Als ich nach Berlin gekommen war, ging ich am ersten Abend in die Redoute, wo ich zum ersten und letzten Male die holde Königin Louise — merkwürdig genug — als Psyche, mit Schmetterlingsflügeln an den Schultern, sah. War es eine Vorahnung, daß die edle Seele bald dem Irdischen enteilen würde?
Reichardt war vorher mit Arnim nach Berlin gekommen. Er schlug mir vor, ein Zimmer neben dem seinigen in der Leipziger Straße zu miethen, und erwies mir viel Artigkeit; denn drei Wochen lang war ich fast immer mit ihm zu Mittag und Abend in großen Gesellschaften. Wie er es gemacht hat, weiß ich nicht. Ich hatte nichts Anderes zu thun, als mich anzukleiden und ihm zu folgen; ich kannte die Leute nicht zu denen ich kam und wußte selten ihre rechten Namen; als ein junger, verlegener Mann sprach ich auch nur wenig mit ihnen. Reichardt präsentirte mich als einen dänischen Dichter; und so kam ich an den Tisch wie die Kartoffeln, als sie zum ersten oder zweiten Male nach Europa kamen, auf den Tisch: als eine Naturseltenheit! Denn mit Ausnahme von Baggesen hatten die brillanten deutschen Gesellschaften damals noch keinen dänischen Dichter gesehen; später hat die Race sich bedeutend vermehrt.
Ich war bereits vierzehn Tage in Berlin gewesen, als Reichardt mich eines Morgens fragte: „Sind Sie bei Ihrem Minister gewesen?“ — „„Mein Minister?““ — „Nun ja, den dänischen Minister meine ich.“ — „„Nein, ich kenne ihn nicht, habe auch keinen Brief an ihn. Soll ich zu ihm gehen?““ — „Ja das versteht sich. Sie sehen ihn heut Abend beim Minister Schröter und müssen ihm nothwendig vorher Ihre Aufwartung gemacht haben.“ — „„Nun, dann werde ich sie machen.““ — Ich ging hin, Graf Baudissin kam mir in seinem Zimmer mit den Worten entgegen: „Womit kann ich Ihnen dienen?“ — Ich antwortete: „„Damit, daß Ew. Excellenz mir erlauben, Ihnen als reisender Däne meine Aufwartung zu machen!““ — Unser Gespräch war bald beendigt, und ich sprach mit ihm erst vier Jahre später, als ich nach meiner Rückkehr eines Abends beim Grafen Schimmelmann Correggio vorlas.
So sehr ich nun auch Reichardt verpflichtet war, daß er mich mit der großen berlinischen Welt bekannt machte, so amüsirte es mich meiner Natur nach doch nicht lange, eine Art geistigen Pumpernickels oder nordischen Schwarzbrotes in ihren Theezirkeln zu sein. Ich pflegte hauptsächlich die Bekanntschaften, wo ich eine Heimath wiederfand, die mir stets unentbehrlich war. In den Häusern von Reichardt's Schwiegersöhnen, den Geheimräthen Alberti und Pistor, bei Herrn von Schock, mit Pistor's Schwester verheirathet, bei Buchhändler Reimer und Professor Spalding war ich bald wie zu Hause. Diese braven Leute gingen mit mir, wie mit einem Bruder um und erwiesen mir eine Güte, die ich nie vergessen werde. Ich brachte fast jeden Abend bei einem von ihnen zu, und las ihnen oft Holberg's Komödien in der alten deutschen Uebersetzung zu ihrer Zufriedenheit vor, was eine große Ehre für mich war, da sie gewohnt waren, Tieck den Holberg bei ihnen vorlesen zu hören, der, wie bekannt, ein sehr großes Talent dazu hatte. Nun fand man, daß auch ich es recht gut machen könne, wenn gleich auf eine andere Art. Ich besuchte die geistreiche Hofräthin Herz; bei ihr nun in mehreren Gesellschaften las ich meinen Aladdin aus dem dänischen Buche Deutsch vor, freilich mit vielen Sprachfehlern, aber doch rasch und fließend. Ich ging mit dem verständigen, treuen Alberti spazieren, bewunderte die mechanischen Fertigkeiten des lebhaften Pistor; mit ihren Frauen sprach ich von Giebichenstein und Kopenhagen; und ein hübsches, kleines Kind war auch da, mit dem ich spielen konnte.
