Hier im Lande traf uns der Tod Christian's VIII. und wir fühlen jetzt fast Alle, was wir an ihm verloren haben, wenn auch das Vaterland in froher Hoffnung auf Frederik VII. blickt. Wie es mit „Schleswig-Holstein“ werden wird, davon hat noch kein Mensch eine Ahnung, so verwickelt und unglücklich sind die Zustände. Durch die französischen Ereignisse werden sie wohl noch verwickelter werden. Daß in Frankreich in kurzer Zeit Unruhen ausbrechen würden, dazu waren die Zeichen bereits vor zwei Jahren da, als ich Paris besuchte. Alle bewunderten das Genie Ludwig Philipps; man räumte ihm auch persönliche Liebenswürdigkeit ein — man fand es natürlich, daß er mich für sich einnahm, aber man haßte fast überall seine Politik. Durch die totale Verwirrung und Ausleerung der Finanzen, durch die Bestechungen, die geduldet wurden, durch den ungesetzlichen Gebrauch der Macht erhielten ja die Franzosen das Recht Aufruhr zu machen. Ich hatte gerade den achten Band von Lamartine's „Girondisten“ beendigt, als die Revolution ausbrach. Ich hatte ihn aus diesem vorzüglichen Werke kennen lernen, und es freute mich zu erfahren, daß er und der herrliche Arago (ein eiserner Character) sich unter den Anführern befand. Aber ich hätte doch lieber gewünscht, daß sie, unter größerer Beschränkung als bisher, den kleinen Grafen von Paris zum Präsidenten ihrer Republik gewählt und ihm den Königstitel gelassen hätten. Ich fürchte, die große europäische Republik wird sich nicht halten können. Ueberhaupt hat die Königsmacht in vielen Richtungen etwas Schönes und Gutes, was bedeutende Männer und Talente lieben müssen. Die republikanische Gleichheit geht leicht zu weit, sodaß es zuletzt keinen Unterschied zwischen Verdienst und Nichtverdienste giebt, weil der Neid einen zu großen Spielraum erhält. Lamartine's Manifest hat auch seine schwachen Seiten, welche die englischen Blätter mit Recht hervorgehoben haben. Hier in Kopenhagen lächeln gewisse hohe Beamte über die französische Zusage den „Arbeitern Arbeit zu verschaffen,“ was sie für eine Unmöglichkeit halten; mir scheint es aber, daß wenn die Menschen arbeiten können und arbeiten wollen, und ohne Arbeit nicht leben können und dessenungeachtet keine Arbeit erhalten können, so haben die staatlichen Einrichtungen sie zu legitimen Räubern und Aufrührern gemacht.


Die Pariser Revolution.

Wir haben hier zwei Theater-Neuigkeiten: Hertz's „Ninon“ und „Ein Sonntag auf Amak.“ „Ninon“ behagte mir nicht, und ich glaube, es geht Vielen wie mir. Das Stück hat viele schöne Denksprüche und lyrische Stellen, aber Ninon ist ein deutscher metaphysischer Professor, anstatt eine liebenswürdige Französin. Die Liebe des Sohnes ist fatal. Als er entdeckt, daß es seine Mutter ist, die er liebt, schießt er sich eine Kugel durch den Kopf! Wie viel Gelegenheit wäre hier nicht, die Läuterung und den Uebergang der erotischen Liebe zur kindlichen Liebe zu zeigen. Daß das Gegentheil geschichtlich ist, giebt keine Entschuldigung ab. Es geschieht soviel Dummes in der Welt, das darzustellen unter der Würde der Poesie ist. „Der Sonntag auf Amak“ ist ein hübsches kleines Stück mit schönen herzergreifenden Melodien — original und national. Frau Heiberg ist ein unvergleichliches Amak-Mädchen. Das Ganze ist übrigens eine niedliche Bagatelle — und mit Frau Heiberg steht und fällt das Stück. Hertz hat später einen „Federigo“, ein Singspiel geschrieben; Musik von Rung. Es ist wieder eine Art Don Juan oder Robert der Teufel. Hier ist auch ein Teufel, er besitzt aber den einzigen Fehler, den ein Teufel nicht besitzen darf: er ist langweilig.

Aber in diesen Tagen sind freilich Alle so auf die Antwort aus Holstein gespannt, daß wir für nichts Anderes Sinn haben. Ich hoffe, die guten Leute werden in sich gehen und billige, vortheilhafte edle Bedingungen annehmen — sonst geht es schief.


Literatur.

Frederiksberg, den 28. Mai 1848.

Verzeihe mir, daß ich die Beantwortung Deines Briefes einige Tage aufgeschoben habe! Was in vielen Jahren der Grund war, daß ich meinen Freunden keine Briefe schrieb, und dadurch manch' schönes Verhältniß schwächte und abkühlte, welches ich später tief vermißte — macht mich in dieser Richtung auch nachlässig gegen meine Kinder. Aber ich kann Dich damit trösten (wenn das ein Trost ist), daß dieser Grund bald aufhören wird, und daß ich in meinen letzten Jahren ein besserer Briefschreiber werde. Wenn ich nämlich nicht mehr dichte, und einige Vormittagsstunden mit diesem Schreiben zubringe, werde ich mehr Luft zum Briefschreiben bekommen. Nun weiß ich zwar, daß Du gegen diesen Grund protestiren wirst, und ich verschwöre es auch nicht, zu dichten, aber ich glaube doch nicht, daß es viel mehr geben wird. Dies ist nun gar nicht, weil ich meine dichterische Kraft abnehmen spüre, dieselbe ist ebenso frisch und kräftig, wie sie immer gewesen, aber weil ich fühle, daß „ein Mensch nur ein Mensch ist,“ und daß selbst der beste Dichter nicht mehr ist. Aus meinem eignen Wesen, meiner eigenen Individualität vermag ich nicht herauszugehen; ich kann zwar das verschiedenste Objective mit derselben verbinden, und das habe ich auch gethan, aber das Verschiedenartigste muß doch mit demselben Auge gesehen, mit demselben Herzen gefühlt, mit demselben Talente dargestellt und mit demselben Verstande aufgefaßt werden.

Lebens-Erinnerungen.