Amen!


Am großen Versöhnungsfeste (Jom hakippurim).


Zu Anfang des Abendgottesdienstes (Kol nidre).

41. Barmherziger Vater! Wie erbebt mein Herz, wie zittert meine Seele, da ich mich dir an diesem heiligen Abend nahe, da des Himmels Tore sich vor dem bußfertigen Sünder, der um Versöhnung bittet, auftun. So will ich denn mit all meinen Gedanken dich suchen und bei dir weilen, und mit aufrichtigen Worten der Reue deine Verzeihung mir erflehen. Ach Herr! Treten nicht meine Gedanken und Reden vor deinem Richterstuhle wider mich auf? Wer vermöchte alle sündigen Gedanken zählen, die in meiner Seele aufgestiegen; und wie oft hatten nicht unlautere, habsüchtige, rachgierige Wünsche und Begierden in meiner Brust sich geregt! Es tauchen verlangende Gedanken in meinem Herzen auf, vor denen ich selbst erschrecken muß, und doch habe ich ihnen damals Raum gegeben, anstatt sie zu verscheuchen, und habe so oft meine Seele mit ihnen befleckt!—Herr! Herr! Wie könnte ich wohl ohne Erröten meine Gedanken jetzt zu dir erheben, und wie darf ich es wagen, meine Lippen jetzt zum Gebet zu öffnen, da ich doch weiß, wie oft dieselben Lippen sich schon zur Schmeichelei oder zum Spott, zu Verleumdung, Hohn und Kränkung öffneten! O ewiger Richter! Ich habe leichtsinnige, zweideutige, heuchlerische, falsche, verführerische und unlautere Worte geredet, Worte die dich und dein Gesetz schmähten! Ich habe unüberlegt Versprechungen gemacht, die ich nicht gehalten habe! Ach ich erinnere mich in dieser Stunde nicht nur der leeren Versprechungen, die ich meinen Nächsten gegeben, sondern ich denke auch daran, wie oft ich gelobt habe, mein Leben dir, mein Gott, zu weihen, und in Zucht und Rechtschaffenheit vor dir zu wandeln, wie oft ich gelobt habe, deine Gebote zu halten, und mich und mein ganzes Wirken zu heiligen, und daß ich, ach, nicht minder oft mein Gelübde dir gebrochen habe! Darf da derselbe Mund nun wagen, um Gnade zu bitten, der so oft die Sprache, die Gabe deiner Gnade mißbraucht hat? Ach, ich will an die Pforte deiner Gnade anpochen und um Eingang flehen, und sieh! die Schlüssel, welche du mir gabst, des Himmels Tore mir zu öffnen, und mir den Weg zu dir zu bahnen:»Gedanken und Worte«, die treten anklagend wider mich auf. O! so vergib mir vor allen Dingen, was ich bis auf diese Stunde in Gedanken und Worten gesündigt! Sieh, Allgütiger, die tiefe Trauer, welche mich ergreift, und verbirg die Menge meiner Sünden unter dem Mantel deines Erbarmens: reinige meine Seele von unlauteren Gedanken und laß die Glut der Andacht hier in deinem Heiligtum alles Unlautere meines Geistes verzehren! Laß meines Herzens Angst und Reue »eine glühende Kohle von deinem heiligen Altar« sein, die meinen Mund berührt, während mich deine Zusage tröstet:»Siehe! diese hat deine Lippen berührt, dein Vergehen ist getilgt, und deine Sünde soll gesühnt sein!«[32] Vergib mir jedes übereilte Wort, das ich gesagt habe, und lehre mich von dieser Stunde an, meine lose Zunge zügeln; vergib mir die unbedachten Versprechungen, die ich gegeben habe, und erfülle mich mit der Gewißheit, daß du ein huldvoller Vater bist, der seinen Kindern gerne vergibt. Ja laß mich dir danken, daß du mich diesen Tag hast erleben lassen, und laß mich ihn vom Abend bis zum Abend dazu benutzen, durch Gebet und Buße in innerliche Gemeinschaft mit dir zu treten.

Amen!


Zum Morgengottesdienst (Schacharis).

