Die Diplomaten rauften sich die Haare. Die Tat Yorcks kostete ihrer Weisheit und dem Staate etliche Millionen, die Napoleon sonst gerade jetzt hätte zahlen sollen und vielleicht auch gezahlt hätte, wenn alles wenigstens dem Scheine nach beim alten geblieben wäre.

Aber sie brachte dafür etwas ein, was für alles Gold der Welt nicht eingehandelt werden kann: die flammende Be[pg 288]geisterung, den unwiderstehlichen Willen eines geknechteten und vergewaltigten Volkes, seine Fesseln zu brechen und die Bedrücker niederzuwerfen. Sie entfesselte das heilige Donnerwetter, dem nichts widersteht – mit dem stets der Sieg ist, weil es die Empörung der Natur selbst ist gegen die ihr angetane Vergewaltigung.

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„Herr,“ rief der General Blücher unwirsch und fuhr sich mit dem Rasierpinsel im Gesicht herum, daß der Seifenschaum weit umherspritzte, „Er ist wohl des Teufels! Wie heißt das? Was war das, was Ihm mir vom General Yorck mitzuteilen beliebte?“

Der so angeredete Major Diedrich nahm die Hacken zusammen, reckte sich stramm auf und brachte noch einmal seine Botschaft vor.

Die Infanterie Yorcks wäre demnach durch die erlittenen Strapazen sehr geschwächt und von 30000 auf 25000 Mann zusammengeschmolzen. Das Landwehrregiment der zweiten Brigade, das vor acht Tagen zweitausend Mann gehabt hatte, hatte jetzt nur noch siebenhundert. In sechs Tagen hatten die Truppen viermal Nachtmarsch gehabt, ohne daß abgekocht worden war. Sie hatten bei strömendem Regen auf dem aufgeweichten Boden biwakiert, die meisten ohne Mäntel – die Taschenmunition war von Nässe verdorben, in den Munitionswagen war kaum Vorrat genug für eine Schlacht, und dabei hätten die Parkkolonnen sechzehn Meilen Weg bis zur Neiße, um neuen Vorrat zu holen. Der General Yorck ließe bitten, dem Korps doch etwas Ruhe zu lassen.

Blücher hatte mit offenem Munde, das aufgeklappte Rasiermesser in der Hand, die Ausführungen des Majors angehört.

Jetzt fing er an mit wahrer Wut das Messer an einem ledernen Riemen abzuziehen. Er warf dabei dem Major immer wieder giftige Blicke zu.

„Ruhe soll ich dem Korps lassen? Bin ich der Franzmann, der mit ihm Krieg führt? Hat Sein General nicht genug von dem dämlichen Waffenstillstand, den wir kaum glücklich hinter uns haben, und den wir noch hätten, wenn’s nach unseren Diplomatikern ginge? Ein Schuft ist Napoleon, aber gesegnet soll er sein ob seiner Halsstarrigkeit, die Friedensbedingungen nicht anzunehmen. Denn das allein hat verhindert, daß unsere Neunmalweisen den Karren noch tiefer in den Dreck schoben!“

Damit nahm er eine Kohle, zog rasch einen Kreis auf der weißgetünchten Wand, starrte, in Ermangelung eines Spiegels, da hinein und fing an sich den Stoppelbart abzukratzen. Denn jetzt war er wieder in der Offensive und durfte als höflicher Mensch dem Franzmann nicht unrasiert kommen.