Der Bediente mußte dem Häuptling die Bissen in den Mund stecken.

Am Nachmittag legten wir die Sternwarte an und nahmen den Quadranten nebst einigen anderen astronomischen Instrumenten zum ersten Male mit an Land.

Den nächsten Morgen um 3 Uhr ging ich mit unserm Astronomen Green hin, den Quadranten zum Gebrauch aufzustellen. Allein zu unserer unbeschreiblichen Bestürzung war das Instrument nirgends mehr zu finden. Es war von uns in dem für mich bestimmten Zelte aufbewahrt worden, und da ich diese Nacht noch an Bord geblieben war, hatte niemand im Zelte geschlafen. Es war niemals aus dem Futteral, das fast ein halbes Meter im Quadrat hatte und mit dem Inhalt ziemlich schwer war, herausgenommen worden. Die ganze Nacht hindurch hatte eine Schildwache kaum 4 Meter weit von der Türe des Zeltes gestanden, und von den anderen Instrumenten wurde keines vermißt. Anfangs argwohnten wir, daß es vielleicht von einem oder dem anderen unserer eigenen Leute möchte gestohlen worden sein, der beim Anblick des hölzernen Kastens, ohne zu wissen, was darin sei, vielleicht gedacht haben mochte, er enthalte Nägel oder sonst etwas, das zum Handel mit den Eingeborenen tauglich sei. Es wurde also sofort dem Finder des Quadranten eine große Belohnung angeboten, weil wir ohne dies Instrument die vornehmste Aufgabe unserer Reise gar nicht durchführen konnten. Wir begnügten uns nicht damit, im Fort und in dessen Nachbarschaft nachzusuchen, sondern, da der Kasten im Falle, daß er von einem unserer eigenen Leute gestohlen worden war, nach dem Schiff zurückgebracht worden sein konnte, wurde auch an Bord eifrigst nach ihm geforscht. Allein, alle hierzu ausgeschickten Abteilungen kamen unverrichteterdinge zurück. Banks, der bei solchen Zufällen weder Mühe noch Gefahren scheute und bei den Eingeborenen mehr als irgendeiner von uns vermochte, entschloß sich daher, den Quadranten in den Wäldern zu suchen. War das Instrument von den Eingeborenen gestohlen worden, hoffte er, es an dem Orte, wo sie den Kasten geöffnet hatten, wiederzufinden, weil sie sogleich gesehen haben müßten, daß er für sie von gar keinem Nutzen sein könne. Wenn aber diese Erwartung täuschen sollte, schmeichelte er sich, das Instrument durch das Ansehen, das er bei den Häuptlingen genoß, wiedererlangen zu können. Er ging daher in Begleitung eines Schiffsunteroffiziers und Greens fort und begegnete, als er eben über den Fluß setzte, Tuburai Tamaide, der sogleich mit drei Strohhalmen auf seiner Hand die Figur eines Dreiecks darstellte. Danach war es gewiß, daß die Eingeborenen die Diebe waren, und Banks schloß aus diesem Umstande, daß sie zwar den Kasten geöffnet hatten, jedoch nicht geneigt waren, das Instrument auszuliefern. Nun war keine Zeit mehr zu verlieren. Banks gab also Tuburai Tamaide zu verstehen, daß er augenblicklich mit ihm nach dem Orte gehen müsse, wohin der Quadrant gebracht worden wäre. Der Häuptling war sogleich dazu bereit, und sie eilten miteinander in östlicher Richtung fort. Tuburai erkundigte sich in jedem Hause, an dem sie vorüberkamen, nach dem Diebe, den er genau kennen mußte, weil er ihn mit Namen nannte; die Leute sagten ihm auch überall, welchen Weg er genommen habe, und wann er vorübergekommen sei. Man hatte also von einem Orte zum andern Hoffnung, ihn einzuholen, und das machte unsern Leuten Mut, der unerträglichen Sonnenhitze zu widerstehen und weiterzudringen. Nachdem sie so, bald gehend, bald laufend, einen vom Fort etwa 4 Kilometer entfernten Berg erreicht hatten und diesen hinaufgestiegen waren, zeigte ihnen ihr Führer eine Landspitze, die noch gut 3 Kilometer entfernt lag, und gab ihnen dabei zu verstehen, daß sie das Instrument nicht eher wiederbekommen konnten, als bis sie dorthin gelangt wären. Sie hielten also eine kurze Beratung. Sie hatten keine andere Waffe als ein paar Pistolen, die Banks allezeit bei sich zu tragen pflegte. Sie waren im Begriff, einen Ort aufzusuchen, der gut 7 Kilometer vom Fort entfernt lag, und wo die Eingeborenen vielleicht nicht so gutwillig sein mochten wie in der Nähe unseres Schiffs. Sie wollten den Wilden überdies etwas abnehmen, das diese mit Lebensgefahr erbeutet hatten, und das sie allem Vermuten nach behalten wollten. Das waren Umstände, die man wohl bedenken mußte, und es war vorauszusehen, daß sie immer mehr Gefahr liefen, je tiefer sie sich auf ihrer Suche ins Land hineinwagten. Es wurde deshalb beschlossen, daß Banks und Green mit dem Häuptling weitergehen sollten. Der Unteroffizier aber sollte zu mir zurückkehren und verlangen, daß eine Abteilung Soldaten nachgeschickt werde, und mir zugleich melden, daß sie unmöglich vor Nacht wieder zurück sein könnten. Auf diese Botschaft hin machte ich mich selbst auf den Weg und nahm so viel von meinen Leuten mit, als ich nötig zu haben glaubte. Im Schiffe aber und im Fort ließ ich Befehl zurück, daß man kein Kanu aus der Bucht wegrudern lassen, jedoch auch keinen Eingeborenen gefangenhalten sollte.

