Um sich dem Kutscher nicht zu verraten, nahm sie einen Theaterschal um den Kopf, umschloß sich mit einem dunklen Mantel und ließ sich in höchster Eile zurückfahren in das Haus ihres Kindes.

Klopfenden Herzens trat sie ein. Still und ernst, ohne viel Worte, ohne sie auch nur näher anzusehen, begrüßte man sie und führte sie in das dämmerige Zimmer, wo sich die Kleine in den Gluten eines verzehrenden Fiebers unruhig in den Kissen wälzte.

Mit machtvoll erzwungener Ruhe und ängstlich bedachtem Eifer ging sie an ihr Werk, das ein Rettungswerk werden konnte für drei Menschen. Die Großmutter sah ihr wohlgefällig zu. Sie pflege das Kind, sagte sie nach geraumer Weile, nicht wie eine Schwester, sondern wie – eine Mutter. Eine Sturmflut von frohem Schreck und herben Tränen drängten ihr diese Worte aus wehem Herzen herauf. Sie beugte sich rasch über ihr Kind und küßte dessen brennendheiße Stirn. Die Großmutter ging. Sie war allein mit dem Kinde, mit dem all ihr Glück leben oder sterben mußte.

Spät in der Nacht kam der Vater wieder ins Zimmer. Stumm und ängstlich sah er ihr zu. Sie wagte kaum, zu ihm aufzuschauen. Und doch hatte sie gesehen, daß seine Haare an den Schläfen weiß geworden waren und sein Gesicht fahl und eingesunken. Sie hatte das entsetzliche Gefühl, hinter ihm stehe der Tod und der werde mit der einen Hand nach dem kleinen fieberbrennenden Herzen ihres Kindes langen und mit der anderen nach dem erstarrenden Herzen dieses qual- und reuedurchwühlten Mannes. Sie hätte ihn gern gebeten, er möge gehn; aber sie fürchtete, er müsse jetzt, wo sie allein waren, ihre Stimme erkennen, die sie in diesem Augenblicke wohl hätte nicht verstellen können. Endlich ging er mit einem tiefen Aufatmen langsam und gebeugten Hauptes fort.

Als das Kind in seinen Fieberphantasien laut nach der Mutter rief, beugte sie sich über das arme Würmchen und sagte ihm mit der Stimme der Liebe und der namenlosen Angst, sie sei ja bei ihr, die Mutter, sie pflege sie und gehe nimmer, nimmer von ihr fort. Dann nahm sie es an sich, trug es im Zimmer umher und sang ihm mit leiser Stimme all die Liedlein ins Ohr, die sie ihm einstens in glücklicheren Stunden gesungen hatte. Und es schien, als zöge mit diesem Gesange und mit den Küssen der Mutterliebe endlich Ruhe ein in die phantasiegepeinigte kleine Kinderseele. Mit einem Male schaute sie, stiller geworden, die Mutter lange starr und groß an. Dann stand eine Weile ein seltsames Lächeln auf den fieberverdorrten Lippen und endlich drückte mit weichen Fingern der Schlaf die großstaunenden Augen zu.

Am nächsten Vormittag führte man die lang widerstrebende Nonne endlich in ein anderes Zimmer, damit sie ein wenig der Ruhe pflege.

Das Zimmer war das ihre und war ein Heiligtum geworden – ein kleiner schöner Tempel der Liebe und Pietät: alles stand und lag, wie sie es verlassen hatte an jenem sonnigen Abend, und alles, was von ihr stammte, auch die nichtigste Kleinigkeit, war hier von liebenden Händen zartsinnig zusammengetragen. – Sie wußte, von welchen Händen.

Umweht von dem Hauche seiner Liebe, war sie in die Knie gesunken und bat Gott um die Kraft, das Werk vollenden zu dürfen, das sie so überschnell begonnen hatte. Sie war so ganz ohne Erinnerung, ob sie es mit vorgefaßtem Willen gewollt hatte, daß sie sich sagte: es sei das Werk einer höheren Macht und es werde und müsse darum zu gutem und schönem, zu beglückendem Ende führen.

In sich gefestigter, wagte sie es, ihre Schritte wieder in das Krankenzimmer zu wenden. Zu ihrer unsagbaren Freude fand sie das Kind noch immer schlafend.

Sie habe ein Wunder an der armen Kleinen geübt, sagte ihr die Großmutter gerührt, ein Wunder, wie es sich der Arzt, der wußte, er habe es hier in erster Linie mit einer kranken Seele zu tun, nur von der Mutter des Kindes erhofft hatte.