Über die Sitte, die Grabstellen zu besuchen und dort zu beten.

»Siehe, ich lege dir Leben und Tod vor, wähle das Leben!«(5. B. Mos. 30, 15. 19)

So lauten die Worte der Schrift: Wähle das Leben, denn alle Lehren und Gebote in der heiligen Thora gehen nur auf das Leben (Ezech. 20, 11.), und des Glaubens Kraft soll sich für das Leben und in demselben wirksam zeigen.

Diese Worte geben uns den Grund dafür an, warum der Israelit seine Heiligtümer nicht auf Grabeswölbungen baut, nicht das Tote zum Grund für die Saat des Glaubens wählt und keinen Reliquien-Dienst kennt; und wie hoch er auch den entseelten Leichnam achtet, als die Hülle, die einst gewürdigt gewesen ist, den göttlichen Geist zu tragen, so daß die Geringschätzung einer Leiche als Gotteslästerung bezeichnet wird (Berachoth 19), so verbietet seine Religion doch, eine Leiche zur Schau zu stellen oder Prunk mit derselben zu entfalten, um der Eitelkeit Nahrung zu geben, wenn die Verwesung schon davon zeugt, daß sie eine Beute des Grabes ist.

Bei jedem Todesfall soll das Gefühl von dem Ernst des Lebens und seinem raschen Entschwinden bei uns geweckt werden, so daß wir aufs neue unser Dasein zur nützlichen Wirksamkeit unter den Menschen heiligen, zu einem heiligen Wandel vor dem Unsichtbaren, und wenn man auch die Stätten bezeichnen soll, wo teure Entschlafene ruhen (Ezech. 39, 15.), so soll es doch nicht durch kostbare Denkmäler geschehen; denn gute Werke sind die schönsten Monumente, welche die Hinterbliebenen für die Verklärten errichten und edle Handlungen die schönsten Blumen, die auf ihren Grabeshügeln gepflanzt werden.[90]

Wenn es demnach eine uralte Sitte ist, an gewissen Tagen im Jahre die Gräber zu besuchen, besonders, wenn der Tag wiederkehrt, an dem man einen seiner Verwandten verloren hat, oder wenn Sorgen und Bekümmernis unsern Sinn darniederdrücken,[91] so ist es eine Selbstfolge, daß eine jede abergläubische Vorstellung davon fern gehalten werden muß, jene schwärmerischen Gedanken, als ob man mit den Toten verkehren oder sie sogar anbeten könne, was ganz und gar wider die Grundsätze unserer erhabenen Religion streitet (5. Mos. 18, 9. 11.); denn die, denen Gott sich offenbart hat, heißt es bei den Propheten (Jes. 8, 19.), die sollen sich zu ihm wenden, der einen jeden erhört, der ihn in Wahrheit anruft, und nicht die Toten für die Lebenden fragen.

Nein! Ganz andere Gesichtspunkte sind es, von denen aus der Besuch der Gräber bei den Juden verstanden und begriffen werden soll. Zuerst und vor allen Dingen soll er den Namen Gottes heiligen und es laut verkünden, daß der Allgütige gerecht ist, wie unerforschlich auch seine Wege sind. Dort legt er, wenn einer seiner Lieben zur Erde getragen wird, das Bekenntnis ab, daß des Allmächtigen Schöpfers Werk vollkommen und alle seine Wege gerecht sind (5. Mos. 32, 4). Je mehr es uns in dem schweren Augenblick, wo der Leichnam eines unserer Lieben versenkt wird, vorkommen könnte, als ob manches Menschen Dasein unvollendet geblieben sei, und wir in der Bitterkeit des Schmerzes versucht werden könnten, Gottes Gerechtigkeit zu bezweifeln, destomehr sollen wir unsere wahre Ergebenheit in Gottes Willen, unsern unverrückbaren Glauben beweisen, und indem wir der künftigen Welt gedenken, es bekennen, daß der Herr gerecht ist. Und diesen Glauben sollen wir jedesmal stärken, da wir die Gräber besuchen.

Sowohl das Leben als der Tod scheinen uns in Wahrheit rätselhaft. Wir sehen hier nicht nur Menschen jeden Alters und Standes bestattet, und scheinen oft Grund zu der Frage zu haben, weshalb es diesen oder jenen treffen mußte, sondern wir sehen auch solche, deren Wirksamkeit uns von der größten Wichtigkeit zu sein schien, in der Blüte der Jugend fortgerissen, während die, welche nach unserer Meinung für die Welt ganz entbehrlich waren, erst hochbetagt zu den Ihrigen versammelt wurden. Mütter wurden von den Kindern fortgerissen, während diese noch der mütterlichen Pflege bedürftig waren, und die Hoffnung der Zukunft, die lebendige Jugend, ging den Weg alles Fleisches, während schwächliche Greise erst spät ihr Haupt zur Ruhe legten. Aber je rätselhafter hier uns alles erscheint, desto innerlicher sollen wir das Wort des Glaubens erfassen, daß der Herr wohl wunderbar in seinem Rate ist, aber doch herrlich in seiner Tat, und daß das, was er geschaffen hat, vollkommen ist, und das, was uns als gestorben erscheint, begonnen hat, seiner Vollendung entgegenzugehen. Denn beide Welten stehen in Verbindung mit einander; das ewige Leben nimmt seinen Anfang schon mit diesem, und was der Unerforschliche bestimmt, muß gerecht sein.

Bereits hier auf Erden nimmt das ewige Leben seinen Anfang, und gerade dieser Gedanke ist es, der dadurch lebendig in uns werden soll, daß wir die Grabstellen der Entschlafenen besuchen,[92] wo aller Stolz und alle Eitelkeit uns verlassen sollen und die Macht der Sinnlichkeit gebrochen wird. Nur allzu leicht vergessen wir unsere wahre Bestimmung im Taumel des Lebens, allzu leicht betrachten wir Reichtum, Ehre und Vergnügungen als die Güter, welche wir zumeist erstreben sollen, als ob sie uns niemals entfliehen würden, aber hier auf dem Friedhof: