47. Ewiger, der du sowohl in der Höhe als in der Tiefe die verborgenen Quellen öffnest und aus unerschöpflicher Fülle Segen niederströmen läßt über alle Geschöpfe, dir bringen jetzt alle ihren Dank, weil ihre Vorratskammern wiederum gefüllt sind,—wie könnte ich da allein schweigen? Sollte ich dir meinen Dank nicht bringen, der du deine milde Hand aufgetan und allem, was lebt, seine Nahrung gegeben hast? Nein, und wenn auch alle Welt schwiege, ich müßte doch in dieser Stunde die Stimme meiner Dankbarkeit erheben, denn du hast ja selber dieses Fest in deiner Güte dazu geweiht, daß es in der Brust des Israeliten die Stimme des Dankes wecken soll, auf daß, wie unsere Väter in der Wüste jeden Tag der Woche, so auch wir jetzt zu diesen festlichen Stunden erkennen, daß das Brot vom Himmel kommt, und daß wir nicht sein sollen wie diejenigen, welche über die Gabe den allgütigen Geber vergessen. Und kann ich auch nicht wie der Landmann zur Erntezeit, in meine Scheuern gehen, um den reichen Segen zu sehen, so hast du doch mir und den Meinen eine nicht minder reiche Ernte verliehen. Die Tat, welche ich vollführe, der Beruf, den ich erfülle, das ist ja der Acker, den ich pflüge und besäe, und wie reich hast du mich ernten lassen! Und hätte ich auch nur wenig geerntet, flossen auch die Quellen der Nahrung nur spärlich, so ist doch selbst dieses Geringe eine unverdiente Gabe aus deiner Hand. Aufs neue wird mir die Gewißheit, daß du deinen Bund hältst,»daß Saat und Ernte niemals aufhören und der Fleißige gesegnet werden soll.« Wieder habe ich tausende von Erquickungen empfangen, und jede einzelne von ihnen lehrte mich, daß,»wenn auch junge Löwen schmachten und hungern, so soll doch denen, die dich von ganzem Herzen suchen, nichts Gutes mangeln«.[47] So will ich mich denn heute in diesem Troste freuen, und ich will meine Freude erhöhen, indem ich Freude nah und fern verbreite, und meinen Dank will ich dir dadurch beweisen, daß ich jedem meiner Brüder und jeder meiner Schwestern mit freundlichem Angesicht, mit mildem, wohltätigem Sinn entgegenkommen will, daß auch ihr Dank für alles, womit du uns gesegnet hast, zu dir aufsteige. Nun bitte ich dich, allen schöne, festliche Tage zu bereiten, ich bitte dich, Frieden und Freude über mich und mein Haus auszubreiten, daß es von deinem Lob beständig widerhallen möge. Geheiliget sei dein Name!
Amen!
48. Dir danke ich, o mein Gott, daß dein Name nahe ist, und daß, der du deine hohe Wohnung dir im Himmel erbaut hast, du auch deinen Bund auf Erden gegründet und deine Hütte unter den Kindern der Menschen aufgeschlagen hast, daß auch mein Leben in der Gemeinschaft der Frommen geheiligt wird. Denn heute ist es ja das Fest, welches du dereinst angeordnet hast, um dem gemeinsamen Leben der Gläubigen Nahrung zu geben, und noch jetzt ist es diesem Zweck geweiht; und wie vormals alle diejenigen an ihm vereinigt wurden, welche in zahlreichen Scharen zur heiligen Stadt hinzogen, deinen Namen zu preisen und deiner Lehre zu lauschen, auf daß sie neu belebt würden und mit des Glaubens heiligen Gaben in ihre Häuser heimkehrten, also umschlingt dasselbe Fest noch immer mit einem heiligen Band alle diejenigen, die über die weite Erde zerstreut und zersplittert sind, aber eine geistige Gemeinschaft sich bewahrt haben. Es verbindet uns alle als Brüder im Glauben, die wenig Begabten mit den an Kenntnis Reichen, und die, welche durch ihre frommen und edlen Handlungen sich einen Namen und guten Ruf erworben haben, mit denen, die nur