Unser Aufenthalt am Lande wäre gar nicht unangenehm gewesen, wenn wir nur nicht unaufhörlich von den Fliegen wären gequält worden. Unter anderem hinderten sie den Maler Parkinson fast gänzlich an seiner Arbeit. Denn sie bedeckten nicht nur den Gegenstand, den er abmalen wollte, so sehr, daß man ihn nicht mehr erkennen konnte, sondern sie fraßen sogar die Farbe vom Papier ebenso geschwind weg, als er sie auftragen konnte. Wir nahmen deshalb unsere Zuflucht zu den Moskitonetzen und Fliegenbeizen; diese machten zwar der größten Beschwerlichkeit ein Ende, halfen ihr aber doch bei weitem nicht ab.
Am 22. gab Tutaha uns eine Probe von der Musik dieses Landes. Vier Personen spielten auf Flöten, die nur zwei Tonlöcher hatten, und folglich mit halben Tönen nur vier Noten angeben konnten. Sie wurden wie unsere Querflöten geblasen, nur daß der Tonkünstler, anstatt sie an den Mund zu halten, mit dem einen Nasenloche hineinblies, während er das andere mit dem Daumen zuhielt. Zu diesem Instrument sangen vier andere Personen und beobachteten den Takt sehr genau; während des ganzen Konzertes wurde jedoch immer nur ein und dieselbe Melodie gespielt.
Verschiedene Eingeborene brachten uns Äxte, die sie von der Mannschaft des »Delphins« bekommen hatten, und ersuchten uns, sie zu schleifen und auszubessern. Unter diesen Äxten befand sich auch eine, die uns viel Kopfzerbrechen machte, weil sie französische Arbeit zu sein schien. Nach langem Nachforschen erfuhren wir, daß nach der Abreise des »Delphin« und vor unserer Ankunft ein Schiff hier gewesen wäre. Damals vermuteten wir, daß es Spanier gewesen sein mochten; jetzt aber wissen wir, daß es die »Boudeuse« unter dem Befehl des französischen Entdeckers Bougainville gewesen war.
Am 24. nahmen Banks und Dr. Solander das Land verschiedene Kilometer weit längs der Küste gegen Osten hin in Augenschein. Ungefähr 2 Kilometer weit war es flach und fruchtbar. Von da an erstreckten sich die Gebirge bis hart an die Küste. Ein wenig weiterhin liefen sie sogar ganz in die See hinaus, so daß man, um weiter fortzukommen, sie übersteigen mußte. Diese unfruchtbaren Berge reichten noch ungefähr 3 Kilometer weiter und fielen dann zu einer großen Ebene ab, übersäet mit Hütten, deren Bewohner in großem Überfluß zu leben schienen. Als unsere Spaziergänger eben den Rückweg antreten wollten, nahte sich einer von den Eingeborenen und bot ihnen Erfrischungen dar, die sie sich auch gefallen ließen. Sie fanden, daß dieser Mann zu einer Art von Menschen gehörte, die von verschiedenen Schriftstellern beschrieben worden sind und nach deren Zeugnis unter vielen Völkern zerstreut angetroffen werden. Seine Haut war blaßweiß, ganz ohne Fleischfarbe und gewissermaßen leichenfarbig. Das Haar, die Augenbrauen und der Bart waren ebenfalls weiß. Die Augen schienen mit Blut unterlaufen, er selbst schien kurzsichtig zu sein. Solche Leute nennt man Albinos.
Bei ihrer Rückkehr begegnete ihnen Tuburai Tamaide mit seinen Frauen, und diese empfanden bei dem Anblick unsrer Herren solche Freude, daß sie diese in Ermangelung eines andern Ausdrucks durch Tränen zu erkennen gaben und eine Zeitlang weinten, ehe sie ihre Leidenschaft mäßigen konnten.
Am Abend lieh Dr. Solander einer dieser Frauen sein Taschenmesser, bekam es aber nicht wieder, und den folgenden Morgen vermißte auch Banks das seine. Bei dieser Gelegenheit muß ich allen Ständen und beiden Geschlechtern dieses Volkes das Zeugnis ausstellen, daß sie die größten Diebe auf Erden sind. Gleich am ersten Tage, als wir hier angekommen waren, und sie also zum ersten Male an Bord kamen, waren die Vornehmsten unter ihnen schon geschäftig, alles, was sie nur bekommen konnten, aus der Kajüte zu stehlen, und ihre Untergebenen waren an anderen Stellen des Schiffs nicht weniger emsig. Sie nahmen alles, was sie einigermaßen verbergen konnten, bis sie an Land kamen, und sogar die Glasscheiben der Fenster waren nicht sicher vor ihnen; denn sie nahmen gleich das erstemal zwei davon mit sich. Außer Tutaha war Tuburai Tamaide der einzige, der dieses Lasters nicht schuldig befunden wurde. Jetzt nun, als Banks' Messer abhanden gekommen war, erschien auch Tuburais Ehrlichkeit fragwürdig, und Banks beschuldigte ihn daher, so leid es ihm auch tat, ihm das Messer entwendet zu haben. Tuburai leugnete es feierlich und blieb dabei, daß er nicht das geringste davon wisse. Banks dagegen erklärte, daß er das Messer wieder haben wolle, möchte nun er oder ein anderer es genommen haben. Das war ziemlich deutlich gesprochen und hatte die gewünschte Wirkung. Einer von den Anwesenden nämlich zog auf ein Wort des Häuptlings einen Lumpen hervor, in dem drei Messer sehr sorgfältig eingewickelt waren. Eines davon war jenes, das Dr. Solander der Frau geliehen hatte, das zweite war eines von meinen Tischmessern; wem das dritte