Nein, sie habe nichts und brauche nichts. Wie ihre Stimme dabei klang und wie sie ging! In jeder ihrer Bewegungen drückte sich ihr Seelenzustand aus. Ganz starr wurde ihm dabei und ein schier körperlicher Schmerz durchlief ihn eisigkalt.

Nachts konnte er nicht schlafen. Es war jene stürmische Spätherbstnacht, in der Berta ihr Weh und Leid ausweinte und als kostbaren Schatz stark und stolz in ihrer Brust verschloß.

Es duldete ihn nicht im Bette. Aus dem Finstern sprangen ihn Schreckbilder an und wie mit kalten Händen griffs nach ihm aus allen Winkeln. An den Fenstern rüttelte der Sturm. Manchmal wars, als schlüge einer mit der Faust daran. Dann heulte es draußen auf und durch das Haus ging es wie leises Wimmern und Weinen und Stöhnen.

Er zündete Licht an. Was flog da vom Fenster weg? Im langen weißen Kleide ... Der jähe Schreckgedanke, sie habe sich ein Leid angetan, jagte ihn aus dem Zimmer. Erst rannte er dahin, so schnell er konnte, dann schritt er zaghaft vorwärts und endlich schlich er sich lautlos an die Tür ihrer Schlafkammer. Nun hörte er sie stöhnen und weinen. Einzutreten wagte er nicht, so sehr es ihn auch drängte. Er fühlte, daß er unfähig war, jetzt vor sie hinzutreten – ihr jetzt alles zu gestehn. Es hätte ihr Tod sein können oder der Tod ihrer Liebe – zu ihm ... dem Vater. Bis zum grauenden Morgen hockte er auf ihrer Türschwelle. Als es drinnen endlich still geworden war, schlich er frostdurchschüttelt in sein Zimmer zurück.

Scheu und beklommen schaute er nächsten Tages Berta ins Gesicht. Sie war ernst und gefaßt. Bleich waren ihre Wangen, kalt und ruhig ihre Augen – ihr Mund aber lächelte. Dieses tote Lächeln kannte er. Es tat weher als Tränen und Vorwürfe. Sie hat es überwunden, sagte er sich. Aber er wurde nicht froh darüber.

Seit jenem Tage vollzog sich in der Brust des alten Mannes ein schwerer zäher Kampf und allmählich eine tiefe Wandlung. Und das Gute und Edle siegte endlich in ihm: er hatte sich schwer und widerstrebend zur opfermutigen und entsagungsstarken Liebe durchgerungen und erkannt, daß es keine reinere und schönere Tat der Liebe gebe als die, andere selbstlos zu beglücken. Mit Schaudern dachte er nun an das, was er in seiner verblendeten Selbstsucht zerstört hatte: das Lebensglück seines einzigen Kindes.

Als er so weit war, entschloß er sich, alles wieder gutzumachen, wenn es noch ginge. Er setzte sich dann in einer stillen weißen Nacht hin und begann an Uller zu schreiben. Schwer, bitter schwer löste sich Geständnis auf Geständnis von seiner Seele. Noch schwerer schrieb er sie nieder. Er hatte noch keine Uebung im rückhaltslosen Selbstbekennen. Er hatte bisher nur um sich und wohl noch niemals tief und furchtlos in sich geblickt. Drei Nächte plagte er sich ab. Endlich war der lange schicksalsbedeutende Brief fertig.

Am nächsten Morgen trug er ihn zur Post hinab. Vier Tage fehlten noch auf Weihnachten. Bis zum heiligen Abend konnte Antwort da sein von ihm oder – er selbst. Aber es kam kein Brief. Nicht am zweiten Tage, nicht am dritten und nicht am vierten, letzten. Jakob kam mit leeren Händen früh und nachmittags ...

Und nun war es am letzten Tage Abend geworden, die heilige Nacht war gekommen und er sollte nun in dieser glückseligen Friedenszeit dort droben mit der bleichen Tochter allein sitzen – im ängstlichen Schweigen und mit dem schweren Schuldbewußtsein in der Brust ...

Die Hoffnung, Uller könne noch mit dem Abendzuge selbst kommen, trieb ihn dem Bahnhofe zu. Der Zug fuhr ein. Uller stieg nicht aus. Ueberhaupt kein Fremder. Nur Einheimische, Studenten, Urlauber und sonst noch junge Leute. Lauter fröhliche Feiertagsgesichter.