wenig vollführt, aber doch zur Gründung des Himmelreiches auf Erden mitgewirkt haben, wenn sie nur treu geblieben sind und sich dem heiligen Bund von ganzem Herzen angeschlossen haben. Es sind ja nicht nur die Mächtigen und Großen, die hie und da nur spärlich zu finden sind, durch welche die Aufgabe, die du deinem Volke gestellt hast, erfüllt werden soll; auch nicht allein diejenigen, welche die Menschen dazu bestellt haben, deinen Weinberg zu hüten und zu pflegen, nein, es sind auch diejenigen, welche mit geringen Kräften Stein auf Stein zu dem heiligen Bau tragen, die Geringen, welche in einfältiger Frömmigkeit das Ihrige zu seinem Wachstum beitragen, und überall sich finden, wo der Lebensstrom deiner Lehre fließt, gleich der unansehnlichen Weide, die an jedem Strom wächst und die ganze Erde ziert, während die Palme nur ein Schmuck der südlichen Länder ist. O Gott, laß auch mich ein lebendiges Glied in diesem Bunde sein, mich, der ich mit ganzem Herzen mich deiner Gemeinde anschließe; und kann ich auch nichts Großes wirken, so erfülle mich doch mit der freudigen Gewißheit, daß selbst durch das Wenige, welches ich beizutragen vermag, das Ganze und Große auch gefördert werde. Stärke mich in dem Vorsatz, mit Bereitwilligkeit mein Scherflein für alles zu geben, was zum Bedarf der Gemeinde sowohl, wie deines Hauses dient, und für alles, was die Gemeinschaft mit dir fördert. Und Herr, mit Sorgfalt will ich alles vermeiden, was Zwistigkeit erregen könnte, und was dazu dienen möchte, das Band zu lösen, welches uns alle in einem Gedanken und in einem Sinne vereinen soll. Laß nun dieses Fest über mich und die Meinigen seine erquickenden Schatten breiten, daß ich von seiner Freude gesättigt werde, als von dem Vorgeschmack der Seligkeit.
Amen!
Am Schlußfeste (Schemini Azeres).
49. Ewiger Gott! Das Fest und die Natur vereinen sich, um mir zu predigen;»Alles ist eitel, alles ist ganz eitel!«[48] Wohin ich jetzt meine Blicke wende, überall in der Natur treten mir die Zeichen der Vergänglichkeit entgegen. Die Schönheit der Ebene ist geschwunden, der Schmuck der Fluren ist dahingewelkt, auf dürre, welke Blätter tritt mein Fuß, und ich fühle mich tief von dem Gedanken ergriffen:»Des Menschen Leben ist wie Gras, er blüht wie eine Blume des Feldes, ein Wind fährt darüber hin und sie ist nicht mehr und ihre Stätte kennt man nicht länger;«[49] bald welkt die Schönheit des Lebens dahin, ach, gar bald werde ich dastehen wie ein entlaubter Baum, von dem Blatt nach Blatt herunterfällt. Und wird mir nicht dasselbe von diesem heiligen Schlußfest gepredigt, das mich daran erinnern soll, wie bald meine Tage zu Ende sind und mein Tagewerk abgeschlossen werden soll? Noch einmal will ich mich in dir und vor deinem Angesichte freuen, o Ewiger, und in meiner Seele alle die beseligenden Eindrücke sammeln, welche diese vielen Festtage auf mich gemacht haben, und ich will mich hüten, daß ich nichts von der mir noch vergönnten Zeit verliere. So will ich mich denn beeilen, ehe des Lebens Winter herannaht und die Kräfte mir versagen, das zu vollführen, wozu ich berufen worden bin, und ich will die wenigen Tage, welche mir zugemessen sind, noch mehr dazu benutzen, ein Leben zu führen, dir angenehm und den Menschen segenbringend. Mein himmlischer Vater! Nimm das Opfer meines Herzens gnädig an, das fromme Gelübde, daß ich in dem Vergänglichen das Ewige erfassen will, damit ich einst, wenn du mich rufst, ein Schlußfest bei dir in Seligkeit und ewiger Freude feiern möge.
Amen!