Lebhaft erhob sich die Tante, trug das Kindertischchen mit allem was darauf lag, in das Wohnzimmer, die kleine Nichte folgte und die zwei Frauen waren allein. »Ich habe Klärchen so viel beobachtet, seit ich krank bin,« sagte die Patin, »sie plaudert immer laut mit ihrer Puppe und da höre ich denn, wie sie so innig von ihrer Mama spricht, wie sie ihrem Puppenkind verspricht, wenn es groß sei, dürfe es zu Onkel und Tante und zu den Brüdern. Ja, einmal, als sie im Eifer des Spiels ganz meine Gegenwart vergessen hatte, hörte ich sie sagen: Wenn du nicht brav bist, mußt du zur Patin nach Waldeck.«
»Das dumme Gänschen,« rief die Tante, »Sie sollten gar nicht darauf hören, was sie mit ihrer Puppe schwätzt.«
»Ich habe es aber gehört,« sagte die Patin, »und ich weiß jetzt, daß sie mein Haus nur als einen Strafplatz ansieht; ich glaube, es war nicht recht von mir, daß ich das Kind von Ihnen fernhalten wollte. So gerne ich Klärchen gehabt hätte, wenn sie sich wohl bei mir gefühlt hätte, so möchte ich sie doch Ihnen übergeben, weil sie bei Ihnen eine glücklichere Kinderzeit haben wird.«
Die Tante merkte wohl, daß es Fräulein Stahlhammer schwer wurde, diese Worte auszusprechen. Sie tat ihr so leid, die einsame Kranke. »Ich begreife nicht,« sagte sie, »warum das Kind Ihre Liebe nicht durchfühlt. Es ist vielleicht ein Mißverständnis dabei. Aber freilich, das Natürlichste ist, daß ein Kind unter andern Kindern aufwächst. Leider sind es bei uns lauter Knaben.«
»Ihnen wird Klärchen ein liebes Töchterchen werden,« sagte Fräulein Stahlhammer.
»Wir nehmen sie auch gerne zu uns. Zu Ostern läßt es sich zwar nicht mehr einrichten, aber von den Sommerferien an können wir sie aufnehmen.«
»Dann behalte ich sie noch diesen Sommer hindurch,« sagte die Patin bereitwillig. »Ihre Brüder können sie besuchen so oft sie wollen, und ich werde ihr auch eine kleine Kamerädin verschaffen. Eine meiner Bekannten hat auch so ein einzelnes Töchterchen im gleichen Alter. Bis jetzt hielt ich das Kind absichtlich fern, damit Klärchen sich mehr an mich anschließe, aber nun, da sie doch fort kommt, ist’s gleichgültig.«
»Bitte sprechen Sie dann selbst mit dem Vormund darüber,« sagte Frau Professor Kuhn, »mein Mann würde wohl nicht gern noch einmal bei ihm seinen Vorschlag wiederholen.«
»Ja, das werde ich tun. Ich weiß, daß seit Weihnachten die beiden Männer nicht gut miteinander stehen. Glauben Sie mir, ich war damals nicht so herzlos, als Sie denken mußten; ich wollte dem Kind am Christfest bescheren, der geputzte Baum stand schon versteckt im Kämmerlein. Das Kind wußte es nur nicht und Mine sagte leider nichts davon.«
»So war es?« sagte die Tante. »Das zu hören freut mich noch nachträglich; ich werde es daheim erzählen, ich selbst war trotz allem Anschein immer von Ihrer edlen Gesinnung überzeugt.« Sie drückte warm die Hand der Patin und fügte herzlich hinzu: »Wenn Sie wieder wohl sind, kommen Sie mit dem Kind zu uns, nicht wahr; wir wollen uns näher kennen lernen und späterhin, wenn Klärchen ganz bei uns ist und Sie besuchen uns, dann werden Sie auf einmal merken, daß das Kind Sie doch lieb hat.«