Dies war die gewöhnliche Stunde, in der Welly seine Kinder belehrte. Am Morgen wo die Seele heiter und sorgenlos, gefühlvoller das Herz für das Schöne der Natur, und faßlicher für jeden Unterricht ist nahm er sie in das Freye mit, und brachte seinen Kindern angemessene Begriffe von Gott und manchen andern Sachen bei. Der Schmetterling, den Salassin mühsam gefangen, das Blümchen so Jadilla gepflükt, war Stoff und Gegenstand, von dem er auf den Urheber und Erhalter des Universums in leichten Gesprächen kam, und so die Begriffe von Milde, Güte, Weisheit und Ordnung des Urwesens spielend in das Herz und Gedächtniß der Kinder pflanzte.
Auf schlängelnden Wegen der Wiesen, die ein Kieselbach murmelnd in zwei Fluren theilte, neben rauschenden Weidengesträuchen Hollunder und Hagedornhecken giengen sie dahin im lachenden Thale, und achteten nicht des glänzenden Thaues, der ihre Schuhe benäßte.
Da rief ein singendes Mädchen, die blinzelnde Sichel in der Hand, unter welcher die Blumenglieder stürzten, der kommenden Familie herzlich und lächelnd ihren Morgengruß zu. Dort am Fahrwege that es ein Ackersmann hinter dem knarrenden Pflug — hier ein Knabe, der zottige Ziegen am Felber weidete — dort der Schaafhirt am Abgang des Hügels mit der Flöte.
O Natur! Natur wie bist du so schön! — rief Welly über den Anblik dieser Szenen entzükt, und schmiegte sich heißer an die mitfühlende Gattin.
Endlich nahm sie das niedliche Kastanienwäldchen in seinen moosichten Schoos auf. Sie lagerten sich im Schatten, denn die Sonne stand schon viel höher über den waldigen Ostberg, und die wachsende Schwüle trieb die Wandlenden ins erfrischende Kühl. Salassin und Jadillchen jagten herum in riechenden Wacholderbüschen, und liefen bald einem Schmetterling, bald einem Blümchen nach. Ein bunter Vogel flog um den andern auf, und der Knabe wußte nicht, welchem er folgen sollte: ein Waldblümchen um das andere lokte das kleine Mädchen, das schon alle Händchen vollgepflükt hatte. Immer warf sie die Gepflükten hinweg, und brach sich Neue. Willot der Diener hatte Mühe, die beiden im Gesichte zu erhalten, er folgte bald diesem, bald jener, sie liefen zertheilt herum, und kaum rief er den hastigen Salassin, war ihm schon wieder das geschäftige Jadillchen aus dem Auge.
Die kleine Pflückerinn verlor sich denn dabei einmal soweit in einen Birkenschlag, daß Willots Ruffen sie nicht mehr hörte. Sie verfolgte die Blüthen, im eifrigen Pflücken hatte die Schuhe verlohren, das florne Schürzchen und das leichte Kleid an den Dornen der Hambutensträuche zerrissen, und gerieth endlich soweit, bis sie unvermuthet am Ende des Schlages um den ganzen Hügel herum gekommen war, wo sie ein Thal, das sich vor ihren Füssen aufschlos, mit einiger Verwirrung erblikte.
Sie kam eben auf eine Strasse, ein neues schöneres Blümchen blühte vor ihr, sie grief nach ihm, und ach! — eine Biene stach Jadillchen in das weiße Händchen.
Der Schmerz erpreßte ihr Thränen und sie weinte laut.
Eine Kutsche rollte grade die Strasse heran, darinn saß eine ältliche Dame. Sie ließ den Kutscher halten.
„Warum weinst du? Mädchen! — sagte die Dame freundlich. Ein Bienchen hat mich stochen — in die Hand hat es mich stochen! — weinte das Mädchen und blies auf die brennende Wunde.