Bei unserer Rückkehr fanden wir keine Seele mehr im Hause, obgleich vorher wohl 200–300 Eingeborene sich darin angesammelt hatten. Sobald man indessen erfuhr, daß wir niemandem als nur Matiabo zürnten, kam unser Wirt mit seiner Gattin und vielen anderen wieder zurück, um den Rest der Nacht bei uns zu bleiben.

Allein, es sollten uns noch mehr Unruhe und Schrecken hier beschieden sein: um 5 Uhr weckte uns nämlich die Schildwache mit der Meldung, das Boot sei gestohlen. Sie hatte es ihrer Aussage nach noch ungefähr eine halbe Stunde vorher vor Anker nicht über 50 Meter weit vom Strande gesehen. Da sie aber nicht lange nachher Ruderschläge gehört hatte, sah sie wieder nach und entdeckte, daß es weg war. Auf diesen Bericht hin standen wir in höchster Besorgnis auf und liefen zum Strand hinab. Der Morgen war heiter und sternenhell: wir konnten sehr weit sehen, aber keine Spur vom Boote entdecken. Es stand daher sehr mißlich um uns, und wir hatten Ursache genug zur äußersten Bestürzung und den schlimmsten Ahnungen. Da es völlig windstill war, konnten wir nicht annehmen, die Pinasse habe sich von ihrem Anker losgerissen, mußten vielmehr mit Recht vermuten, daß die Wilden das Boot überfallen, das Bootsvolk getötet und die Beute weggeführt hätten. Der Unsern waren nicht mehr als vier. Wir hatten nur eine Flinte und ein paar Taschenpistolen, zudem außer der Ladung keine Vorräte an Pulver und Blei. In dieser Angst und Not mußten wir ziemlich lange zubringen und alle Augenblicke erwarten, daß die Insulaner sich ihren Vorteil über uns zunutze machen würden. Endlich sahen wir zu unserer großen Freude das Boot zurückkehren. Es war durch die Ebbe von seinem Anker weggetrieben worden, ein Umstand, an den wir in der Bestürzung und Verwirrung gar nicht gedacht hatten.

Sobald das Boot wieder eingetroffen war, frühstückten wir und eilten, diesen Ort zu verlassen, aus Furcht, es möchte uns hier noch Übleres begegnen. Nach einiger Zeit bemerkten wir am Lande etwas Sonderbares: die Gestalt eines Mannes, aus Ruten ziemlich unförmig geflochten, sonst aber nicht übel geformt, über 7 Meter hoch, aber etwas zu dick geraten. Das Flechtwerk bildete eigentlich nur das Skelett des Ganzen, die äußere Seite war mit Federn bekleidet, die an den Stellen, wo sie Haut darstellen sollten, weiß, an den Teilen aber, die die Eingeborenen zu bemalen oder zu färben pflegen, ebenso wie auch auf dem Kopfe, wo die Haare angedeutet sein sollten, schwarz waren. An dem Kopfe hatte die Figur vier Buckel, hervorragende Beulen, drei vorne, eine hinten; wir würden diese nicht treffender als mit Hörnern bezeichnet haben, die Tahitier aber nannten sie »Tate Ete«, d. h. kleine Männchen. Das Standbild selbst hießen sie »Manioe« und sagten, es sei das einzige in seiner Art auf der ganzen Insel. Sie gaben sich auch Mühe, uns zu erklären, welche Bedeutung und welchen Zweck es hätte. Wir hatten aber damals noch nicht genug von ihrer Sprache gelernt, um ihre Auslegung völlig zu verstehen. Jedoch erfuhren wir so viel, daß es eine Darstellung des Manioe, eines ihrer Götter zweiten Ranges, sein solle.

Bald waren wir nicht mehr weit von dem Gebiete Paparra entfernt, das unseren Freunden Oamo und Oberea gehörte, und wo wir unser Nachtlager aufzuschlagen gedachten. In dieser Absicht gingen wir eine Stunde vor Sonnenuntergang an Land, fanden aber, daß sie beide ihre Wohnungen verlassen hatten, um uns ihrerseits in der Bucht von Matavai einen Besuch abzustatten. Wir legten auf diese Abwesenheit kein Gewicht, sondern nahmen unser Nachtquartier im Hause der Oberea, das zwar klein war aber einen sehr behaglichen Eindruck machte. Ihr Vater wohnte zu dieser Zeit allein darin und empfing uns sehr freundlich. Als wir uns etwas eingerichtet hatten, wollten wir die Zeit vor Anbruch der Nacht noch zu einem Spaziergang ausnützen. Wir schlugen den Weg zu einer Landspitze ein, auf der wir von weitem eine Art von Bäumchen gesehen hatten, die hier »Etoa« genannt und gewöhnlich nur an solchen Orten gepflanzt werden, wo die Eingeborenen ihre Toten begraben. Dergleichen Begräbnisplätze, an denen zugleich der Gottesdienst verrichtet wird, heißen bei ihnen Marai.

Als wir dort ankamen, staunten wir über ein ungeheures Gebäude, das, wie man uns sagte, das »Marai« (Mausoleum) des Oamo und der Oberea und zugleich das größte Meisterstück tahitischer Baukunst sei. Es war aus Stein in pyramidenförmiger Gestalt erbaut und ruhte auf einer länglich-rechteckigen Basis von etwa 80 Meter Länge und 25 Meter Breite. Die Bauart glich einigermaßen den kleinen pyramidenförmigen Anhöhen, auf die wir in England bisweilen die Pfeiler für Sonnenuhren aufstellen, und die wir an jeder Seite mit einer Anzahl von Stufen versehen zu lassen pflegen. Bei diesen Gebäuden waren jedoch die Seitenstufen breiter als jene an den Enden, so daß das Gebäude nach oben zu sich wie zu einem Giebeldach verjüngte. Wir zählten elf solcher Stufen, und jede war über einen Meter hoch, so daß also die Höhe des Ganzen fast 13 Meter betrug. Jede Stufe bestand aus einer Reihe weißer Korallensteine, die recht regelmäßig und viereckig behauen und geglättet waren. Das Fundament war aus Felsenstücken gesetzt, die gleichfalls viereckig zugehauen und zum Teil ganz ansehnlich waren; denn eines davon war nicht weniger als über ein Meter lang und fast ein halbes Meter breit. Ein solches Gebäude von einem Volke ausgeführt zu sehen, das gar kein Eisenwerkzeug zum Behauen und keinen Mörtel zur Verbindung der Steine kannte, setzte uns in nicht geringes Erstaunen. Da wir in der ganzen Gegend keinen Steinbruch sahen, mußten die Quadern aus großer Entfernung dahin geschafft worden sein, alles mit der unsäglichsten Mühe. Denn sie kennen kein Mittel, etwas von einer Stelle zur anderen zu bringen, als Menschenhände. Auch konnten sie die Korallensteine nicht anders als aus dem Wasser heraufgeholt haben, wo man sie in beträchtlicher Tiefe häufig finden kann. Sowohl die Felsblöcke wie die Korallensteine konnten nur mit steinernen Werkzeugen behauen, und das mußte eine unglaublich schwierige Arbeit gewesen sein. Das Glätten hingegen konnten sie vermittels des scharfen Korallensandes, den man am Strande findet, weit leichter bewerkstelligt haben. Mitten auf der Spitze des Baues stand ein aus Holz geschnitzter Vogel, und bei ihm lag eine aus Stein gehauene Fischfigur, die aber zerbrochen war. Die ganze Pyramide nahm fast die eine Seite eines geräumigen viereckigen Platzes ein, dessen Seiten einander beinahe gleich waren. Dieser ganze Bezirk war mit einer steinernen Mauer umgeben und überall mit breiten, flachen Steinen gepflastert; trotz der Pflasterung wuchsen jedoch verschiedene Etoa-Bäume und Bananen darin.

