Klärchen hatte kein Wort der Widerrede. Sie war es nicht anders gewöhnt. So plötzlich hatte man sie das erste Mal zur Patin gebracht, so hatte der Onkel sie vorgestern entführt und so wurde sie zurückgeholt. Nach ihrer kleinen Lebenserfahrung war das der Lauf der Welt.

»Wo ist mein Mantel?« fragte die Kleine. Das Dienstmädchen ging rasch ins Zimmer, als wollte es die Kleider holen. Im Zimmer waren die kleineren Kinder und einer der Kostgänger, aber die Brüder, Konrad und Heinrich, waren nicht darunter, sie waren mit den Größeren auf der Eisbahn.

Ganz aufgeregt sagte das Mädchen: »Da draußen ist ein Herr, ein ganz unfreundlicher, der will das Klärchen mitnehmen, was soll ich denn tun?« Und auf die Besuchskarte sehend, las sie: »Stahlhammer, Geheimer Rat.«

»Das ist ja der Vormund von Konrad und Heinrich,« sagte der Kostgänger, »von dem war schon oft die Rede.«

»Dann muß man Klärchen mit ihm gehen lassen?« Allgemeiner Widerspruch, lautes Bedauern ertönte nun in der Kinderstube und die Kinder drängten hinaus in den Vorplatz. Es hatte nur eine Minute gedauert, aber dem Herrn Rat schon zu lang. »Der Mantel, der Mantel, wo ist der Mantel? Und das andere Zeug, das das Kind etwa mitgebracht hat?« Das Mädchen sprang eilends an den Kleiderschrank, und die Kinder, als sie sahen, daß Klärchen wirklich gehen mußte, holten geschäftig herbei, was auf dem großen Bescherungstisch auf ihrem Platze lag: die Puppe im Wickelkissen, das Weihnachtsgebäck, ein Bilderbuch und eine Schürze. Die Sachen wurden notdürftig eingewickelt; der Rat war schon ein paar Treppenstufen hinunter gegangen, als die einzelnen Schätze Klärchen noch gereicht wurden.

Er hatte allerdings guten Grund zu eilen, denn er wußte, daß um Mittag ein Zug abging, den er benützen wollte, um das Kind wieder bei seiner Schwester abzuliefern. Auch wünschte er nun nicht mehr den Professor zu sprechen, diese Sprache war die deutlichste. Als er unten mit der Kleinen um die Straßenecke bog, kamen von der entgegengesetzten Seite Herr und Frau Kuhn auf das Haus zu.

»Sieh nur,« sagte die Frau Professor zu ihrem Mann, »man könnte meinen, das Kind dort, das mit dem Herrn geht, sei Klärchen; jetzt kannst du sie nicht mehr sehen, sie sind schon um die Ecke, aber es kann ja unmöglich Klärchen sein.«

In eiligen Schritten ging der Vormund mit seinem Mündel der Bahn zu; aber rasch kamen sie doch nicht von der Stelle, denn zuerst rutschte ihr das Buch aus der Hand und als sie es aufheben wollte, das Päckchen Backwerk. Es fiel in den Schnee, der mußte erst wieder abgeschüttelt werden. »Gib das Buch, ich will es tragen,« sagte der Rat und nahm es ab. Aber nach einiger Zeit rutschte die Schürze auf den Boden, da gab es wieder einen Aufenthalt. »Das will ich dir auch noch abnehmen, aber was du ferner auf den Boden wirfst, bleibt liegen, verstanden! Man muß auf seine Sachen achten lernen; nun spring so rasch du kannst, daß wir den Zug noch erreichen.« Er nahm sie bei der Hand. Die Kleine trippelte so schnell sie konnte nebenher; aber ihr Ärmchen tat ihr weh, so hoch hinauf zog es der große Mann, indem er sie führte, und den andern Arm mußte sie fest an sich pressen; denn unter dem steckte die Puppe, und in der Hand war das Backwerk. Allmählich wurde der Arm müde und konnte die Puppe nicht mehr fest pressen, so daß sie nach und nach immer weiter hinunter rutschte. Klärchen fühlte es, aber sie hatte ja die zweite Hand nicht frei, um die Puppe zu halten, und ganz sachte glitt diese endlich unter dem Arm hindurch und fiel sanft und leise auf den weichen Schnee. Klärchen wandte den Kopf zurück und wollte still halten, aber der Vormund, der von dem Hergang nichts bemerkt hatte, trieb sie an: »Nur vorwärts, Kind.« Die Kleine wagte nichts zu sagen, sie sah nur zurück, ach da lag ihr Wickelkind im Schnee! Immer wieder wandte sie den Kopf; jetzt bog sie um eine Ecke, sie sah sie nicht mehr! Ihr Liebling war dahin! Es war für das treue Puppenmütterlein ein Seelenschmerz. Dicke Tränen rollten ihr über die Wangen. Ihr Begleiter merkte es erst, als er ein unterdrücktes Schluchzen vernahm. Aber er fragte nicht, warum sie weine, er glaubte den Grund zu wissen. »Nicht weinen, Klärchen,« sagte er, »schäme dich, am hellen Tag auf der Straße zu weinen. Nun sind wir gleich zur Stelle, du wirst doch so weit marschieren können?« Es war eine Erleichterung, als am Bahnhof der große Mann ihre Hand frei gab, der Arm hatte so weh getan. Und nun saß sie im Wagenabteil zweiter Klasse auf weichem Kissen, und der Vormund sagte: »In deinem Alter durfte ich nie zweiter Klasse fahren, dir geht es besser als du es verdienst, sei nur recht dankbar.« Da kämpfte das kleine Wesen seinen Kummer nieder und sagte, die Tränen verschluckend: »Ich danke schön.«

VI.

Es war ein Uhr, als Herr Stahlhammer mit seinem Mündel in der Wohnung seiner Schwester ankam. Als Mine die Tür aufmachte und unerwartet an der Hand des Vormunds das Kind vor sich sah, von dem sie schon gehofft hatte, daß es vielleicht für immer wegbleiben würde, machte sie ein sehr erstauntes Gesicht. Für erstaunte Gesichter hatte aber Herr Stahlhammer keinen Sinn. Was er tat, war doch immer vernünftig, und über das Vernünftige hat niemand zu staunen. Er ließ sie deshalb nicht zu Wort kommen, sondern fragte kurz: »Fräulein Stahlhammer zu Hause?« und ging, als dies bejaht wurde, mit dem Kind ins Zimmer. »Ich bringe das Kind zurück,« sagte er zu seiner Schwester und mit einem Blick auf den Tisch, von dem sie offenbar im Begriff war, das Tischtuch wegzunehmen, setzte er mißfällig hinzu: »Schon fertig? Mir unbegreiflich, wie man so frühzeitig essen mag! Ich bin natürlich um mein Essen gekommen durch diese unangenehme Sache.«