„Ich bin gewiß der letzte, die große Bedeutung von Yorcks Tat nicht anzuerkennen, als er es wagte, den Ängstlichen zum Trotz, sich mit seiner Armee gegen Napoleon zu erklären. Wenn er aber glaubt, deshalb das Recht zu haben, sich wie ein Bleigewicht an unsere Füße hängen zu dürfen, so irrt er sich. Ja, glauben denn er und seine Leute, daß wir blind und taub sind? Da kommen die Kerle her und machen mir was vor und erzählen mir von der schlechten Ausrüstung! Die sehe ich ebensogut wie sie! Aber auch, daß wir uns schön hüten müssen, ihr so große Bedeutung bei[pg 295]zumessen, daß unsere Leute darob mutlos werden. Denn das hieße uns unserer einzigen guten Waffe: ihres felsenfesten Vertrauens auch noch zu berauben. Wenn ich den wackeren Kerlen in die Augen schaue und das reine lautere Gold glühender Vaterlandsliebe mir da entgegenfunkelt, da denke ich: hol’ mir der Teufel Flinten und Patronen! – Das da ist unbezwinglich! Das siegt! Das fragt nach keiner Übermacht! Und auf die Leute wagen unsere russischen Bundesbrüder gar übermütig herabzublicken! Schockschwerenot – was haben die Russen geleistet, das ihnen die Berechtigung dazu gäbe? Die prahlen damit, wie sie im Vorjahre Napoleon besiegt haben – wo sie vor ihm gelaufen sind, bis der sich in seinem Übermut verrannte und nicht mehr heil aus ihren endlosen Steppen herauskonnte. Nun kommen sie her und tun dick, und setzen uns ihre Führung auf die Nase und wollen uns auch das Ausweichen vor dem Herrn Napoleon beibringen! – Und unsere eigenen Leute – die besten unter ihnen, wie der alte Isegrim soeben, die helfen da brav mit. Der Geist des Rückzugs und der Flaumacherei geht bei uns mächtig um! Es ist höchste Zeit, daß wir ihm den Garaus machen, Gneisenau!“
Er schwieg.
Aller Ärger und alle Bitterkeit der letzten Jahre wurden wieder in ihm wach, und er durchlebte in einem kurzen Augenblick noch einmal die schrecklichste Zeit seines Lebens, die Zeit, wo er aus jeder liebgewordenen Tätigkeit verbannt, geächtet und von den braven Strebern gemieden leben mußte. Bis er endlich die Frühlingsluft der Befreiung witterte, seine Zeit gekommen fühlte und seine Stimme erheben durfte ohne Furcht, nicht mehr gehört zu werden.
„Mich juckt’s in allen Fingern, den Säbel zu ergreifen“, schrieb er da an seinen unvergeßlichen Freund Scharnhorst. „Wenn es jetzt nicht Seiner Majestät unseres Königs und aller übrigen deutschen Fürsten und der ganzen Nation Führnehmen ist, alles Schelmenfranzosenvolk mitsamt dem Bonaparte und all seinem ganzen Anhang vom deutschen Boden weg zu vertilgen: so scheint mich, daß kein deutscher [pg 296]Mann mehr des deutschen Namens werth sei. Jetzo ist es wiederum Zeit, zu dhun, was ich schon anno 9 angerathen, nämlich die ganze Nation zu den Waffen anzuberufen, und wann die Fürsten nicht wollen und sich dem entgegensetzen, sie samt dem Bonaparte wegzujagen. Denn nicht nur Preußen, sondern das ganze deutsche Vaterland muß wiederum heraufgebracht und die Nation hergestellt werden.“
Es „juckte“ ihn in allen Fingern, das ganze Heer, das ganze Volk blickte auf ihn wie auf den gegebenen Führer – und doch zauderte man, wie immer, oben und wagte nicht, einen frischen Entschluß zu fassen. Der „Haudegen“, der „Draufgänger“ könnte es ja zu sehr mit dem lieben Feind verderben. Eine Partei am Hofe schob, nicht ohne Aussichten, ihren Mann, den Grafen Tauentzien, als Kandidaten für den Oberbefehl vor. Und einzig und allein die rücksichtslose Energie Scharnhorsts war es, der es gelang, den Widerstand des Königs zu brechen.
