„Mögen die Preußen marschieren!“ murmelte Napoleon, „ehe sie herankommen, bin ich mit den Bundesgenossen da oben fertig und gebe ihnen dann den Rest!“
Er schwieg plötzlich und blickte gespannt durchs Fernrohr hinüber – er sah, wie sich aus dem Kornfelde da oben Rotröcke erhoben und aus nächster Nähe auf die überraschten Truppen d’Erlons Feuer gaben, während von links Ponsonbys graue Dragoner in zwei Kolonnen zwischen die Reihen ihrer offenen Flanke hineinstürmten und sie in Verwirrung brachten. Die Vorwärtsbewegung stockte sofort; alles wankte und suchte sich einen Augenblick zu halten, und dann rutschte die ganze Masse von Infanterie und Kavallerie, in bunter [pg 424]Unordnung miteinander vermischt, auf die Sohle des Tales hinunter.
„Da haben wir die Schweinerei! Ich hab’s ja gesagt!“ rief Napoleon, warf sein Fernrohr auf den Tisch, sprang in den Sattel und galoppierte, so schnell er konnte, zu den auf dem rechten Flügel stehenden Kürassieren Milhauds hinüber, schickte ein paar Schwadronen von ihnen zur Unterstützung vor, ritt dann zu den Truppen d’Erlons, half sie wieder ordnen und sprach beruhigend auf sie ein.
Inzwischen marschierten die Preußen und kamen immer näher und näher. Von den Anhöhen bei der Kapelle Saint-Lambert hatten sie schon in der Ferne den Mont St.-Jean von Rauchwolken umkränzt gesehen, aus denen Blitze hervorzuckten. Das ferne Donnern der Geschütze versetzte sie in freudige Aufregung.
Sie stiegen die Böschung nach dem Tal hinunter, so leicht, als ginge es zum Tanz in der Dorfschenke. Und rutschten sie auf dem glitschigen Boden aus, oder sanken in den fließenden Sand des Lasnebachs ein, so war’s nur ein Vergnügen mehr.
Singend plantschten sie weiter vorwärts und freuten sich der Sonne, die jetzt warm herniederstrahlte, die steifen Glieder durchwärmte und das nasse Zeug trocknete. Als aber der Wald von Frichemont leer vor ihnen lag und nicht einmal von einem Pferdeschwanz oder vom Fetzen eines Infanteriemantels besetzt war, da jauchzten sie laut auf. Denn da hätte eine Handvoll entschlossener Leute ihnen das Fortkommen verteufelt sauer machen können.
„Der Kaiser wird von hier aus nur seinen Grouchy erwartet haben“, sagte Blücher schmunzelnd. „Er wird sich wundern, wie der sich verändert hat, wenn er mich sieht!“
Napoleon wunderte sich aber über nichts mehr. Am allerwenigsten über das Versagen seiner Unterführer oder die Nichtausführung seiner Befehle.
Grouchy mit dem ganzen rechten Flügel seiner Armee blieb aus. Die Preußen kamen zu früh an. Er stand vor einem schweren Entschluß.
Die Schlacht abbrechen, hieße sich besiegt erklären. Es wäre ein Retirieren unter steten Kämpfen in der Flanke und im Rücken. Die Siegesfreudigkeit seiner Soldaten wäre hin, die politischen Folgen unübersehbar. Auch ein halber Erfolg käme da einer Niederlage gleich. Einzig ein großer entscheidender Sieg konnte ihm jetzt helfen, wo ganz Europa wieder auf ihn einstürmte.