Ich entsann mich eines früheren Gespräches mit Menni. Als ich mich anschickte, die von meinen Reisegefährten benützte Sprache zu lernen, interessierte es mich zu erfahren, ob diese von allen Marssprachen die verbreitetste sei. Menni erklärte mir, sie sei die einzige auf dem Mars geredete Sprache.

„Auch bei uns“, fügte Menni hinzu, „verstanden die Bewohner der verschiedenen Länder einander nicht, aber schon vor langer Zeit, etliche hundert Jahre vor dem sozialistischen Umsturz, wurden alle Dialekte zu einer einzigen Sprache verschmolzen. Dies vollzog sich auf freie, elementare Art – niemand bemühte sich darum oder schenkte der Angelegenheit besondere Aufmerksamkeit. Etliche örtliche Sprachgebräuche erhielten sich noch längere Zeit, doch waren diese allen verständlich. Und die Entwicklung der Literatur fegte auch diese hinweg.“

„Diese Tatsache vermag bloß auf eine Art erklärt zu werden“, meinte ich. „Offensichtlich ist auf Ihrem Planeten die Verbindung zwischen den Menschen weit besser, leichter und enger, als bei uns.“

„Dies stimmt“, erwiderte Menni. „Auf dem Mars gibt es weder Euere ungeheuren Ozeane, noch Euere unübersteigbaren Berggipfel. Unsere Meere sind klein, trennen nirgends die einzelnen Landteile in selbständige Kontinente, unsere Berge sind nicht hoch, abgesehen von einigen Gipfeln. Die ganze Oberfläche unseres Planeten ist viermal kleiner, als die der Erde. Außerdem ist bei uns die Schwerkraft zweieinhalbmal geringer, als bei Euch; dank der Leichtigkeit unseres Körpers vermögen wir uns auch ohne besondere Mittel rasch und leicht zu bewegen, wir laufen ohne zu ermüden ebenso schnell wie Ihr zu Pferde weiterkommt. Die Natur hat zwischen unseren Völkern weit weniger Mauern und Scheidewände aufgerichtet, als bei Euch.“

Dies war offensichtlich eine der Hauptursachen, die bei der Marsmenschheit die scharfe Trennung der Rassen und Nationen verhindert hatte, sowie das Emporkommen der Kriegerkaste, des Militarismus und des ganzen Systems des Massenmordens. Wahrscheinlich hatte auch hier der Kapitalismus mit seinen Widersprüchen zur Erschaffung all dieser, der höheren Kultur angehörenden Eigenheiten geführt, doch wurde die Entwicklung des Kapitalismus von der Nebenerscheinung begleitet, für die politische Vereinigung aller Völker und Nationen neue Bedingungen zu schaffen. Grund und Boden der Kleinbauern wurden frühzeitig vom Großgrundbesitz verschlungen, und bald darauf wurde der ganze Grund und Boden nationalisiert.

Die Ursache hierfür lag in der stetig stärker werdenden Trockenheit des Bodens, gegen welche die Kleinbauern nicht erfolgreich zu kämpfen vermochten. Die Erde des Planeten verschlang das Wasser und gab es nicht wieder zurück. Dies war die Fortsetzung jenes elementaren Prozesses, vermittels dessen die einst auf dem Mars bestehenden Ozeane seichter geworden und sich in kleine Binnenmeere verwandelt hatten. Ein derartiger Prozeß geht auch auf unserer Erde vor sich, doch ist er noch nicht so weit gediehen; auf dem Mars hingegen, der doppelt so alt ist wie die Erde, wurde die Lage bereits vor tausend Jahren äußerst ernst. Die Verminderung der Meere führte zu einer Verminderung der Wolken und des Regens, zum Seichterwerden der Flüsse und zum Austrocknen der Quellen. An den meisten Orten mußte die künstliche Bewässerung eingeführt werden. Wie hätten sich unter diesen Bedingungen die unabhängigen Kleinbauern halten können?

