Abendgebet.
20. Durch deinen Beistand, allgütiger Gott, habe ich wiederum meinen Tag zu Ende gebracht, und wie deine Güte mich heute vor jedem Unglück bewahrt hat, so wirst du mir auch Erquickung in meiner nächtlichen Ruhe verleihen. Im Schlaf will ich alle Mühe und Beschwerden, jeden Kummer und jeden Schmerz vergessen. So wird deine ewige Liebe nicht müde, mir Gutes zu erweisen, und doch erkenne ich dies so wenig. Ja, muß ich nicht in dieser Stunde deiner Güte danken, daß, während du die Stille der Nacht um mich her verbreitest und meinem müden Körper Ruhe schenkst, du auch alles Toben der Leidenschaft und der Angst und Sorge in meiner Brust verstummen läßt und meiner Seele Ruhe gibst? O »so wehet dein schützendes Panier in Liebe über meinem Haupte«,[22] und nur im Vertrauen auf diese Liebe wage ich es, dich zu bitten, mir Ruhe und Erholung in dieser Nacht zu schenken. Denn sollte ich Rechenschaft über das Werk des verschwundenen Tages ablegen, o, dann müßte ich ausrufen: »Herr! gehe nicht ins Gericht mit mir!«—Ach, die Stille auf Erden sagt mir:»Du wachest in deiner Wohnung!« Je weniger das Irdische meinen Geist zerstreut und meine Gedanken verwirret, desto tiefer fühle ich meinen Abstand von dir, doch ich weiß, du gedenkst, daß ich Staub bin und erbarmst dich über mich wie ein liebender Vater, ich weiß, daß du gern den Seufzer deines reuigen Kindes hörst und das erfüllst, was es begehret. O, so verlaß mich nicht, du Israels Hüter, in dieser Nacht. Breite aus das Banner deiner Liebe über mich (meine Gattin, meine Kinder, meine Eltern u. s. w.); bewahre unsere Stadt vor allen Schrecken, und erquicke mich mit einem ruhigen Schlafe, daß ich morgen mit erfrischter Kraft erwache zu deiner Ehre. Nimm auch deinen Geist nicht von mir, und laß mich noch lange Zeugnis ablegen, dadeine Gnade, o Herr, von Ewigkeit zu Ewigkeit währt denen, die dich fürchten, und deine Huld ihren Kindeskindern«.
Amen!
Am Freitag.
Morgengebet.
21.»Preise meine Seele den Herrn und vergiß nicht alle seine Wohltaten!« so will ich heute, am letzten Arbeitstage der Woche, den Dank meines Herzens vor dir, Alliebender, aussprechen. Denn du hast mich diese Morgenstunde schauen lassen, und die ganze Woche hindurch habe ichs erfahren, daß»du mir am Tage deine Güte entbietest und deine Liebe über mich des Nachts wacht«; ja! ein Tag bezeugt es dem andern, und die Nacht verkündet es der Nacht.—Jede Tat, die mir gelungen, jedes Wort, das mich erfreut, jede Kraft zur Arbeit, die ich in mir gefühlt, und jeder Lohn, den ich empfangen, war ein unverdienter Segen aus deiner Hand, und selbst dann, wenn meine Seele in Sorge, Mißmut und in Bekümmernis eingehüllt war, wenn ich seufzte über andere und über mich selbst klagte, über Mangel an Kraft in der Stunde der Sorge, die du über mich verhängt, oder die ich mit meinem trauernden Bruder trug, selbst dann warst du, o Gott! mir ja nahe mit deinem Trost, und ich fühlte deinen Geist, wie er bei mir weilte, und die Nacht mit all ihrer Dunkelheit schien dem hellen Tage gleich für meine Seele, die von deiner unendlichen Liebe berührt wurde. O Ewiger! wie soll ich dir für alles dieses danken, nun da die Woche bald zu Ende ist? Muß nicht das Bewußtsein, daß ich nicht in deinen Augen gewesen, was ich sein sollte, schwer auf meinem Herzen lasten? Ja, so schnell schwand die Woche hin,»eine kurze Spanne Zeit sind meine Tage vor dir, und mein Leben ist wie nichts«, so schnell schwand die Woche hin, daß ich meine Vergänglichkeit fühlen und die Pilgerzeit auf Erden, die du mir zugemessen, benutzen muß. Ja, Herr, ich setze meine Hoffnung auf dich; befreie mich von all meinen Sünden, leite du mich, daß ich am letzten Arbeitstage der Woche zu deinem Wohlgefallen lebe, daß ich heute demütig ergeben und dankbar gegen dich sei, liebevoll und versöhnlich gegen meinen Nächsten mich zeige und mich als treuer und fleißiger Arbeiter in deinem Dienst bewähre, wie es dem ziemet, der nach deinem Namen genannt ist. (5. B. M. 28, 10.) Ja, möchte ich mit Recht noch Jude genannt werden, daß das Zepter nicht aus meiner Hand weiche, ich vielmehr Herrschaft über alle bösen Mächte gewinne, die um mich her ihr Lager aufschlagen, so daß die Gleichgültigkeit der Welt mich nicht schlaff und lässig in deinem Dienst mache, und ihr Widerstand oder ihr Spott mich nicht in meinem Glauben erschüttern; o, laß mich die Woche damit schließen, daß ich den Kampf gegen den Verführer in meiner eigenen Brust bestehe, daß der Name Israelit, Kämpfer für das Göttliche, mir mit Recht gegeben sei, und mir seliger Lohn werde, wenn ich vom Kampfplatz der Erde zu ewiger Sabbatruhe im Himmel abgerufen werde.
Amen!