XV. Eine Waise.

Ewiger, gerechter Gott! hart ist die Prüfung, die du mir auferlegt hast, ich bin elend und verlassen; denn meinen Vater, den du mir zum treuen Führer und Versorger gabst und meine Mutter, deren Obhut und Liebe mich zu dir leiten sollte, ich sehe sie nicht mehr!—Ach, wo soll ich denn jetzt hingehen, wo Trost und Rat suchen? O, wie sehr habe ich mich nicht versündigt, daß ich das Glück, einen lieben Vater, eine liebe Mutter zu besitzen, nicht hinreichend zu würdigen wußte, und daß ich nicht dankbar genug war für alles, was du mir in ihnen gegeben hast. Ach, wie einsam und niedergeschlagen fühle ich mich jetzt! O, du selbst, Allgütiger! öffne du mir den Schatz deines Trostes! Noch hast du ja niemals eine Seele verlassen, welche dich nicht verließ, sondern du halfst dem Elenden, der dich um deinen Beistand bat, und auch mir wirst du helfen. Du verkündigst mir in deinem Worte, daß,»wenn auch Vater und Mutter mich verlassen haben, so willst du dich, mein ewiger Gott und Vater, doch meiner annehmen.« Leite mich denn und führe mich; laß im Geiste mich stets umschwebt fühlen von jenen geliebten und verklärten Seelen, und laß mich durch einen gottesfürchtigen Wandel ihr Andenken ehren und ihnen so den schuldigen Dank darbringen. Sei du nun selbst mein Vater, der mich auf den Armen seiner Liebe trägt und mir den Bedarf des Lebens spendet. O gib, daß die Menschen, die sich freundlich an Stelle meiner Eltern meiner annehmen, auch Sorge tragen für das Wohl meiner Seele, und vergilt du ihnen all das Gute, welches sie in deinem Namen mir erweisen. Wohne du in meinem Herzen, und lenke meinen Weg so, daß ich mit Recht mich dein Kind nennen kann, mein himmlischer Vater, das Wohlgefallen vor dir und in den Augen der Menschen findet. Erhöre mein und aller Waisen Gebet; o gnadenreicher Gott, du ewiger Helfer.

Amen!


XVI. Im Alter.

Treuer, ewig lebendiger Gott,»der den Müden Kraft verleiht und dem Ohnmächtigen große Stärke,« du, der versprochen hat, bis zum Alter mit uns zu sein, o, du hast gnädig diese Zusage für mich gehalten, und ich bringe dir meinen Dank,»daß du mich von meiner Jugend an geleitet und mich mit Barmherzigkeit und Gnade umgeben hast, bis ich alt geworden bin.—O, verlaß mich denn nun auch jetzt nicht, da ich fühle, daß meine Kräfte schwinden und meine Sinne stumpf werden.»Erinnere dich der Sünden und Übertretungen meiner Jugend nicht, aber gedenke meiner nach deinem Erbarmen um deiner Liebe willen.«[71] Verleihe mir Kraft, die Bürden des Alters mit Geduld zu tragen, und laß mich durch fromme Ergebung für alle, die um mich her wohnen, eine lebendige Ermahnung sein. Und je schwächer meines Leibes Augen werden, um so mehr laß mich den Blick nach Innen wenden, daß ich mein Inneres läutere und in den Gedanken an dich Ruhe gewinne. Ja, laß es mir in den paar Tagen, die mir noch zugemessen sind, glücken, dem jüngeren Geschlecht ein gutes Beispiel zu geben, daß die Worte, welche ich rede, zur Verherrlichung deines Namens dienen mögen, und die Handlungen, welche ich vollbringe, ein Zeugnis seien der Reinheit und Treue meines Glaubens und der Liebe in meinem Herzen. Und stärke so mich in des Lebens letztem Streit, daß ich dann deutlich den Ruf deiner Liebe vernehme:»Fürchte nichts, denn ich erlöse dich; ich rufe dich bei deinem Namen, denn du bist mein,« und daß ich noch mit meinem letzten Atemzug deinen Namen bekennen und preisen möge.

Amen!


XVII. Bei der Fortreise von der Heimat.

Allgütiger Gott, der du unsere Schritte lenkst und einem jeden Menschen seinen Weg bahnst, laß mich in deinem Namen diese Reise antreten und beendigen. Sei du in deiner Gnade mein Begleiter, daß ich sicher wandern und Ziel und Zweck erreichen möge. Beschütze mich auf meinem Wege, daß mich kein Unheil treffe, entferne jede Gefahr von mir, jedes Hindernis, daß ich meine Reise gesund und rasch zurücklege, daß ich ungestört ausziehen und in Frieden wieder heimkehren könne. Aber während ich in der Ferne bin, nimm du meine Lieben (meinen Vater, Mutter, meinen Mann, meine Kinder usw.) in deinen Schutz, daß ich sie in Freuden wieder umarmen kann, wenn ich zurückgekehrt bin. Deine Rechte leite mich, wo ich auch gehe, und dein Gotteswort sei mir ein leuchtender Stern auf meinem Pfade. Es preise dich mein Mund und stimme froh an als Wanderlied:»Gottes Name ist eine feste Burg, in ihm pilgert der Fromme und ist geschützt.«[72]