Verwundert blickte er um sich. Und traulich nicht – schier fremd grüßte ihn die kleine dürftige Wirtsstube, die einstens den armen Bettelstudenten so froh gegrüßt hatte. Ein Fremder in der Heimat. Niemand kannte ihn. Und niemand sollt' ihn erkennen! Freude rief's in ihm und Trotz. Sie, sie sollten ihn zuerst begrüßen – seine Berge! Und dann Mutter und Braut.
Da hörte er draußen in der großen Gaststube die Männer durcheinander sprechen. Dies und das. Nicht was sie sprachen, wollt' er erlauschen – nur erfreuen wollt' er sich an der solange, lange entbehrten heimatlichen Mundart. Eben wollt' ihn diese Freude hinausziehen zu den Männern. Da hörte er einen sagen: »Also hat sie's halt auch dermacht, die alt' Brunnerin.« – »Ja ja,« sagte drauf bedächtig ein anderer, »hab's schon g'hört. Gestern is verstorben. A recht a traurig's Weihnachten das.«
Da war der Mann drinnen bleich geworden. Sein Herz stand schier still. Er ging zu den Männern hinaus.
»Meint ihr die Frau Brunner drüben, die in Almau?«
»Dieselbige, wuhl.« Sie sahen erstaunt nach ihm.
Er aber warf den Pelz um seine Schultern und ging hastig zur Tür hinaus. Die Männer, die am Postschlitten arbeiteten, um die gebrochene Kufe wieder brauchbar zu machen, schauten ihm staunend nach. »Wird ihm halt doch die Zeit lang worden sein und er geht ein Stückerl voraus.« So meinten sie.
Die lange Verzögerung, die durch den kleinen Unfall eingetreten war, hatte ihn sehr verdrossen. Jetzt war es ihm gleich. Die Mutter wartete ja nimmer. Und Elsa wußte noch gar nicht, daß er kam. Er hatte bloß der Mutter geschrieben. Elsa sollte erst gerufen werden, wenn die Lichter brannten am Baum. Wenn die Lichter brannten ... Nun brannten wohl nur zwei Kerzen im ganzen Hause. Sie brannten zu Häupten der Mutter. Sie hatte ihn nicht mehr erwarten können ...
Müde trug er das junge schwere Leid über den Schnee in den wallenden Nebel hinein. Da rief die Stimme der Wirtin hinter ihm her: »Herr Brunner! Herr Brunner!« Sie hatte ihn also nachträglich doch erkannt. Wohl an seinem jähen Erschrecken und Erbleichen.
Er schlug rasch einen Nebenweg ein. Der Schlitten sollte ihn nicht einholen. Er wollte nicht, daß das unbeholfene Mitleid dieser guten Leute zu ihm spreche.
»Herr Brunner! Herr Brunner!« rief die Wirtin wieder. Und »Herr Brunner! Herr Brunner!« rief eine tiefe männliche Stimme langgedehnt seinen Namen. Und die Stimmen klangen ihm durch den Nebel wie aus weiter unermeßlicher Ferne und klangen ihm nicht wie Menschenstimmen. Hinter ihm tastete das Mitleid, vor ihm schritten Leid und Weh und in ihm war alle Freude erstorben. Die Mutter konnte den Sohn nimmer erwarten ...