Während dem Sprechen hatte das Mädchen die schweren Schlösser geöffnet; sie traten durch die Sacristei, welche der Kirche anhing wie ein unförmliches Schwalbennest, in die dämmernde Stille des Seitenschiffs. Die weißgetünchten Räume gehörten dem normannisch-romanischen Styl an, der edle Bau war frei und nicht durch schwerfällige Mittelchöre verunstaltet; ein frommes, freudiges Dankgefühl schlug an des Malers Herz – rasch schritt er vor nach der Mitte des Altars und überflog mit flammendem Auge die seiner Tafel bestimmte Stelle; hinter derselben stand das wohl verhangene Bild. Daneben lehnten eine Leiter und eine staffeleiartige Vorrichtung, um das Gemälde in die ihm bestimmte Höhe zu bringen und ihm das passende Licht zu geben. Der Maler hatte die Absicht, an Ort und Stelle das Gemälde zu vollenden, und dann erst dem Magistrat, welcher es für die Stadtgemeine bestellt, zu überantworten.
Unterdessen war Carlson, ein langer blonder Knabe, welcher dem Maler aufwartete, mit dem Malergeräth angelangt. Thorald und er gaben sich sogleich daran die Tafel aufzustellen. Das Mädchen hatte der Künstler längst vergessen.
Die Kleine war scheinbar hinausgegangen, dann umgekehrt und hinter einen der großen Pfeiler geschlüpft; sie schaute von dort sachte hervor auf Beider Treiben, in der Hoffnung, wenigstens von weitem ihre Neugier befriedigen zu können.
Jetzt war das Bild mit dem leeren Altarraum in gleiche Höhe gebracht, es stand demselben zur Seite; Carlson ward entlassen. Zögernd blieb der Meister mit verschränkten Armen vor seinem Werke stehen, als scheue er die Enthüllung desselben. – Carlson strich dem Pfeiler vorüber, welcher Johannen barg; sie glitt geschickt um denselben herum und war nun dem Gemälde um so näher. Endlich flog der Vorhang zurück. »Mein Jesus, das Schloßfräulein!« schrie Johanna sich selbst vergessend auf. Wie von einem elektrischen Schlage getroffen taumelte der Maler zurück. »Du hier, Johanna? und Sie – Helene? das Fräulein von Gejern wollte ich sagen – aber wo, um Gotteswillen, wo ist sie? sprich doch Mädchen!«
»Was fällt Euch ein! Ihr träumt, lieber Herr. Das Fräulein außer aller Kirchenzeit hier in dem verschlossenen Gotteshause? ich meine da die heilige Martha neben unserer Herrgottsmutter auf dem Gemälde, sie ist ihr ja wie aus den Augen geschnitten! Wird sich die wundern, und der Herr Graf! – aber der Johannes sieht ihr wahrhaftig auch etwas ähnlich! – und davon sagt mir der Vater kein Sterbenswort!«
Heiß erröthete der junge Mann, ob aus Liebesentzücken oder Scham ist schwer zu sagen, denn die in's Auge fallende Aehnlichkeit war ihm unbewußt aus der Seele in die Farbe seiner Pinsel gedrungen; dann versuchte er des Mädchens Ausspruch zu widerlegen, ja, er schalt ihn sogar eine thörichte Einbildung, der des Fräuleins Ohr ja nicht berühren dürfe; er bewies ihr den Irrthum in tausend Abweichungen des Originals vom Bilde. –
»Meinetwegen, lieber Herr Eynerssen, ich gebe Euch gern zu, daß unser Fräulein weder so betrübt aussieht – Gott sei Dank! noch so fromm; aber das sind ihre schönen lichtbraunen Haare, ihre klaren Augen – das ist die schmale Unterlippe, mit der sie so drollig trotzen kann, das ist ihre freie gerade Nase; es ist ja zum Sprechen! Und so narret mich doch nicht, indem Ihr mir weiß machen wollt, es sei das Alles ganz von selbst gekommen, habt Ihr doch eben das Conterfei der drei Fräulein im Schlosse vollendet, da hattet Ihr ja die allerbeste Gelegenheit, dasselbe Gesicht hier zu wiederholen. Die Lisbeth hat die Bilder gesehen und kann gar nicht aufhören, die Aehnlichkeit derselben zu rühmen!«
»Ich bitte, Kind, jetzt laß mich arbeiten,« bat der Maler. »Geh' jetzt – thu' mir den Gefallen! Drei Stunden lang habe ich auf den hellen Tag und auf das Sonnenlicht gewartet.« – –
»Ja wohl, ich gehe schon, aber ich hätte Euch doch gern noch viel gefragt; mir ist, als müsse ich Euch danken für Labung und Gottesgabe! Die heilige Mutter am Kreuz ist gar so schön, und Christus sieht auf uns mit solcher Barmherzigkeit hernieder, daß man so recht im Gemüthe fühlt, wie er für uns gestorben ist!«