»Lene, wenn ich sie nur sehen könnte, vielleicht könnte ich sie doch lieb haben, damit doch ein Mensch sie mag!«

»Sehen wirst du sie wohl bald, aber lieb haben schwerlich!«

»O doch, Lene, die muß ich lieb haben, wenn kein Mensch sie mag, ich glaube, ich habe sie jetzt schon lieb!«

Lene und Gretchen wurden mit Ungeduld erwartet, Frau Reinwald war sehr krank und auf den schlimmen Abend folgte eine unruhige Nacht.

Sehnsüchtig wurde am nächsten Morgen der Arzt erwartet. Herr Reinwald hätte Gretchen gerne in die neue Schule eingeführt, aber er fürchtete, daß gerade in seiner Abwesenheit der Arzt kommen würde. Lene konnte man auch nicht entbehren, so mußte sich denn Gretchen allein auf den Weg machen. Sie versicherte auch, daß sie ihn fände, und im Notfall konnte sie ja fragen.

So nahm sie denn wieder ihren Ranzen und ging, freilich nicht so fröhlichen Herzens, wie sie sonst in die Schule zu wandern pflegte. Sie schlug denselben Weg ein, den sie gestern mit Lene gemacht hatte, und bald sah sie mehrere Mädchen mit Schultaschen und Büchern, die alle in einer Richtung gingen. Nun brauchte sie ja gar nicht erst zu fragen, sie durfte nur den andern Schulkindern folgen. Diese bogen jetzt in eine Seitengasse ein und traten in das Schulhaus. Gretchen folgte einem Mädchen, das ungefähr in ihrer Größe war und trat mit ihr in das Schulzimmer ein.

Der Vater hatte ihr anbefohlen, gleich auf Fräulein von Zimmern zuzugehen. Diese war aber nicht zu sehen, es stand am Katheder ein Lehrer. So ging denn Gretchen auf diesen zu und richtete die Empfehlungen ihrer Eltern aus.

»Wie heißt du denn, Kleine?« fragte der Lehrer.

»Gretchen Reinwald.«