symbolische Dichtung ist die Novellensammlung: „Sensitiva amorosa.”

Sie ist der feinste, tiefste, intimste Ausdruck des neuen Geistes, der großen Synthese, der känogenetischen Entwicklungsstufe: Ola Hansson.

In ihr gipfelt die große Kunst Hanssons, sie ist der Objektpunkt, in welchem die homozentrischen Strahlenbündel, die sein Wesen ausstrahlt, sich sämtlich treffen, und nur aus diesem eigentümlichen Geiste heraus kann sie gewürdigt und verstanden werden. —