Mittlerweile setzten Banks und Green mit Tuburai Tamaide ihren Weg fort, und an dem Platze, den der Häuptling ihnen vom Berge aus gezeigt hatte, trafen sie einen von seinen eigenen Leuten, der ein Stück vom Quadranten in der Hand hielt. Bei diesem höchst erfreulichen Anblick machten sie halt, und im Augenblick waren sie auch schon von einer großen Menge Eingeborener umringt. Da aber einige der Wilden sich ziemlich nahe an sie herandrängten, hielt Banks es für nötig, ihnen eine von seinen Pistolen zu zeigen. Diese Warnung hatte die beabsichtigte Wirkung. Indessen wuchs die Menschenmenge mit jedem Augenblick mehr an. Banks, der sie sich nicht allzu nahe kommen lassen wollte, bezeichnete ihnen einen Kreis im Grase, den sie nicht überschreiten sollten, und sie stellten sich denn auch sehr ruhig und manierlich außerhalb der Grenze um ihn her. In der Mitte des Kreises ließ man den nunmehr herbeigeschafften Kasten nebst verschiedenen Linsen und anderen Teilen des Instruments aufstellen. Der Dieb hatte alle diese Dinge in der Eile in ein Pistolenfutteral gesteckt, das Banks als sein Eigentum erkannte, und das er bereits seit einiger Zeit samt einer Reiterpistole, die darin gewesen war, in seinem Zelte vermißt hatte. Banks forderte jetzt auch diese Waffe zurück, und sie ward ihm sofort gegeben.

Der Astronom war gespannt, zu sehen, ob auch alles Zubehör vollständig zurückgegeben worden sei. Bei genauerer Untersuchung des Kastens fand er, daß das Gestell und einige andere Kleinigkeiten noch fehlten. Nach diesen wurden verschiedene Personen ausgeschickt, und die meisten der vermißten Stücke wurden zurückgebracht. Man gab ihm zugleich zu verstehen, daß der Dieb das Gestell nicht bis in diese Gegend mit sich geschleppt habe, und daß es ihm auf dem Rückwege ausgehändigt werden solle.

Da nun auch Tuburai Tamaide diese Versicherung durch sein Wort bestätigte, so machten sich unsre Herren auf den Rückweg, weil das wenige, das ihnen auch jetzt noch an dem Instrumente fehlte, leicht wieder neu angefertigt werden konnte. Nachdem sie auf ihrem Rückwege ungefähr zwei Kilometer weit gekommen waren, traf ich sie, und wir freuten uns über die Wiedererlangung des Quadranten, was man bei der Wichtigkeit des Instrumentes leicht verstehen wird.