gehören mochte, wußten wir nicht. Mit diesen Messern eilte Tuburai augenblicklich nach dem Zelte, um sie ihren Eigentümern zurückzuerstatten. Banks blieb unterdessen bei den Frauen, die sehr besorgt zu sein schienen, daß ihrem Herrn und Gebieter ein Leids geschehen möchte. Als er an unser Zelt kam, gab er das eine Messer Dr. Solander, das andere mir zurück. Zu dem dritten wollte sich der Eigentümer nicht finden lassen. Darauf fing er an, Banks' Messer in allen Ecken und in allen Winkeln zu suchen, wo er es nur jemals hatte liegen sehen. Nach einiger Zeit merkte einer von Banks' Bedienten, wonach der Insulaner suchte, und holte sogleich das Messer seines Herrn herbei, das er den Tag zuvor weggelegt hatte, und von dem er bis zum Augenblick nicht gewußt hatte, daß es vermißt werde. Als der gute Tuburai Tamaide gerechtfertigt und in seiner Unschuld erkannt war, geriet er in die äußerste Erregung, die er in Blicken und Gebärden zum Ausdruck bringen mußte: die Tränen schossen ihm in die Augen, und er machte Zeichen mit dem Messer, daß, wenn er jemals einer solchen Tat, wie man sie ihm eben habe aufbürden wollen, schuldig erfunden würde, er sich die Kehle wolle abschneiden lassen. Hierauf rannte er aus dem Fort und hin zu Banks mit einer Miene, die diesem seinen Argwohn streng verwies. Banks erfuhr bald, daß sein Bedienter das Messer an sich genommen hatte, und nun kränkte es ihn ebensosehr, dem guten Tuburai Unrecht getan zu haben, als jenem der unverdiente Vorwurf nahegegangen war. Er fühlte sich schuldig und wünschte sehr, seine Übereilung wieder gutzumachen. Doch so heftig auch die Leidenschaft des verdächtigten Häuptlings war, neigte er doch nicht zu heimlichem Grolle, und als Banks wieder ein wenig vertraulich gegen ihn getan und ihm einige Geschenke gemacht hatte, war die Beleidigung vergessen und Tuburai wieder vollkommen ausgesöhnt.
Am nächsten Tage pflanzte ich sechs Drehkanonen auf das Fort und sah mit Bedauern, daß die Eingeborenen darüber in Besorgnis gerieten. Einige Fischerleute, die auf der Landspitze des Hafens wohnten, zogen weiter weg, und Auhaa gab uns durch Zeichen zu verstehen, wir würden in Zeit von vier Tagen große Kanonen abfeuern.
Am 27. April speiste Tuburai mit einem seiner Freunde und mit den drei Frauen, die ihn zu begleiten pflegten, zu Mittag bei uns im Fort. Wie ich bei dieser Gelegenheit erfuhr, hießen die drei Frauen Terapo, Teirao und Omeia. Der gute Freund aber, den er mitbrachte, bewies sich bei der Mahlzeit so gefräßig, wie ich dergleichen noch nie gesehen hatte. Am Abend nahmen sie Abschied und gingen nach dem Hause, das Tuburai am äußersten Teile des Waldes hatte aufrichten lassen. Nach kaum einer Viertelstunde kam der Häuptling sehr entrüstet zurück, ergriff Banks hastig am Arme und gab ihm durch Zeichen zu verstehen, daß er ihm folgen solle. Banks tat es sogleich, und sie gelangten bald an einen Ort, wo sie den Schiffsfleischer mit einer Sichel in der Hand stehen sahen. Hier hielt Tuburai an und meldete ihm mit so unmäßiger Wut, daß man seine Zeichen kaum verstehen konnte, der Fleischer habe gedroht oder gar versucht, seiner Gattin mit der Sichel die Kehle abzuschneiden. Banks bedeutete ihm hierauf, daß, wenn er die Wahrheit seiner Anklage erweisen könnte, der Mann dafür gestraft werden solle. Das besänftigte ihn, und er gab Banks zu verstehen, wie sich die Sache zugetragen hatte. Der Verbrecher habe nämlich Lust nach einem steinernen Beile bekommen, das im Hause gelegen hätte. Dieses Beil habe er seiner Gattin für einen Nagel abkaufen wollen; da sie aber geäußert hätte, daß es ihr um keinen Preis feil sei, so habe er es weggenommen, ihr den Nagel hingeworfen und gedroht, daß er ihr die Kehle abschneiden würde, wenn sie sich etwa widersetzte. Zum Beweise dafür wurden Beil und Nagel vorgezeigt, und der Fleischer konnte dagegen so wenig zu seiner Verteidigung vorbringen, daß man keine Ursache hatte, an der Wahrheit der Beschuldigung zu zweifeln.
Banks berichtete mir diesen Vorfall. Als Tuburai kurz danach mit seinen Frauen und anderen Insulanern an Bord des Schiffes war, ließ ich den Fleischer auf Verdeck rufen, die Anklage und der Beweis wurden dem Verbrecher vorgehalten, und um anderen ähnlichen Vergehen vorzubeugen, wie auch Banks' Versprechen zu erfüllen, befahl ich, daß der Kerl abgestraft werden sollte. Die Eingeborenen sahen mit ernster Aufmerksamkeit zu, wie er entkleidet und an die Wand gebunden wurde, und erwarteten stillschweigend den Ausgang. Sobald man ihm aber den ersten Streich gegeben hatte, legten sie sich ins Mittel und baten aufs angelegentlichste, daß ihm der Rest der Strafe erlassen werden möchte. Hierein konnte ich aber aus verschiedenen Gründen nicht willigen. Und als sie endlich sahen, daß sie mit ihren Fürbitten nichts erreichten, bezeugten sie ihr Mitleid durch Tränen.