Die Dinge gingen nun wieder ihren gewohnten Gang; doch hielt es nach wie vor schwer, Schweinefleisch zu bekommen. Wir wollten daher versuchen, ob Schweine etwa in einer anderen Gegend der Insel zu erhalten wären, und in dieser Absicht fuhr unser Bootsmann in Begleitung Greens am 8. Mai des Morgens früh in der Pinasse etwa 20 Kilometer um die Insel nach Osten. Sie fanden zwar wirklich viele Schweine und eine Schildkröte, man wollte ihnen aber weder diese noch jene, auch nicht zu hohem Preis überlassen. Das Volk sagte überall, daß hier herum alles dem Tutaha gehöre, und daß sie ohne seine Erlaubnis nichts verkaufen dürften. Nunmehr fingen wir an, diesen Mann in der Tat für einen mächtigen Fürsten zu halten; denn sonst würde er wohl kaum eine so ausgedehnte und unumschränkte Gewalt besessen haben. Wir erfuhren nachher, daß er die Regierung über diesen Landstrich für einen minderjährigen Fürsten führte, den wir jedoch nie zu Gesicht bekamen. Als Green von der Reise zurückkam, erzählte er uns, er habe einen Baum gesehen, der so dick gewesen sei, daß er sich's kaum zu sagen getraue. Er habe nämlich nicht weniger als 53 Meter Umfang gehabt. Banks und Dr. Solander erklärten uns aber bald, wie das zugehe, und sagten, es sei eine Art von Feigenbaum, dessen Äste sich zum Boden hinabneigten, darin aufs neue Wurzel faßten und solchergestalt eine ganze Anzahl von Stämmen bildeten, die man, weil alle dicht nebeneinander stünden und sich im Aufwachsen gleichsam miteinander verbänden, leicht für einen einzigen Stamm ansehen könne.
Obwohl nun die Eingeborenen unseren Markt einigermaßen wieder mit Lebensmitteln versorgten, kamen sie nicht mehr wie früher gleich bei Tagesanbruch, so daß wir schon bis um 8 Uhr genügenden Tagesvorrat eingekauft hatten, sondern zu den verschiedensten Zeiten des Tages. Banks ließ daher der Bequemlichkeit halber sein kleines Boot vor dem Tore des Forts aufstellen und bediente sich seiner hinfort als Laden. Bis dahin hatten wir Kokosnüsse und Brotfrucht immer noch gegen Glasperlen eingehandelt. Jetzt aber fing der Wert dieser Münze zu fallen an. Wir mußten daher zum ersten Male unsere Nägel zu Markt bringen. Die kleinsten unserer Nägel waren etwa 10 Zentimeter lang. Für einen dieser Nägel kauften wir 20 Kokosnüsse und ebensoviel Brotfrüchte. Die neue Münze brachte es auch zuwege, daß wir in kurzer Zeit wiederum ebenso reichlich wie zuerst mit Lebensmitteln versehen wurden.
Am 9. Mai, bald nach dem Frühstück, kam Oberea zu uns auf Besuch. Es war das erstemal seit dem Verlust des Quadranten und der unglücklichen Verhaftung Tutahas, daß sie uns diese Ehre erwies. Sie wurde von ihrem Freunde Obadi und von Tupia begleitet, die uns ein Schwein und etwas Brotfrucht brachten, wogegen wir ihnen ein Beil überreichten. Wir hatten übrigens für die Neugier unserer braunen Freunde nunmehr eine neue und wichtige Anziehungskraft. Unsere Schmiede war nämlich seit einiger Zeit instand gesetzt worden, und man arbeitete fast beständig darin. Sobald die Eingeborenen sahen, was darin vorgenommen wurde, brachten sie allerhand Stücke alten Eisens herbei, die sie nach unserer Vermutung vom »Delphin« bekommen haben mußten, und wollten sich daraus gern neue Werkzeuge verfertigen lassen. Da ich nun stets bemüht war, ihnen Gefälligkeiten zu erweisen, wo es nur immer anging, wurde ihr Verlangen erfüllt, es sei denn, daß es dem Schmiede an Zeit mangelte. Als Oberea ihr Beil empfangen hatte, zeigte sie uns so viel altes Eisen, als ihrer Meinung nach zur Verfertigung eines neuen Beiles notwendig war, und bat uns, ein neues anfertigen zu lassen. Ich konnte ihr diesen Wunsch leider nicht erfüllen. Sie zog darauf eine zerbrochene Axt hervor und verlangte nun, wir sollten sie ausbessern lassen. Ich war froh, daß sie mir hierdurch Gelegenheit gab, meine Ablehnung wiedergutzumachen. Am Abend verließ uns der Besuch und nahm das Kanu, das solange an der Landspitze gelegen hatte, mit sich.
