Laß ich meine Wimper hängen:

Seelen, die sich selbst erheben,

Seelen, die in Hoffnung leben,

Gott wird ihre Tore sprengen! –

So endete sein Selbstbewußtsein dennoch wieder dort, wo seine Demut endete: – In Gott.

VIII

Jehuda Halevi war zum Manne gereift. Die Zeit der Irrfahrten war vorüber. Die Kämpfe freilich noch nicht. Noch manchen Sturm mußte seine Seele ertragen. Um das Jahr 1120 finden wir ihn in Sevilla wieder, wo er zum erstenmal eine Art Heimat gefunden zu haben scheint. Hier wird es wohl auch gewesen sein, daß er jene Frau heiratete, von der wir nichts wissen, als daß sie ihm eine einzige Tochter schenkte und daß sie vor ihm starb. Selbst ihr Name ist uns unbekannt. Hier schloß er auch die Freundschaft mit dem erheblich jüngeren Abul Hasan Meîr ibn Kammiâl, der – wahrscheinlich 1121 – an den Hof des Almoraviden Alî als Leibarzt berufen wurde. Er scheint Jehuda Halevi materiell unterstützt zu haben. Die Freundschaft zu ihm aber hat dem Dichter auch einen inneren Halt gewährt. Er fühlte sich nämlich in Sevilla durchaus nicht wohl. Er scheint damals aus sich herausgegangen zu sein, um für seine religiöse Ueberzeugung, die ja dem Judentum seiner Zeit ebenso fremd war wie Gazzâlîs Lehre der islamischen Theologie, Anhänger zu gewinnen. Es gelang ihm nicht, seine Stammesgenossen zu der Tiefe und Innigkeit seines Glaubens zu bekehren. Sie plapperten weiter ihre Gebete an der Wand stehend „wie die Ochsen an der Krippe“. Man nahm ihm sogar übel, daß er ein anderes Judentum wollte als die anderen, und sprach ihm die Berechtigung ab, mitzureden, indem man ihn auf seine materielle Notlage hinwies. Was unterstand der arme Teufel sich, die reichen Juden aus den Palästen Sevillas zu meistern? – So entlud sich sein ganzer Zorn über das dickfellige Protzentum dieser Menschen, die nur „den Baum mit den Aepfeln aus Gold als Baum der Erkenntnis anerkennen wollten“. Damals gewährte ihm der Umgang mit dem jungen, hochbegabten Kamniâl eine große Beruhigung. Es war eine innige Freundschaft, welche die beiden verband, in der allerdings Jehuda Halevi, obgleich erheblich älter als Ibn Kamniâl, wie immer der beherrschte Teil war.

Viel mehr können wir aus den Tagen von Sevilla freilich nicht erzählen. Auch dauerten sie nicht allzulange. Wir schätzen die Zeit seines dortigen Aufenthalts auf ungefähr fünf Jahre. Danach weist uns eine verwischte Spur auf ein kurzes Verweilen in Cordova hin, wo er den Tod des Rabbi Baruch ben Isak Albalia (st. 1125) erlebt zu haben scheint. Dann finden wir den bereits grau werdenden Dichter in Granada. Aber auch dort hielt er es nicht aus, sondern verließ schließlich Andalusien ganz und zog nach dem Norden in die Heimat zurück, von der er ausgezogen: Toledo.

IX

Was ihn zu diesem Schritte veranlaßte, ist zweifelhaft. Möglich, daß ihn der 1126 erfolgte Regierungsantritt des Königs Alfonso VII. Raimundez von Kastilien dazu bewog. Dieser war den Juden freundlich gesonnen. Seitdem er gar den edlen Jehuda Hanassi ibn Esra mit einem hohen Staatsamte betraut hatte (1129), wurde Kastilien für die Juden geradezu ein Asyl. Die Zeit, in der Jehuda Halevi nach Toledo kam, würde nach dieser Auffassung um 1130 anzusetzen sein, was mit seinen übrigen Lebensverhältnissen in Einklang stehen würde. Jehuda Halevi ließ sich in Toledo als Arzt nieder und entfaltete bald eine große Tätigkeit. Zu groß für ihn. Er fühlte sich nach kurzer Zeit als ein Knecht seines Berufes. Zudem empfand er die Nichtigkeit seines Wissens und Könnens, klagte über die Wertlosigkeit seiner Kunst und über die Dummheit der Leute, die zu jeder möglichen und unmöglichen Stunde zu ihm gelaufen kamen, um Heilung zu verlangen, und brutal wurden, wenn er nicht heilen konnte. Trotzdem war er ein besserer Arzt, als er selber glaubte. Die natürliche Behandlung, die er anwandte, indem er das Hauptgewicht auf die Hygiene, auf Luft und Licht, Essen und Trinken, Bewegung und Ruhe, Schlafen und Wachen legte, verschaffte ihm viel Vertrauen. Und wenn ihm die angestrengte Tätigkeit auch lästig war, so hat sie ihm doch aller Wahrscheinlichkeit nach das gebracht, was ihm immer gefehlt hatte, die materielle Sorglosigkeit. Als er einige Jahre später nach dem Süden zurückkehrt, ist er ein unabhängiger Mann.