Wonach man in Tahiti am emsigsten trachtet, ist der Besitz eines schönen »Marai«, und dieses hier war so ein sehr deutlicher Beweis von der Macht der Oberea. Es ist bereits erwähnt worden, daß sie zur Zeit unserer Anwesenheit nicht mehr so viel Ansehen und Gewalt zu haben schien, wie damals, als der »Delphin« hier lag. Wir erfuhren jetzt auch die Ursache davon. Als wir nämlich längs des Seestrandes zu ihrem Marai gingen, sahen wir den ganzen Weg mit Menschengebeinen, besonders Rippen und Wirbeln, bedeckt. Auf unsre Frage, welche Bewandtnis es mit dieser Menge unbestatteter Totengebeine habe, sagte man uns, daß im Dezember 1768 der Stamm der südöstlichen Halbinsel, die wir kurz zuvor besucht hatten, einen Einfall in diese Gegend gewagt und eine Menge Menschen getötet habe, deren Gebeine das eben wären. Nach diesem unglücklichen Vorfall sei Oberea und Oamo, der damals die Regierung für seinen Sohn verwaltete, ins Gebirge geflohen. Die Sieger hätten darauf die hier gelegenen Häuser, die sehr groß gewesen, verbrannt und die Schweine und andere Tiere, die sie gefunden, mit sich fortgenommen; unter anderen wären auch die Gans und der Truthahn, die wir unlängst bei Matiabo, dem Diebe unseres Überrockes, gesehen hatten, mitfortgeschleppt worden. Das erklärte uns denn auch, daß wir die Tiere bei Leuten angetroffen hatten, die nicht mit dem »Delphin« in Handelsbeziehungen gestanden hatten, und als wir der Kieferknochen erwähnten, die wir auf einem langen Brette befestigt in einem Hause dort gesehen hatten, berichtete man uns, daß die Feinde solche als Siegeszeichen aufstellten.

Als wir unsere Wißbegierde so befriedigt hatten, kehrten wir zu unserer Herberge zurück und übernachteten dort in vollkommener Sicherheit und Ruhe.

Bei unserer Rückkehr nach dem Fort, zwei Tage darauf, drängten sich unsere braunen Freunde um uns, und keiner von ihnen allen kam mit leeren Händen. Ich hatte mir zwar schon längst vorgenommen, alle bisher zurückgehaltenen Kanus ihren Eigentümern wieder zurückzugeben; allein, es war bisher noch immer nicht geschehen. Jetzt aber gab ich eines nach dem andern frei, sobald sich die Eigentümer meldeten.

Allmählich fingen wir an, uns zur Abreise zu rüsten; der Wasserbedarf war bereits in das Schiff aufgenommen, und unsere Lebensmittelvorräte waren untersucht worden. Während dieser Zeit bekamen wir Besuch von Oamo und Oberea nebst ihren beiden Kindern, dem Sohne und der Tochter. Die Eingeborenen bezeigten diesen Personen ihre Ehrfurcht durch Entblößen des Oberleibes. Die Tochter namens Toimata war sehr neugierig, das Fort von innen zu sehen. Ihr Vater wollte es jedoch nicht zugeben. Teari, der Sohn des Beherrschers der südöstlichen Halbinsel, befand sich zu dieser Zeit ebenfalls bei uns, und wir bekamen Nachricht daß auch noch ein anderer Gast angekommen sei, dessen Besuch wir weder vermuteten, noch wünschten. Es war kein anderer als der verschlagene Bursche, der damals Mittel gefunden hatte, uns den Quadranten zu stehlen. Man berichtete uns, er sei willens, in der Nacht sein Glück noch einmal zu versuchen. Alle anwesenden Eingeborenen erboten sich, uns gegen ihn beizustehen, und baten, wir möchten ihnen aus diesem Grunde erlauben, im Fort zu übernachten. Das ward ihnen gern bewilligt und tat eine so gute Wirkung, daß der Dieb von seinem Versuche ohne weiteres Abstand nahm.

Am 7. Juli fingen die Zimmerleute an, das Tor und die Palisaden einzureißen, weil wir diese als Brennholz an Bord des Schiffes verwenden wollten. Einer von den Eingeborenen bewies bei dieser Gelegenheit wieder seine Geschicklichkeit: er stahl nämlich die Türangel mit dem dazugehörigen Haken. Man setzte ihm augenblicklich nach. Als die zur Verfolgung nachgeschickte Patrouille etwa 6 Kilometer weit gelaufen war, bemerkte sie, daß der Dieb seitwärts entschlüpft sein und sich in einem Schilfdickicht versteckt haben mußte, so daß sie nichtsahnend an ihm vorbeigelaufen war. Sie fing also an, das Schilf abzusuchen; der Dieb aber war bereits entkommen. Doch fand man hier ein Kratz- und Scharreisen, das einige Zeit vorher im Schiffe gestohlen worden war. Bald darauf brachte auch unser alter Freund Tuburai Tamaide die Türangel wieder zurück.