Uatta drehte sich bedächtig dreimal herum.
Der 12. Mai, ein Freitag, ist uns durch einen Besuch merkwürdig geworden, den einige Frauen, die wir zuvor noch nie gesehen hatten, bei uns abstatteten, und den sie mit seltsamen Zeremonien begannen. Banks war am Tore des Forts in seinem Boote, um wie gewöhnlich Handel zu treiben, und hatte Tutaha, der eben diesen Morgen ihn besuchen kam, und einige andere Eingeborene bei sich. Zwischen 9 und 10 Uhr traf ein Doppelkanu am Ufer der Bucht ein, unter dessen Wetterdach ein Mann und zwei Frauen saßen. Die Eingeborenen, die bei Banks waren, winkten ihm, er solle sein Boot verlassen und den Fremden entgegengehen. Er tat es; allein, bis er das Fort verlassen hatte, waren jene schon ziemlich nahe gekommen und kaum noch 9 Meter von ihm entfernt. In diesem Augenblick hielten sie stille und winkten, daß er es ebenso machen solle. Er blieb also gleichfalls stehen. Hierauf legten sie ungefähr ein halbes Dutzend junger Bananenpflanzen und ein paar andere kleine Gewächse auf die Erde nieder. Das Volk stellte sich zwischen Banks und den Fremden auf beiden Seiten in zwei Reihen auf und bildete so eine Gasse. Nunmehr trug der Mann, der ein Bedienter zu sein schien, sechs der Bananenpflanzen eine nach der anderen zu Banks hin und sagte bei der Überreichung jedesmal ein paar Worte her. Tupia, der bei Banks stand, versah das Amt eines Zeremonienmeisters, nahm die Zweige jedesmal in Empfang und legte sie auf den Boden nieder. Als das vorüber war, brachte ein anderer Mann einen großen Ballen Rindenzeug, öffnete ihn und breitete ihn stückweise zwischen Banks und den Fremden auf dem Boden aus. Es waren 9 Stück, von denen er jedesmal 3 Stück aufeinanderlegte. Sobald er damit fertig war, trat die vorderste Frau, die die vornehmste zu sein schien und Uatta hieß, auf dieses Zeug, hob ihre Kleider an und drehte sich ganz bedächtig und gemächlich dreimal um sich selbst herum; alsdann trat sie wieder von dem Zeuge herunter. Man legte darauf 3 andere Stücke auf die ersten 3, sie wiederholte dieselbe Zeremonie und trat hierauf wieder ab. Endlich wurden die 3 letzten Stücke niedergelegt, und sie machte es zum dritten Male wie zuvor. Hierauf wurde das Zeug wieder zusammengerollt und Banks als ein Geschenk von seiten der Dame überreicht, die sodann in Begleitung ihrer Freundin näher kam und ihn küßte. Er machte ihnen beiden entsprechende Geschenke, und nachdem sie sich ungefähr eine Stunde lang aufgehalten hatten, gingen sie wieder fort.
Am 13. Mai, als der Markt um 10 Uhr beendet war, ging Banks mit seiner Flinte wie gewöhnlich in die Wälder, um während der Tageshitze die Annehmlichkeit des kühlen Schattens zu genießen. Als er auf dem Rückwege war, traf er Tuburai Tamaide vor seiner damaligen Wohnung an, und als er mit ihm ein wenig plauderte, nahm ihm der Häuptling plötzlich die Büchse aus der Hand, spannte den Hahn, legte an und drückte ab. Zum Glück versagte der Schuß, und Banks nahm ihm die Büchse augenblicklich weg, indem er sich nicht wenig wunderte, woher Tuburai mit einem Schießgewehr so sicher umzugehen gelernt habe. Er verwies dem Häuptling den Streich mit harten Worten und drohte ihm, da es für uns von größter Wichtigkeit war, die Eingeborenen in der Behandlung der Feuerwaffen gänzlich unwissend zu erhalten. Der Häuptling hörte Verweis und Drohung ruhig an; allein, kaum hatte Banks den Fluß überschritten, so zog er mit seiner ganzen Familie und allem Hausgerät von dannen nach seiner Residenz Eparre. Wir erfuhren das von einigen Eingeborenen, die eben am Fort waren.
