2. Herr, o allgütiger Vater im Himmel, hier bei diesem stillen, bescheidenen Grabeshügel, der die Asche eines so teuern Verwandten bedeckt, hier erhebe ich, dein schwaches, sterbliches Kind, mein zerknirschtes Herz zu deinem Himmel, wo die unsterblichen Seelen, deren Staub hier ruht, wie die Sterne leuchten. O Gott der Liebe! gedenke mit väterlichem Erbarmen der Seele, an deren Scheiden dieser Tag mich mit so tief innerlicher Wehmut erinnert. Noch schwebt mir die wehevolle Stunde vor, da du diese teure Seele (meinen Vater, meine Mutter) von mir riefst. Ach, wie ganz anders war doch mein Leben, da sie noch als mein leuchtendes Vorbild hier auf Erden wandelten; wie manche Freude haben sie mir bereitet! Wie oft stärkten sie mich durch ihren weisen Rat! O! ich erinnere mich ferner, welche Hoffnung (der liebe Vater, die gute Mutter) auf mich setzte, wie ich voll Hoffnung zu ihm, (ihr) aufschaute, wie ich darnach strebte, seines (ihres) Alters Stütze zu sein, und wie er (sie) so rasch von meiner Seite hinweggerissen wurde, ehe diese Hoffnungen noch in Erfüllung gehen konnten. Doch mein Glaube lehrt mich, daß, was du Allmächtiger tust, gerecht, weise und heilbringend ist, er belebt mich mit der Hoffnung auf ein Wiedersehen jenseits des Grabes, wo mir offenbar werden soll, daß des Menschen höheres Hoffen erfüllt wird. O, vergönne mir denn heute, daß ich mich deinem Throne nähere und dich um Kraft dazu anflehe, daß es mir glücke, auf meiner Pilgerreise etwas zu wirken, das von dem frommen Geist zeugen möge, den der Heimgegangene in meiner Seele gepflegt hat. Stehe mir bei, daß ich die Gaben, welche du mir verliehen hast, dazu anwende, durch meine Handlungen dem Verklärten ein ewiges Angedenken in der Gemeinde zu gründen. O, Herr leite mich, daß meine Wege dir gefallen mögen, und nimm mich zuletzt mit Ehren auf.
Amen!
Am Grabe des Vaters, am Jahrestage seines Todes.
3. An diesem Tage, der mich so lebhaft an die Sorge erinnert, die mein Herz erfüllte, als du zur Ewigkeit abgerufen wurdest und nur der Gedanke an die Unsterblichkeit, den du, mein heimgegangener Vater, mir eingeprägt hast, mir Trost verleihen konnte,—an diesem Tage nahe ich mich deinem Staube, um meinem niemals genügend ausgesprochenen Dank zu äußern, den ich dir für all deine väterliche Fürsorge, die du mir mit so vieler Aufopferung bewiesen hast, schuldig bin. Der alliebende Vergelter wird dort gewiß deine Seele dafür belohnen, und sie wird himmlische Freude und Glückseligkeit in dem Bewußtsein finden, daß dein Kind darnach strebt, den Weg der Frommen zu gehen, auf dem es die Vollkommenheit erreichen kann. Dein Andenken soll mir deshalb stets heilig und unvergeßlich sein; oft will ich der guten Lehre, der liebevollen Ermahnungen und nützlichen Warnungen mich erinnern, die ich aus deinem Munde empfangen habe. Wenn die Versuchung kommen sollte, will ich mich damit wider sie kräftigen und sie besiegen, daß ich mich frage: entspricht deine Handlung wohl der frommen Weisung, die du von deinem Vater erhalten, stimmt sie mit seinem rühmlichen und wohltätigen Wandel überein? Würde er sie billigen können und ihr seine Zustimmung verleihen? Würdest du ihn nicht damit betrübt und das Herz verwundet haben, welches stets für dein Wohl schlug? Ja, geliebter Entschlafener! Dein Leben soll mir ein leuchtendes Vorbild auf meiner irdischen Laufbahn sein. Ich will der unerschütterlichen Standhaftigkeit gedenken, mit der du an deinem Glauben hieltest, der innigen Teilnahme, mit der du dich in der Schar der Betenden einfandest, der Sparsamkeit, die du bewiesest, wenn es die Genüsse des Lebens galt, und der Freigebigkeit, womit du den Bedrängten halfest. O, du Allmächtiger im Himmel! der du gewiß der Seele meines verstorbenen Vaters das Reich der Ewigkeit aufgetan hast, laß auch meinen Wandel mehr und mehr dazu beitragen, daß sie froh werde, dein Angesicht in voller Klarheit zu schauen; erhöre die verklärte Seele, wenn sie vor deinem Thron ihre Fürbitte für mich niederlegt. Zeige du mir den Weg des Lebens, denn bei dir ist die Quelle des Lebens, in deinem Lichte sollen wir Licht und Seligkeit schauen in Ewigkeit.
Amen!
Am Grabe der Mutter, am Jahrestage ihres Todes.
4. Mutter! Liebe Mutter! Das Kind, welches du einst unter deinem Herzen getragen und das du so treulich mit innigster Liebe gepflegt hast, als du noch unter den Sterblichen wandeltest, dieses dein Kind kommt an diesem heiligen Gedächtnistage zu deinem Grabe, indem Tränen der Wehmut und der Liebe seine Augen füllen. O, daß dein Geist dorten wahrnehme die dankbaren Gefühle, die mich in diesem Augenblick durchströmen. Ach, wie wenig war ich doch imstande, meine kindliche Erkenntlichkeit dir zu beweisen; kaum verstand ich die mütterliche Liebe zu schätzen. Aber seit ich dich nicht mehr habe, habe ich erst recht die Größe meines Verlustes kennen gelernt, seit der Zeit, da du nicht mehr auf Erden wandelst, werde ich täglich daran erinnert, wie viel Dank ich deiner mütterlichen Fürsorge schulde, wie du Selbstverleugnung übtest, um das Glück und Wohl deines Kindes zu fördern. Ich weiß nicht, wie ich meine Schuld bezahlen soll, außer daß ich mich bestrebe so zu leben, daß ein Jeder, der meinen Wandel auf Erden sieht, ausrufen muß:»Heil dem Weibe, das ihn geboren hat,« und daß ich so deinen Namen mit Ruhm verewige. Deine Seele sei ein unsichtbarer Engel, der mich stets umschwebe, mich von Sünden und Lastern fern halte, und mich stets an die heilige Andacht erinnere, mit welcher du in deinem Heim, wie im Gotteshause zu dem Herrn betetest, sodaß mein Herz dadurch fromm und mein Sinn milde werde.—Und du, himmlischer Vater, der so gerne die Gebete seiner Kinder erhört, o! erhöre mich, wenn ich bete: schenke meiner heimgegangenen Mutter dort, wo nur Liebe und Friede herrscht, jene beseligende Wonne, die du deinen Heiligen bereitet hast, zu denen auch sie ja sicher zählt, daß sie es wissen, wenn ihre Nachkommen in Reinheit und Frömmigkeit vor dir wandeln. Stärke mich dazu, daß ich einst, wenn die Bande des Staubes fallen, und der Geist zu dir emporsteigt, mit heiliger Freude einer seligen Wiedervereinigung mit meiner verklärten Mutter und allen Edlen, die bei dir sind, gewiß sein kann. Dein Name sei gepriesen in aller Ewigkeit.
Amen!