In jenen Tagen ereignete sich all das, was mein Leben verwandelte und mich aus der Sturzflut des proletarischen Kampfes fortriß.
Trotz meiner siebenundzwanzig Jahre war ich in der Arbeiterpartei einer der „Alten“. Es wurden mir sechs Jahre der Arbeit angerechnet, unterbrochen durch ein Jahr Gefängnis. Früher als manch anderer fühlte ich das Nahen des Sturmes, und ging ihm auch gelassener entgegen. Es war nötig, weit mehr als bisher zu arbeiten, dennoch gab ich meine Studien nicht auf; besonders interessierten mich die Fragen der Struktur der Materie. Doch war dies nicht nur platonisch, sondern ich schrieb auch für wissenschaftliche Zeitschriften, verdiente auf diese Art mein Brot. Zu jener Zeit liebte ich, oder glaubte zumindest zu lieben.
In der Partei war ihr Name Anna Nikolajewna.
Sie gehörte der anderen, der gemäßigteren Richtung unserer Partei an. Ich erklärte mir dies aus der Weichheit ihres Charakters, sowie aus der allgemeinen Verworrenheit der politischen Verhältnisse unseres Landes. Obgleich sie älter war als ich, hielt ich sie dennoch nicht für einen völlig geklärten Charakter. Doch irrte ich.
Bald nachdem wir einander näher gekommen waren, zeigte sich die Verschiedenheit unserer Charaktere auf schmerzlichste Art. Allmählich bildeten sich die tiefsten gedanklichen Widersprüche aus, die sich sowohl auf unsere Stellung zur revolutionären Arbeit, als auch auf unser persönliches Verhältnis bezogen.
Sie war unter der Fahne der Pflicht und des Opfers zur Revolution gekommen – ich unter der Fahne des eigenen freien Verlangens. Sie hatte sich der großen proletarischen Bewegung als Moralistin angeschlossen, suchte darin die Befriedigung höherer Sittlichkeit – ich hingegen gehörte der Bewegung als Amoralist an, als Mensch, der das Leben liebt, dessen höchste Blüte ersehnt und sich jener Bewegung zuwendet, die den zur Entwicklung und Blüte führenden Weg der Geschichte verkörpert. Für Anna Nikolajewna war die proletarische Ethik heilig in sich selbst, ich jedoch betrachtete diese als nützliche Anpassung, die im Klassenkampf wohl unerläßlich sei, aber vergänglich wie der Kampf selbst, und bloß aus der Lebensordnung geboren. Anna Nikolajewna erwartete von der sozialistischen Gesellschaft ausschließlich eine Umwandlung und Erneuerung der proletarischen Klassenmoral, während ich behauptete, daß das Proletariat schon heute die Vernichtung jeglicher Moral anstrebe und daß das sozialistische Gefühl, indem es die Menschen zu Kameraden der Arbeit, der Freude und des Leids mache, nur dann völlig ungehemmt herrschen könne, wenn es den Fetisch-Mantel der Sittlichkeit von sich werfe. Aus dieser Meinungsverschiedenheit entstanden gar häufig Widersprüche über die Wertung politischer und sozialistischer Faktoren, Widersprüche, die zu schlichten unmöglich war.
Noch weit schärfer zeigte sich unsere Meinungsverschiedenheit, wenn es sich um unser persönliches Verhältnis handelte. Sie fand, daß die Liebe zur Nachgiebigkeit, zum Opfer, vor allem aber zur Treue verpflichte, solange der Bund bestehe. Ich dachte gar nicht daran, eine neue Verbindung einzugehen, doch vermochte ich die Treue als Pflicht nicht anzuerkennen. Ja, ich behauptete sogar, daß die Polygamie höher stehe als die Monogamie, weil sie dem Menschen ein reicheres persönliches Leben und den Nachkommen mehr Vielartigkeit zu geben vermag. Meiner Ansicht nach ist die sogenannte Unmöglichkeit der Polygamie nur von den Widersprüchen der bürgerlichen Ordnung geschaffen, gehört zu den Privilegien der Ausbeuter und Parasiten, zu deren schmutzigen, sich zersetzenden Psychologie. Auch hierin muß die Zukunft eine gewaltige Wandlung bringen. Diese Auffassung erschütterte Anna Nikolajewna aufs tiefste: sie sah darin einen Versuch, in der Form der Idee die groben sinnlichen Beziehungen zum Leben zu rechtfertigen.
Trotz allem sah ich, ahnte ich nicht die Unvermeidlichkeit eines Bruches. Da drang in unser Leben ein von außen kommender Einfluß, der die Entscheidung beschleunigte.
Um diese Zeit kam in die Hauptstadt ein junger Mann, der den in unseren Kreisen ungewöhnlichen Decknamen Menni trug. Er brachte aus dem Süden Berichte und Aufträge mit, die klar erkennen ließen, daß er das völlige Vertrauen der Genossen besitze. Nachdem er seine Aufgabe erfüllt hatte, beschloß er, noch einige Zeit in der Hauptstadt zu verweilen, und suchte uns häufig auf; es schien ihm viel daran gelegen, meine Freundschaft zu erwerben.
Er war in vielem ein origineller Mensch. Schon sein Aeußeres war ungewöhnlich. Seine Augen wurden derart von dunklen Brillen verdeckt, daß ich nicht einmal ihre Farbe kannte, sein Kopf war unproportioniert groß, seine Gesichtszüge waren schön, doch seltsam unbeweglich und leblos, sie harmonisierten nicht im geringsten mit der weichen ausdrucksvollen Stimme und der schlanken, jünglinghaft-biegsamen Gestalt. Er sprach frei und fließend, und was er sagte, war stets gehaltvoll. Seine Bildung war äußerst einseitig; dem Beruf nach schien er Ingenieur zu sein.