Blücher wurde mit dem Oberkommando betraut, aber – denn an allen Entschließungen des Königs hing ein einschränkendes Aber, das teilweise ihre Wirkung aufhob – Blücher wurde unter russisches Oberkommando gestellt, und mit ihm das preußische Heer.
Der Oberbefehlshaber, der alte Kutusoff, der überhaupt nicht mit seinen Truppen das russische Gebiet verlassen wollte, tat der Sache der Verbündeten den Gefallen, gleich am Anfang des Feldzuges zu sterben. Aber sein Nachfolger, Wittgenstein, war, bei allem guten Willen, ein gänzlich unfähiger Feldherr. Er ließ Napoleon Zeit, seine Armeen zu vereinigen, verpaßte jede gute Gelegenheit, ihn zu überraschen, ließ die Preußen in nutzlosen Kleinkämpfen verbluten, sah im Rückzuge die einzig sichere Frucht der teuer erkauften Siege, und gab ihnen so die Färbung der Niederlage.
Der frische Ansturm der Frühlingsoffensive der Russen und der Preußen verpuffte. Die blutigen Schlachten bei Großgörschen und Bautzen waren umsonst geschlagen – die Schweden weigerten sich, die kaum befreiten Hansestädte vor [pg 297]Wiedereroberung durch die Franzosen zu bewahren – der König empfand schon die Situation „wie nach Jena und Auerstedt“, und erst der plötzlich von Napoleon angebotene Waffenstillstand machte dem Zurückgehen der Alliierten nach der Weichsel ein Ende. Er dämpfte aber auch die lodernde Begeisterung, die die Erhebung getragen hatte, zu dumpfer Verzweiflung. Und die während des Waffenstillstandes einsetzenden diplomatischen Verhandlungen waren nicht dazu geeignet, sie wieder zu entfachen.
Die Herren Diplomatiker rieben ihre klugen Schädel aneinander und brachten einen Friedensvorschlag zustande, dessen Bedingungen in der Hauptsache Räumung aller preußischen Festungen seitens der Franzosen waren, sowie Rückgabe von Danzig an Preußen und von den illyrischen Provinzen an Österreich, Auflösung des Herzogtums Warschau und dessen Teilung zwischen Rußland, Österreich und Preußen, und außerdem die volle Wiederherstellung der Hansestädte. Die Auflösung des Rheinbundes und die Wiederherstellung Preußens regte man wohl an, wagte sie aber nicht zur Bedingung zu machen. Und Napoleon tat trotzdem den „Mächten“ den großen Gefallen, auf diese für sie – aber nicht für ihn – ungünstigen Bedingungen nicht einzugehen. Der faule Friede unterblieb, die Diplomatie wich wieder dem Schwerte, Österreich trat der Allianz bei, und von allen Bergen loderten Freudenfeuer auf und bekundeten das Ende des Waffenstillstandes und die Wiedereröffnung der Feindseligkeiten.
Blücher aber brauchte sich nicht noch einmal von den russischen Generälen gängeln zu lassen. Ihm wurde der Oberbefehl über die aus einem preußischen und zwei russischen Korps gebildete Schlesische Armee gegeben. Und da die Monarchen sich alle unter die Obhut der unter Schwarzenberg von Böhmen aus operierenden Hauptarmee begaben, so hatte er das große und unerhoffte Glück, diese Gesellschaft mit ihren jede freie Bewegung behindernden Erwägungen und ihrem Gefolge von Besserwissern los zu sein, was seine Siegeshoffnung nicht wenig stärkte.