Um 8 Uhr kam Banks mit Tuburai Tamaide zum Fort zurück, fand aber zu seinem großen Bedauern den Tutaha hier in Haft und sah, daß viele Eingeborene in äußerster Angst und Bestürzung sich um das Tor drängten. Er ging also eiligst hinein und erlaubte auch einigen der Eingeborenen, ihm zu folgen. Als sie hineinkamen, ereignete sich ein rührender Auftritt. Tuburai Tamaide stürzte herein und warf sich Tutaha in die Arme. In dieser zärtlichen Stellung brachen sie beide in Tränen aus und weinten um einander, ohne ein Wort sagen zu können. Die anderen Eingeborenen weinten nicht minder um ihr Oberhaupt Tutaha, weil sie gleich ihm wähnten, er solle hingerichtet werden. In dieser traurigen Verfassung blieben sie bis zu meiner Ankunft, die ungefähr eine Viertelstunde nachher erfolgte. Der Anblick befremdete und rührte mich ungemein. Tutaha war ohne meinen Befehl gefangengenommen worden; ich setzte ihn daher sogleich in Freiheit. Als ich die Sache genauer untersuchte, wurde mir berichtet, daß die Eingeborenen, als sie mich mit bewaffneter Mannschaft in den Wald hätten marschieren sehen, gefürchtet haben mußten, es geschähe in der Absicht, den soeben vorgefallenen Diebstahl, den auch sie gleich erfahren hatten, so zu ahnden, wie es die Wichtigkeit des Verlustes und die Strenge unserer Vorkehrungen besorgen ließ. Dieser Gedanke habe sie derart erschreckt, daß sie sofort angefangen hätten, die Gegend des Forts mit allen ihren Habseligkeiten zu verlassen. Leutnant Gore, dem ich während meiner Abwesenheit das Kommando an Bord der »Endeavour« übergeben und befohlen hatte, kein Kanu wegrudern zu lassen, habe ein Doppelkanu vom Lande abstoßen sehen und hierauf den Bootsmann mit einem Boote abgeschickt, um es zurückzubringen. Sobald das Boot jedoch an das Kanu herangekommen sei, wären die Insassen vor Schrecken ins Meer gesprungen, und da zum Unglück Tutaha sich unter ihnen befand, habe der Oberbootsmann diesen gefangengenommen, während er die anderen an Land schwimmen ließ. Der Wahn, daß wir ihn hinrichten würden, hatte sich Tutahas so sehr bemächtigt, daß er es sich nicht eher wollte ausreden lassen, als bis man ihn auf meinen Befehl zum Fort hinausließ. Das Volk empfing ihn, wie Kinder einen Vater unter diesen Umständen empfangen hätten; jeder drängte sich heran, ihn zu umarmen. Plötzliche Freude ist gewöhnlich freigebig, ohne daß sie sich ängstlich um das Verdienst kümmert. Bei seiner unerwarteten Rettung aus der Gefangenschaft und vor dem erwarteten Tode drang Tutaha in der ersten Freudenaufwallung darauf, daß wir ein Geschenk von zwei Schweinen annehmen sollten. Da wir uns aber bewußt waren, daß wir in dieser Sache nichts weniger als Geschenke und Gunstbezeigungen verdient hatten, so verweigerten wir wiederholt die Annahme des Geschenks.

Am folgenden Morgen versahen Banks und Dr. Solander ihr gewöhnliches Amt als Marktbeauftragte. Es kamen aber fast keine Eingeborenen, und die wenigen, die sich einstellten, brachten keine Lebensmittel mit. Tutaha schickte einige von seinen Leuten, um das ihm abgenommene Kanu abzuholen, das ihm auch sofort ausgeliefert wurde. Unter andern war gestern ein der Oberea gehöriges Kanu ebenfalls angehalten worden; sie schickte also Tupia, der schon zu Zeiten der Ankunft des »Delphin« ihre Angelegenheiten zu besorgen hatte, zu uns, um festzustellen, ob irgend etwas an Bord weggenommen worden sei. Er kam zu uns ins Fort, blieb hier den ganzen Tag und schlief die folgende Nacht an Bord des Kanus.