Freundlich sah Herr Stein in das von Eifer glühende Angesicht seiner Lieblingsschülerin.
»Du bist halt doch meine Beste, du mußt die Erste werden,« sagte er, nahm sie an der Hand und führte sie an den ersten Platz.
Aber Gretchen sah bedenklich auf die Kleine, die bisher den ersten Platz eingenommen hatte.
»Der wird's nicht recht sein,« sagte sie.
»O die wäre doch nicht lange die Erste geblieben, gelt du weißt schon, daß Gretchen Reinwald über dich hinauf gehört?« Die Kleine, die allerdings nicht zu den besten Schülerinnen gehörte, nickte und räumte ihren Platz.
So saß denn Gretchen richtig auf dem ersten Platz, wie sie sich's schon ausgedacht hatte, ehe sie in die Schule gekommen war.
Der Unterricht begann nun und Felix konnte das verheißene Kunststück nicht machen. Der Franz war sehr ärgerlich und wurde es noch mehr, als er sah, daß nach Schluß der Schule der Lehrer das Zimmer nicht verließ, sondern, wie er's manchmal tat, die Zeitung nahm, sich an den Katheder setzte und anfing zu lesen.
Schon bereute der Franz seine Nachgiebigkeit, als plötzlich Felix vortrat, und sehr höflich zum Lehrer sprach: »Pardon, Herr Lehrer, ich muß hier hinaufsteigen, weil ich habe versprochen zu hupfen herunter!« und ehe Herr Stein wußte, was der kleine Spanier eigentlich wollte, war dieser auf den Katheder hinaufgeklettert und mit einem schönen Schwung so leicht auf die Fußspitzen heruntergehüpft, daß man's kaum hörte. Herr Stein war ganz verblüfft und da er selbst ein guter Turner war, hatte er solche Bewunderung für den kleinen Künstler, daß er gar nicht gleich daran dachte, ihm vorzuhalten, der Katheder sei nicht dazu da, daß die Schulbuben daran turnen. Felix wartete auch nicht, bis ihm dies einfiel, er verließ rasch das Schulzimmer. Die andern Kinder folgten ihm, auch der Franz war nun vollständig befriedigt.
Felix durfte noch nicht heimgehen, er hatte jetzt Stunde bei Herrn Baumann. Er ging immer gern zu dem alten Herrn, war dieser doch der Lehrer seines lieben Mütterleins gewesen. Das Lernen selbst war unserem Felix zwar keine besondere Freude, aber Herr Baumann machte es ihm so angenehm wie möglich.