Herr Reinwald ging ins Schlafzimmer, kam aber bald wieder heraus.

»Die Mutter hat Fieber, wir müssen den Arzt haben. Schicke mir Lene herein, daß ich ihr beschreibe, wo der Arzt wohnt, und du mache dich fertig, sie zu begleiten, denn der Arzt wohnt in derselben Straße, in der auch dein Institut ist, dann lernst du gleich deinen Schulweg kennen.«

Bald waren Lene und Gretchen miteinander auf dem Weg in die Luisenstraße.

»Das hätte ich nicht gedacht, daß unser erster Ausgang miteinander zum Arzt wäre,« sagte Lene mit einem schweren Seufzer und es war den beiden recht trübselig zu Mute, als sie an dem kühlen Herbstabend durch die fremden Straßen gingen, um das Haus des Arztes aufzusuchen. Endlich hatten sie's gefunden und den kurzen Bescheid erhalten, daß der Arzt am nächsten Morgen kommen werde.

»Das sind Leute,« räsonnierte Lene im Heimgehen, »denen ist's ganz einerlei, wer krank ist oder was einem fehlt! Da war's schon anders, wenn man zu unserem lieben Herrn Doktor in Föhrenheim kam. Da fragte gleich die Magd, wer denn krank sei, und die Frau Doktor ließ gute Besserung wünschen und kaum war man daheim, so stand auch der Herr Doktor schon da. Die Leute hatten doch auch eine Teilnahme, aber hier sind sie so kalt und so fremd!«

»O Lene, wären wir doch noch in Föhrenheim, dann wäre auch die Mutter nicht krank,« seufzte Gretchen, und ihr kleines Herz wurde voll Heimweh.

Inzwischen waren die beiden wieder an ihr Haus gekommen. Es war ein großes, dreistöckiges Haus, mitten in der Stadt.

»Hast du das alte Fräulein schon einmal gesehen, das unter uns im ersten Stock wohnt?« fragte Lene.

»Nein, ich habe nur ihren Hund bellen hören.«

»Ja, das ist ein bissiges Tier, vor dem nimm dich nur in acht, aber vor dem Fräulein auch, denn die ist auch nicht viel besser.«