Einstens ja, da wars besser, damals, als ihr Mann noch lebte. Damals war ihr Gesicht noch nicht so blaß, nicht so spitz und nicht so voller Linien und Furchen. Diese waren allgemach durch die herben Liebkosungen ihrer stillen Hausgenossen entstanden und sie wirkten auf das zarte Empfinden Ottis schier schmerzlich. Ganz besonders wenn die Mutter lachte. Was sie noch immer gern tat. Dann kam ein Zug in ihr Gesicht, daß man meinte, sie lache nicht, sondern weine.

Das empfand er gestern abend besonders herb. Da sprach die Mutter – sie konnte manchmal sein wie ein Kind, trotz aller Sorg und Müh – vom Weihnachtsabend. Wie schön es halt wär, wenn sie wieder einmal einen gebackenen Fisch essen könnte und eine Wollhaube hätte, so eine recht warme. Es friere sie immer so viel in den Ohren, wenn sie zur Kirche gehe. Das malte sie so schön aus, plauderte darüber so harmlos und so viel, daß sie ganz übersah, daß Otti sie immer trübseliger anschaute. Mein Gott, einen Lieblingswunsch hat jeder Mensch. Und der von Mutter Bertram war doch gewiß kein unbescheidener.

An das gestrige Gespräch dachte nun Otti. Er wollte der Mutter schon längst einmal eine recht große Freude bereiten. Sein kühnster Wunsch war, sie von der abscheulichen Strickmaschine zu befreien. Die werde sie noch ganz krank machen, sagte er einmal erregt. Und die kleine zierliche, naiv harmlose Frau sah in solchen Augenblicken zu ihrem kräftigen Jungen auf – schier verschüchtert wie einst zu ihrem Manne. Und sie empfand dann in ihrer geistigen Abhängigkeit eine gar köstliche Befangenheit. Geradezu beschämt fühlte sie sich oft ihrem Buben gegenüber, der mit seinen zwölf Jahren so ernst war, während sie am liebsten immer gelacht und gesungen hätte, wenn sich das für eine Frau in ihrer Lage schickte. Sie nahm auch jetzt seine nachdenklichen Blicke als stumme Vorwürfe und fragte deshalb ablenkend und nach Frauenart ganz unvermittelt:

»Du denkst jetzt gewiß an das goldene Seil, Otti, gelt?«

»Ach Gott nein«, sagte Otti in seiner singenden Art und erhob sich. Es war ihm ein Gedanke gekommen. »Du, Mutter, ich geh zum Frohner Toni in die Stadt hinein. Bei der Rechenaufgab soll ich ihm helfen.«

»Hätt das nicht auch nach den Feiertagen Zeit?«

»Mich freuts grad heut.« Er hatte das ganz still gesagt, grüßte scheu und rasch und ging zur Tür hinaus – viel behender als es sonst seine Art war. Die Mutter rief ihn nicht zurück. Wenigstens kommt er auf andere Gedanken, dachte sie und arbeitete weiter.

Otti stampfte langsam durch den Schnee. Es fiel ihm gar nicht ein, zum Frohner Toni zu gehn. Aber der ersehnte Fisch und die warme Wollhaube zogen ihn nach der Stadt. Sehen wollt er wenigstens diese beiden Dinge in den Schaufenstern der Kaufleute und auf dem großen Fischmarkte. Und ganz leise und ganz tief in ihm regte sich Hoffnung: vielleicht geschieht ein Wunder. Er dachte das nicht, aber es war in ihm und trieb ihn an.

So kam er an dem Teich vorbei. Der war hart und dick gefroren. Hie und da lagen Eisschollen auf der glatten Fläche. Und Otti wußte: dort waren die Luftlöcher für die Fische. Er griff unwillkürlich in die Tasche, drinnen er seine Angelschnur wußte. Als er sie hervorzog, schien sie schwer wie hartgefrorenes Schifftau. Langsam steckte er sie wieder ein und dachte während er unlustig und schwerfällig weiterging an das goldene Seil, das ja heute Nacht vom Himmel niederhängen wird und von jedem erfaßt werden kann, der in Sinn und Herz keine Sünde trägt. Und wer es in die Hände bekomme, das herrliche goldene Seil, der dürfe getrost daran ziehen. Dann wird hoch droben im Himmel ein Glöcklein ertönen und einen Engel herbeirufen. Der fragt dann mit lieber Stimme, was der da drunten sich Gutes wünsche und Schönes? Und er darf es ungescheut sagen, was es auch sei. Der Engel bringe die Wünsche ohne weiteres dem lieben Gott selbst vor und der gewährt sie in seiner unendlichen Güte gern und immer. So erzählte ihm die Großmutter. Und in der weihevollen Christnacht und in der geheimnisvollen Nacht der Sommersonnenwende hänge es hernieder vom dämmernden Sternenhimmel, das wundersame goldene Seil.

In der letzten Sommersonnenwendnacht war er auf der Suche nach ihm. Aber er fand es nicht, obwohl er es damals so notwendig gebraucht hätte. Die Mutter war recht krank und er hatte viele Tage nichts Warmes zu essen gehabt. Ob wohl alle, denen es so viel besser ging als seiner Mutter und ihm, einmal an diesem Wunderseile gezogen hatten? Aber wie könnte das sein? Der Frohner Toni zum Beispiel, der alles haben konnte, was er wollte, war gerade keiner von den Bravsten und sein Vater, hat er sagen hören, habe seinen Reichtum auch nicht auf die gottgefälligste Weise erworben. Wie so etwas nur möglich sei und wie der liebe Gott das zulassen könne? Und der feine Knabe damals aus der Stadt, der ins Eis einbrach? Ob dem sein Vater auch auf die Art reichgeworden ist, wie dem Toni der seine? Wenn er das gewiß gewußt hätte ... Nein! Er hätt immer getan, was er dort auf dem Teiche getan hat vor etwa vierzehn Tagen. Er hatte dem feinen Knaben gesagt, du, gib acht, das Eis ist noch nicht stark, fahr nicht zu weit hinaus! Der aber hat ihn nur stolz und hochmütig angeschaut und ist dahingesaust. Schön konnte er laufen und sehr feine Schlittschuhe hatte er. Wenn er solche auch haben könnte, dachte er heimlich. Da brach der Knabe durch das Eis. Otti hielt gerade eine lange Stange in der Hand, mit der er vorhin prüfend auf das Eis geschlagen hatte. Er lief hinaus, reichte dem Knaben die Stange hin. Der aber schlug ganz verzweifelt um sich und geriet immer mehr in das noch dünne Eis. Otti schrie ihm zu, er möge doch umkehren, da, wo er hineinfiel und Otti jetzt stehe, sei das Eis fest. Als der Knabe aber nicht hörte, sprang er selbst ins Wasser. Wie er mit ihm wieder herauskam, wußte er selbst nicht mehr recht. Er war ganz von Sinnen, als er wieder droben auf dem festen Eise lag. Und da ihn schließlich sehr fror, lief er, so schnell er konnte, heim, ohne sich weiter um den Knaben zu kümmern. War auch nicht mehr notwendig, da ohnehin schon Leute da waren. Zwei Tage lag er im Schüttelfrost. Dann war wieder alles gut.