Die Hofräthin Herz. Fichte.
Ich besuchte Fichte. Er war erst etwas abstoßend gegen mich, aber wir wurden bald gute Freunde. Ich mußte mich an seinen docirenden Ton gewöhnen; er pflegte vorauszusetzen, daß man ihn nicht verstand und nicht begriff. Aber als er merkte, daß ich auf meine Weise menschlich denken könne, wurde er mir gewogen und sagte: „Oehlenschläger ist ein wackerer Mann! Er muß meine Wissenschaftslehre studiren.“ Dies schmeichelte mir; denn ich wußte, daß es das größte Lob war, welches er einem Menschen gab, wenn er ihn befähigt glaubte, seine Wissenschaftslehre zu verstehen. Bei unsern ersten Gesprächen kamen wir etwas in Reibung; Pastor Metger berief mich zu ihm. Wir sprachen von Iffland; Rabbek hatte mir einen Brief an Iffland mitgegeben, und, obwohl dieser eigentlich nichts weiter mit mir, als einem Anhänger der neuen Schule zu thun haben wollte, so gab er mir doch ein Freibillet fürs Theater. Dies war mir sehr lieb und verschaffte mit die Gelegenheit, oft sein großes Talent, besonders für das Komische zu bewundern; denn für das Tragische hatte die Natur ihm eigentlich keine Anlage gegeben; Alles war nur Studium und Routine, und deßhalb war er auch, meiner Ansicht nach, in ernsten, hohen Rollen affectirt und kalt. Dagegen besaß er in hohem Grade einfache Natürlichkeit und eine schalkhafte Ironie bei der Darstellung des Lächerlichen und Bizarren; in solchen Rollen war er unbezahlbar.
Fichte über Iffland.
Also — ich spreche von Iffland und lobe seine Kunst. „Ja,“ antwortete Fichte mit starker, verächtlicher Betonung, „er versteht die Erbärmlichkeit gar wohl darzustellen.“ Ich fühlte mich durch diese Worte und ganz besonders durch den Ton in dem sie gesagt wurden, gekränkt. Wer die Erbärmlichkeit bewundert ist selbst erbärmlich. Ich wagte ihm zu widersprechen und sagte: „Ich glaube, Iffland stellt nicht allein das Erbärmliche gut dar, sondern Alles, was komisch ist.“ — „„Was stellen Sie mir da auf?““ rief Fichte hitzig; und nun fing er an, weitläufig Etwas zu demonstriren, dessen Inhalt sein sollte, daß alles Komische erbärmlich oder jämmerlich sei. Ich fühlte, daß in seiner Beweisführung etwas Schiefes sei, konnte es aber nicht gleich herausfinden; ich wollte mich nicht in einen philosophischen Streit mit ihm einlassen, in dem ich gewiß zu kurz gekommen wäre, besonders wenn ich seine Worte und Ausdrücke gebrauchen sollte; und ich sagte: „Verzeihen Sie Herr Professor! im täglichen Gespräche wägt man seine Worte nicht so genau ab.“ — „„O mein Herr,““ rief er heftig, „„vor unnöthigem Geschwätz habe ich allen möglichen Respect! Ich überlasse Sie dem Herrn Pastor Metger!““ — Ich antwortete stolz: „Wenn zwei vernünftige Männer, wie Sie und ich, Herr Professor, mit einander reden, so schwatzen sie nicht, weil der Eine sich nicht der Redeweise des Andern bedient. Wie in aller Welt,“ fuhr ich milder und betrübt fort, weil ich nicht gern in Feindschaft von diesem ausgezeichneten Manne scheiden wollte — „können Sie verlangen, daß ich, ein junger Dichter, reden soll, wie Sie, ein alter Philosoph?“ — „„Darin hat er Recht!““ rief er gutmüthig und versöhnt zum Prediger, indem er mir die Hand reichte. — Von der Zeit an waren wir Freunde.
Umgang mit Fichte.