Da wir nun von dem Unwillen dieses Häuptlings, der uns bei allen Schwierigkeiten sehr nützlich gewesen war, große Unannehmlichkeiten besorgen mußten, beschloß Banks, ihm unverzüglich zu folgen und ihn zu ersuchen, wieder zu uns zurückzukehren. Er reiste daher noch am selben Abend mit einem der Offiziere ab und fand Tuburai mitten unter einer Menge Volks sitzen, das sich um ihn her versammelt hatte, und dem er vermutlich erzählte, was sich zugetragen habe, und was für Folgen daraus entstehen könnten. Er selbst war ein leibhaftiges Bild des Kummers und der Niedergeschlagenheit, und die gleiche Trauer war auch auf den Gesichtern aller Umstehenden deutlich zu lesen. Als Banks und Leutnant Molineaux unter die Menge traten, äußerte eine der Frauen ihren Kummer auf die gleiche Art, wie Terapo einmal getan hatte; sie stieß sich nämlich einen Seehundszahn in den Kopf, bis dieser ganz mit Blut bedeckt war. Banks wollte keine Zeit verlieren, dieser allgemeinen Angst ein Ende zu machen. Er versicherte dem Häuptling, daß alles Vorgefallene vergessen sein sollte, daß auf seiner Seite nicht die geringste Erbitterung mehr bestünde, und daß also auch er nicht mehr das geringste zu befürchten hätte. Das flößte Tuburai bald wieder Zutrauen ein: er befahl also, ein doppeltes Kanu in Bereitschaft zu setzen, und alle kehrten noch vor dem Abendessen zum Fort zurück. Tuburai besiegelte die Aussöhnung damit, daß er und seine Gemahlin in Banks' Zelt Nachtquartier nahmen. Ihre Gegenwart war jedoch kein allvermögender Schutz; denn zwischen 11 und 12 Uhr versuchte einer der Eingeborenen, über den Wall in das Fort hineinzuklettern, ohne Zweifel in der Absicht, zu stehlen, was ihm nur in die Finger käme. Er wurde von der Schildwache entdeckt, die jedoch zum Glücke nicht feuerte, und der Dieb lief viel zu geschwind fort, als daß ihm einer unserer Leute hätte nachsetzen können. Das Eisen und die eisernen Werkzeuge, die in der Schmiede beständig verarbeitet und gebraucht wurden, waren solche Versuchung zu Diebstählen, daß keiner von den Tahitiern ihr widerstehen konnte.
Am 14. und 15. bekamen wir eine neue Bestätigung dessen, was wir schon mehrere Male bemerkt hatten, nämlich, daß die Bewohner dieser Insel durchgängig von jedem unter ihren Landsleuten gegen uns ersonnenen Anschlage sogleich genaue Kenntnis bekamen. In der Nacht zwischen dem 13. und 14. wurde an der äußeren Seite des Forts eines der dort stehenden Wasserfässer gestohlen. Bereits am Morgen aber wußte jeder Eingeborene um den Diebstahl. Und dennoch schien es, als ob der Dieb die Sache niemand anvertraut habe; denn unserm Eindruck nach waren sie alle bereit, uns Nachricht zu geben, wo das Faß aufzufinden wäre, wenn sie es nur gewußt hätten. Indessen spürte doch Banks dem Fasse nach, freilich ohne es auffinden zu können. Als er zurückkam, sagte ihm Tuburai Tamaide, daß vor morgen noch ein anderes Faß würde gestohlen werden. Es ist nicht leicht zu begreifen, wie der Häuptling dieses Vorhaben erfahren haben mochte. Daß er selber keinen Anteil daran hatte, ist deswegen gewiß, weil er mit seiner Frau und Familie an dem Orte, wo die Wasserfässer standen, sein Bett aufschlug und sagte, er wolle selbst dem Diebe zum Trotze für die Sicherheit der Fässer haften. Wir wollten das aber nicht zugeben und teilten ihm mit, daß wir zur Sicherheit eine Schildwache dort aufstellen würden, die bis zum Morgengrauen wachen solle. Er schaffte hierauf sein Bett wieder in Banks' Zelt und blieb da die Nacht über mit seiner Familie; beim Weggehen von der gefährdeten Stelle hatte er die Schildwache ermahnt, ja die Augen offen zu halten.
In der Nacht kam es denn auch, wie er vorausgesagt hatte. Um 12 Uhr stellte sich der Dieb richtig ein; da er aber bemerkte, daß eine Schildwache dastand, zog er diesmal ohne Beute wieder ab.