42.»Herr! Herr! allmächtiger, barmherziger und gnädiger Gott, langmütiger und von großer Güte und Treue, der die Liebe bewahrt bis ins tausendste Geschlecht, Übertretungen und Sünden vergibt und doch nichts ungestraft läßt!«[33] Du unerschöpflicher Quell der Gnade! ich beuge mich vor dir in den Staub und bete deinen Namen mit unendlichem Danke an, denn du hast mir diesen Tag zur Rettung meiner Seele geschenkt. Was wäre ich doch, und wie sollte ich die schwere Bürde aller meiner Sünden tragen können, wenn du nicht diesen heiligen Tag dazu bestimmt hättest, sie von mir zu nehmen, von meinen Übertretungen mich zu reinigen und meine Schuld zu sühnen, oder wie könnte ich mich davor retten, tiefer und tiefer zu sinken, wenn ich nicht durch Fasten, Gebet und Buße am heutigen Tage an alle meine Sündenschuld erinnert würde, und deine liebende Vaterstimme mich heute nicht von meinem Irrweg zurückriefe und mir den Tag des Gerichts vor Augen stellte, der einst für jeden Sterblichen erscheinen wird, aber mir auch zugleich wiederum deine Gnade zeigte, die gerne verzeiht und mir zuruft, daß ich,»dich suchen und leben soll«. Wohl weiß ich, o Gott, daß du stets alle meine Wege schaust, und daß deine Stimme mich ohne Unterlaß zu warnen sucht, aber das ist ja gerade mein Vergehen, daß ich darauf nicht achte. Ja gewiß, meiner Sünden Menge würde zuletzt allen Frieden und jegliche Ruhe aus meiner Brust verjagen, sie würde mich tiefer und tiefer ins Verderben stürzen und niemals zur Prüfung meiner selbst kommen lassen, wenn du nicht diesen großen Sabbat[34] eingesetzt hättest, der meiner Seele den heiligsten Frieden und die seligste Ruhe verschaffen soll. Siehe, indem ich diesen heiligen Tag in deinem Heiligtum zubringe, so werde ich daran erinnert, daß ich selbst heilig sein soll, denn du, o Gott, bist heilig und in deinem Lichte soll ich mich, meinen Sinn und meinen Wandel läutern.—Ach, Herr, wenn ich alle meine Versündigungen bekennen wollte, wo sollte ich da anfangen und wo aufhören? O! so oft ich an diesem Tage mit der Gemeinde das Sündenbekenntnis (Viduj) widerhole, so laß mich tief in das Innere meines Herzens schauen und mich selbst prüfen, ob die Sünden mich nicht in ihr Garn gelockt haben. Laß mich untersuchen, ob ich auch unverrückbar ein sittlich heiliges Ziel bei all meinem Tun und Handeln vor Augen habe, das ich vor den Menschen dereinst zeigen und mir selber auch gegenüber stellen darf, wenn ich im Gebete vor deinem Angesicht stehe. Schaue gnädig auf die Tränen meiner Reue herab, und laß die Zerknirschung meines Herzens dir ein angenehmes Sühnopfer sein. Schenke mir deine Verzeihung für jedes Mal, daß ich meine Pflicht als Mensch (als Mutter, Tochter, Schwester, Verwandte usw.), als Israelitin versäumt habe, vergib mir, daß ich so oft die Menschen mehr als dich gefürchtet habe, verzeihe mir, daß ich rasch zur Lust der Welt und zögernd zu deinem Dienste, daß ich eifrig zum Schlechten und langsam zum Guten, verschwenderisch für den Genuß und geizig für Wohltaten gewesen bin. Gerechter Gott! Verfahre nicht mit mir nach meinen Sünden, sondern nach deiner großen Barmherzigkeit welche gern vergibt. Ja, erbarme dich über mich und hilf mir in deiner Liebe, daß ich an diesem Tage der Versöhnung von neuem geheiligt werde; führe du mich selbst zurück auf deinem Wege, daß ich zum Guten und zur Wahrheit Umkehr halten möge, denn du bist Herr, mein Gott.