»Mit uns hat sich’s aus carlint« raisonnirte die Schöne zungengeläufig weiter, bis die lockenden Töne eines Walzers vom nahen Tanzboden an ihr Ohr schlagen — — ach — — Otto — — der Ungetreue tanzt so schön! Der Schwerenöther weiß die Gelegenheit sofort zu benutzen.

»Carlinchen — nur den Walzer noch!«

Caroline schwankt, aber kühn umfaßt Otto ihre Hüfte — und — im nächsten Augenblick neigt sie versöhnt das eben noch so finstere Angesicht auf die Schulter des flotten Jägers und mit dem sanften Wiegen im Tanze verfliegt ihr Zorn und aufs Neue schwört sie zu der grün-weißen Fahne der sächsischen Armee. — —

So nahte der Abend heran und die Studenten ziehen mit Fackeln in den Händen im langen, von Musikbanden begleiteten Zuge vom Festplatz nach der Stadt und durch die Straßen, und als sie auf dem Marktplatz den Zug beenden, tönt brausend unter dem Zusammenwerfen der noch glimmenden Fackeln ihr »Gaudeamus igitur« zum sternenbesäten Himmel empor. — — Auf dem Festplatz aber geht es bis spät in die Nacht lebhaft zu, wenn auch der Tanz mit der elften Stunde sein Ende erreicht. Aber Alles verläuft in schönster Ordnung und die Communalgarde, welche den Aufsichtsdienst in diesen Festtagen mit versah, rückt ebenfalls, begleitet von Weib und Kind, in der Nacht wieder in die Stadt ein, im erhebenden Bewußtsein, auch in diesen Tagen ihrer beschwornen Bürgerpflicht gewissenhaft genügt zu haben. — — — Ja — die Communalgarde — sie war der Kern der Leipziger Bürgerschaft in Waffen und schon ihre öffentlichen Exercitien schufen wahre Volksfeste. Wie es aber bei denselben zuging, dies sei im nächsten Capitel wahrheitsgetreu geschildert.

V.
»Die Communalgarde rückt aus!«

Die Communalgarde Leipzigs, eine Nachfolgerin der 1812 durch den französischen Stadtkommandant auf direkten Befehl des Kaisers Napoleon ins Leben gerufenen Nationalgarde, vereinigte in ihren Reihen die sämmtlichen zum Waffentragen geeigneten, gesunden Bürger Leipzigs aller Stände ohne Unterschied. Sie hatte den Zweck, gewissermaßen das damals nur wenige Militair durch Mitübernahme des städtischen Wacht- und Sicherheitsdienstes gewissermaßen zu entlasten. Eine ihrer Abtheilungen hatte bei Ausbruch von Schadenfeuern stets die Cordons zu ziehen, indeß eine andre allabendlich eine Wache im Stockhaus am Naschmarkt bezog. Kriegerisch thätig ist die Communalgarde, außer 1849 im Aprilaufstand zu Leipzig, bei welchem die Bürgergarde im Kampfe mit den Aufständischen drei Mann verlor, nie gewesen. Sie war eine friedliche Truppe und selbst die Wache im Stockhaus war wohl mehr der Form als der Nothwendigkeit wegen vorhanden. Kriegerische Lorbeeren waren bei dieser »Käsekuchen-Wache«, wie sie im Volksmunde hieß, von vorn herein ausgeschlossen, da sich das Wachtlokal dicht neben der Polizeiwache befand, so daß man nicht wußte, ob die Communalgarde zum Schutze der Polizeiwache, oder diese zum Schutze jener vorhanden sei.

Das Einexerciren resp. Trillen der neu eintretenden Mannschaften erfolgte gewöhnlich im »Wettiner Saal«, einem jetzt ebenfalls verschwundenen Tanzetablissement, welches in der »blauen Mütze« ziemlich versteckt lag und Sonntags den Soldaten und Dienstpersonal als Vergnügungsstätte diente.

Zum Eintritt in die Garde war jeder Mann verpflichtet, der das damals nur mit großen Kosten zu erlangende Bürgerrecht erwarb.

Nun — in jenen idyllischen Zeiten, wo nur wenig Militair vorhanden war, gönnte man den wackeren Bürgern gern die harmlose Spielerei, ab und zu im militairischen Kleide, angestaunt von den Ihrigen, zu prangen, und wenn auch jeder einzelne Gardist über die dienstliche Schuriegelei, wie er es nannte, raisonnirte, innerlich war er doch gern dabei; gab es doch dadurch manche Gelegenheit, der strengen Aufsicht der Frau Gemahlin ab und zu unter dem Vorgeben dienstlicher Abhaltung ein Schnippchen zu schlagen, zumal Aermere stets kameradschaftlichst von den besser Situirten mit durchgeschleppt wurden, wenn die Zahl der Mai- und anderen Bowlen auf Wache bedenklich wuchs oder der nie fehlende Käsekuchen zu delikat war und noch andere lukullische Genüsse nach sich zog.

Und nun erst, wenn es hieß: »Die Communalgarde rückt aus!«