In dem einen Fall gingen sie einfach zugrunde und ihr Boden fiel in die Hände der benachbarten Großgrundbesitzer, die über genügend Kapital verfügten, um die künstliche Bewässerung durchführen zu können. Im anderen Fall schlossen sich die Bauern zusammen, vereinigten ihre Kräfte für das gemeinsame Werk. Doch gingen diesen Genossenschaften früher oder später die Mittel aus; anfangs dünkte sie dies ein vorübergehendes Uebel, sie machten bei den großen Kapitalisten die ersten Anleihen. Trotzdem ging es mit ihnen immer rascher bergab, die Prozente der Anleihe vergrößerten ihre Ausgaben, führten unweigerlich zu neuen Anleihen usw. Die bäuerlichen Genossenschaften unterlagen der wirtschaftlichen Macht ihrer Gläubiger und gingen zugrunde, rissen ihre Mitglieder, bisweilen hundert oder tausend Bauern, auf einmal mit sich.

Derart gelangte die urbar gemachte Erde in den Besitz etlicher tausend großer Bodenkapitalisten; aber der innere Teil des Landes blieb eine Wüste; hierher gelangte kein Wasser, und die einzelnen Kapitalisten besaßen nicht genügend Mittel, um diese Landstriche zu bewässern. Als die Staatsgewalt, die damals schon völlig demokratisch war, sich gezwungen sah, diese Sache in die Hand zu nehmen, um das allzu zahlreich werdende Proletariat zu beschäftigen und der sterbenden Bauernschaft zu Hilfe zu kommen, verfügte selbst sie nicht über die zum Bau der gigantischen Kanäle nötigen Mittel. Kapitalistische Syndikate wollten die Sache übernehmen, – doch war das ganze Volk dagegen, wohl wissend, das dies eine Stärkung der Syndikate und deren Herrschaft bedeuten würde. Nach langem Kampf und verzweifeltem Widerstand von seiten der Bodenkapitalisten wurde eine große progressive Einkommensteuer auf landwirtschaftliche Erzeugnisse eingeführt. Die durch diese Steuer erzielten Summen wurden zum Fonds der ungeheuren Arbeit: des Baues der Kanäle. Die Macht der Gutsbesitzer war gebrochen, und der Uebergang zur Nationalisierung von Grund und Boden vollzog sich rasch. Damit verschwanden auch die letzten Reste der Kleinbauern, da die Regierung im eigenen Interesse ausschließlich den Großkapitalisten Land überlassen hatte, so daß die landwirtschaftlichen Unternehmungen noch größer geworden waren als zuvor. Nun wurden die hauptsächlichsten Kanäle geschaffen, was zu einer mächtigen wirtschaftlichen Entwicklung führte und die politische Vereinigung der Menschheit näher brachte. Dies lesend, konnte ich nicht umhin, Menni meine Verwunderung darüber auszudrücken, daß Menschenhände vermocht hatten, solche riesenhaften Wasserwege zu erbauen, die selbst mit unseren mangelhaften Teleskopen von der Erde aus gesehen werden konnten.

„Sie befinden sich in einem kleinen Irrtum“, erwiderte Menni. „Zwar sind diese Kanäle tatsächlich ungeheuer groß, aber sie müßten noch um etliche zehn Kilometer breiter sein, um von Eueren Astronomen unterschieden werden zu können. Was diese sehen, sind die gewaltigen Waldstreifen, die wir längs der Kanäle pflanzten, damit eine gleichmäßige Verdunstung der Feuchtigkeit erzielt und das allzurasche Austrocknen des Wassers verhindert werde.

Die Zeit der Kanalbauten brachte einen ungeheueren wirtschaftlichen Aufschwung; die Industrie blühte und der Klassenkampf ebbte ab. Es gab eine große Nachfrage nach Arbeitskräften, die Arbeitslosigkeit verschwand völlig. Als jedoch das große Werk beendet war, und zusammen mit ihm auch die kapitalistische Kolonisierung der wüsten Gegenden, kam es bald zu einer wirtschaftlichen Krise, und die „soziale Welt“ wurde durchschaut. Die soziale Revolution brach aus. Und abermals spielte sich alles verhältnismäßig friedlich ab; die Hauptwaffe der Arbeiter war der Streik, und nur in seltenen Fällen und an einigen Orten, fast ausschließlich in ländlichen Bezirken, kam es zu Aufständen. Schritt für Schritt unterlagen die Grundbesitzer dem Unvermeidlichen; selbst als die Regierungsgewalt schon in den Händen der Arbeiterpartei lag, versuchten die Sieger nicht, ihre Sache mit Gewalt zu fördern.