Berta seufzte tief auf bei diesem Gedanken.
Jetzt war er ihren Blicken entschwunden. Und ihre Gefühle, jäh und warm dem Herzen entsprungen, eilten ihm nach: tröste dich Vater, du sollst mich nicht verlieren, mich soll nichts mehr von Dir trennen. Sind wir doch zusammengekettet mit den schweren Banden des Schmerzes und bittersten Leides. Die halten fest ...
Ihr gestütztes Haupt hob sich unwillkürlich ein wenig und ihre Blicke glitten langsam über das Städtchen drunten hinweg, an den leichtbeschneiten Waldhügeln vorbei und blieben drüben an dem Eichenwalde sinnend hangen.
Als läge es längst hinter ihr, jahrzehntelang, so erinnerungsklar und erinnerungsverklärt blickte sie nun alles an, was sie an jenen kurzen Tagen dort drüben in dem verschwiegenen Eichenwalde erlebte.
Es war im Spätsommer. Der Vater lag im Bette, an einem alten Fußleiden erkrankt. Auf ihren täglichen kurzen Spaziergängen führte ihr nun dort drüben das Schicksal den Mann entgegen, der ihrer dämmernden Seele Licht und Glück bringen sollte. Täglich begegneten sie sich die kurzen drei Wochen drüben im Walde. Sie sprachen nach und nach viel miteinander: über sein Geschäft, über die Natur, über Kunst und Musik und manches andere. Aber nicht, was sie sprachen, sondern wie sie's sprachen, war für sie von Reiz und immer reicherer Beseligung. Sie lauschten nur dem Klange ihrer Stimmen, sahen nur den Schimmer ihres Lächelns und ihrer Blicke – und das Glück, das sie damit einsogen, das leuchtete dann, ihnen selber noch unbewußt, aus ihren Augen so tief und rein, so warm und offenkundig, daß jeder unbefangene Dritte sofort erkannt hätte: das sind zwei, die zusammengehören fürs Leben. Der vollen Größe und Tiefe ihrer Empfindungen wurden sie sich erst beim Abschiede bewußt. Das war für sie eine Stunde, reich an Seelenschätzen fürs ganze Dasein.
Er wollte sogleich zu ihrem Vater. Sie hielt ihn zurück. Der Vater, der an ihr, seinem Letzten, mit der ganzen angstvollen Liebe eines alten schicksalsverfolgten und liebebedürftigen Mannes hing, müsse stillallmählich vorbereitet werden. Zudem sei er, wenn auch schon außer Bette, noch krank.
Sie bat ihn, ihr zu schreiben. Sie wollte dann den Vater unvermerkt in ihr junges Glück einweihen und ihn schließlich die Briefe lesen lassen. Damit war er einverstanden und schied. Er mußte fort. Er war Geschäftsführer einer großen Fabrik, hatte jüngst ein beträchtliches Erbe angetreten und hoffte als Teilnehmer seine Arbeitskraft dem umfangreichen Unternehmen widmen zu können. Er war über die erste Blüte der Jugend hinaus, ein ernster hochgebildeter Mann, der auf seinen weiten Reisen viel und vieles gesehen und erlebt hatte – nur die Liebe noch nicht. Die war ihm erst in diesem stillen Erdenwinkel erblüht, den er, vom Zufalle oder wohl von seinem gütigen Geschicke geführt, aufsuchte, um Erholung nach langen Strapazen zu finden und Kräfte für neue Arbeit zu sammeln. An Leib und Seele gesund, erfüllt von einem ganzen Frühling neuen inneren Lebens, schied er, ein Beglückender und Beglückter zugleich.
So schien es ihr. Doch der versprochene Brief kam nicht. Nur solche kamen damals, die sie wenig freuten: von ihren schon verheirateten Freundinnen aus der Töchterschule, von einer Base, die nur schrieb, wenn sie etwas brauchte. Sie wartete. In ihrer Angst und Seelenqual fürchtete sie, er sei erkrankt.
Sie schrieb ihm. An demselben Tage aber stand in der Zeitung die Nachricht, daß er, der neue Firmachef, an einem großen Feste teilnahm, das zu Ehren des greisen Gründers des alten Hauses veranstaltet worden war. Sie ließ den Brief nicht abgehn.
Noch hoffte sie. Die Tage schwanden und wurden kürzer und trüber, kälter und stiller. Mit den Blättern der Bäume sanken auch ihre Hoffnungen dahin. Endlich gab sie das Hoffen gänzlich auf. In einer stürmischen Spätherbstnacht weinte sie erschüttert ihren Schmerz aus und ihre Verzweiflung. Nun war auch ihr Sehnen tot.