Der Vater ging und auch die Mutter verließ das Zimmer. Gretchen war ganz ernst geworden; die Worte des Vaters gefielen ihr nur halb. Schon eine gute Weile stand sie nachdenklich am Fenster, dann ertönte Glockengeläute von der Kirche und Lene kam herein.
»Gretchen, bist du fertig? es läutet schon.«
In dem Städtchen Föhrenheim, in dem die Familie Reinwald lebte, ist es Sitte, daß die Kinder, ehe sie zum erstenmal in die Schule gehen, von ihren Eltern in die Kirche geführt werden, und so machte sich nun auch Frau Reinwald mit Gretchen auf den Weg. Lene sah ihnen vom Fenster aus nach und sagte vor sich hin: »Es ist ein großes Kind, unser Gretchen, und ein schönes Kind und ein gescheites Kind; es werden nicht viele solche in die Schule kommen. Gewiß wird sie die Erste.« Mit diesem stolzen Gefühl verließ Lene das Fenster.
In der Kirche sammelten sich nach und nach die kleinen Knaben und Mädchen mit ihren Vätern oder Müttern. Auch der Schäfer-Hans war diesmal nicht allein, ein altes Großmütterchen begleitete ihn.
Nun sprach der Pfarrer gar freundlich und herzlich zu den Kindern. Gretchen horchte aufmerksam zu und verstand alles, was er sagte.
Zum Schluß wurde noch ein Lied gesungen, ein Gebet gesprochen, dann verließen die Kinder das Gotteshaus und wurden wieder von Vater oder Mutter geleitet, aber nur noch bis zur Türe des Schulhauses. Dort trennten sich die Eltern von den Kindern und die Treppe hinauf ging's nun schon allein.
Gretchen hatte keine Angst: sie sprang lustig hinauf mit der ganzen Schar der neuen Schulkameraden und bald wuselte alles unruhig durcheinander in dem großen Schulzimmer. Der alte Lehrer war auch da und sprach noch ein paar Worte mit dem jungen Lehrer. Dann verließ er das Zimmer. Herr Stein nahm nun ein Lineal und klopfte mit diesem so stark auf den Katheder, daß alle Kinder erschraken und es plötzlich ganz stille wurde im Zimmer.
»Nun wird eines nach dem andern beim Namen gerufen und wer gerufen wird, kommt zu mir her; die andern aber sind ganz stille,« befahl Herr Stein und rief sofort den ersten Namen: »Franz Abenheim«.
Des Holzhackers Franz trat vor.