Ich wollte Werner über den von mir begangenen Mord berichten, doch fiel mir dies furchtbar schwer. War doch die ganze Geschichte unsäglich kompliziert, mit unzähligen Umständen verknüpft, die sie einem leidenschaftslos beurteilenden Menschen äußerst seltsam erscheinen lassen mußte. Ich erklärte Werner die Schwierigkeit und erhielt von ihm die unerwartete Antwort:

„Das beste wäre es, Sie würden mir jetzt überhaupt nichts erzählen. Derartiges ist Ihrer Genesung nicht förderlich. Ich will natürlich nicht mit Ihnen streiten, doch vermag ich an Ihre ganze Geschichte nicht zu glauben. Sie sind an Melancholie erkrankt, und diese Krankheit veranlaßt die ehrbarsten anständigsten Menschen, sich allerlei nie begangener Verbrechen zu zeihen. Das Gedächtnis unterstützt die Phantasie und erzeugt trügerische, unwahre Erinnerungen. Sie werden mir dies erst dann glauben, wenn Sie wieder hergestellt sind, deshalb ist es auch besser, die Erzählung bis zu jenem Zeitpunkt hinauszuschieben.“

Hätte dieses Gespräch einige Monate früher stattgefunden, so hätte ich zweifellos aus Werners Worten ein großes Mißtrauen und die Verachtung meiner Person herausgelesen. Jetzt jedoch, da meine Seele bereits nach Rast und Erholung suchte, faßte ich die ganze Sache anders auf. Es war mir angenehm, daß mein Verbrechen den Genossen nicht bekannt sei und daß die Tatsache angezweifelt werden könne. Ich begann von nun an immer seltener an meine Tat zu denken.

Meine Genesung machte rasche Fortschritte, nur bisweilen übermannte mich wieder die frühere Qual, doch dauerten diese Anfälle niemals lange. Werner war offensichtlich mit mir zufrieden, ich wurde auch nicht mehr so scharf beobachtet. Seiner Ansicht über meine „Phantasien“ gedenkend, bat ich ihn, mir einen typischen Fall meiner Krankheit zum Lesen zu geben, den er im Krankenhaus beobachtet und niedergeschrieben hatte. Zögernd und ungern erfüllte er meine Bitte. Er wählte aus den verschiedensten Krankheitsgeschichten eine und gab sie mir.

In dieser Krankheitsgeschichte wurde der Fall eines Bauern erzählt, den die Not aus einem entlegenen Dörfchen in eine der größten Fabriken der Hauptstadt trieb. Das Leben der großen Stadt erschütterte offensichtlich sein seelisches Gleichgewicht; den Worten seiner Frau zufolge war er lange Zeit „völlig außer sich“. Dann verging dies, er lebte und arbeitete wie alle übrigen. Als in der Fabrik ein Streik ausbrach, stand er auf Seiten der Genossen. Der Streik war lange und hartnäckig, der Bauer mußte mit Frau und Kindern Hunger leiden. Plötzlich begann er sich zu grämen, machte sich Vorwürfe, weil er geheiratet und ein Kind gezeugt habe und überhaupt „gottlos“ lebe.

Dann begann er irre zu reden, wurde zuerst ins städtische Spital und von dort in das Krankenhaus seines Heimatkreises gebracht. Er behauptete steif und fest, daß er den Streik gebrochen und die Genossen verkauft habe, sowie jenen „guten Ingenieur“, der im Geheimen den Streik unterstützte, und der von der Regierung aufgehängt wurde. Zufällig kannte ich genau die ganze Geschichte des Streiks – ich arbeitete damals in der Hauptstadt – wußte genau, daß bei diesem Streik kein Verrat vorgekommen, der „gute Ingenieur“ nicht bloß nicht gehängt, sondern nicht einmal verhaftet worden war. Die Krankheit des Arbeiters endete mit seiner Genesung.

Diese Geschichte verlieh meinen Gedanken eine neue Färbung. In mir wurde der Zweifel wach, ob ich tatsächlich den Mord begangen, oder aber ob, wie Werner sagte, „die Phantasie der Melancholie“ mein Gedächtnis beeinflußt habe. Zu jener Zeit waren meine Erinnerungen an das Leben auf dem Mars seltsam verworren und verblaßt, zusammenhanglos und unvollständig, und wenngleich das Bild des Verbrechens klar in meinem Gedächtnis haftete, so verlor es sich doch in den einfachen und scharfen Eindrücken der Gegenwart. Bisweilen schüttelte ich den kleinlichen, beruhigenden Zweifel ab, erkannte klar, daß alles tatsächlich so gewesen und daß es unmöglich sei, dies abzuleugnen. Dann aber kehrten Zweifel und Sophismen zurück, halfen mir, meine Gedanken von der Vergangenheit abzuwenden. Die Menschen glauben so gerne das, was ihnen angenehm ist ... Und wenngleich in der Tiefe meiner Seele die Erkenntnis lebte, daß diese Auffassung eine Lüge sei, so überließ ich mich ihr dennoch freudig, wie man sich einem Glückstraum überläßt.

Heute glaube ich, daß meine Genesung ohne diese betrügerische Autosuggestion nicht so rasch und so völlig erfolgt wäre.

Das Leben der Heimat

Werner hielt von mir sorgsam jeden Eindruck fern, der für meine Gesundheit irgendwie „schädlich“ hätte sein können. Er gestattete mir nicht, mit ihm ins Krankenhaus zu gehen, und von den dort beherbergten Geisteskranken durfte ich nur die unheilbar Schwachsinnigen und Degenerierten beobachten, die frei umhergingen und sich mit verschiedenen Arbeiten auf dem Feld, in Hain und Garten beschäftigten. Ich muß gestehen, daß mich diese Fälle nicht sonderlich interessierten, habe ich doch mein Lebtag alles Hoffnungslose, Nutzlose, für Immer-Verurteilte gehaßt. Es verlangte mich weit mehr danach, akute Fälle zu studieren, vor allem jene, bei denen die Hoffnung auf Genesung bestand, die Melancholiker und die heiteren Maniaken. Werner versprach mir, mich mit ihnen bekannt zu machen, sobald meine eigene Genesung genügend Fortschritte gemacht habe; doch schob er es immer wieder von neuem hinaus.