Regine sah die Mutter freudig überrascht an. »Mutter, wenn du so sagst, dann gehe ich jetzt gleich ins Pfarrhaus und frage, ob das gute Plätzchen noch zu haben ist.« Die Mutter wunderte sich über ihre Kleine; die hatte sich verändert. »Geh nur gleich,« sagte sie, und eiligen Schritts ging die Konfirmandin dem Pfarrhaus zu. Wieder saß die Mutter allein im Zimmer, aber ihre Gedanken waren nicht mehr bei dem verstorbenen Kind. Sie begleitete im Geist das Mädchen, das voll Eifer ihr neues Leben beginnen wollte; und sie sagte vor sich hin, denn sie hatte sich in der einsamen Zelle angewöhnt, ihre Gedanken laut werden zu lassen: »Sie ist ganz anders als wir; es muß etwas Gutes in sie hinein gekommen sein, vielleicht durch den Konfirmandenunterricht. An der wenigstens kann man einmal Freude erleben.«

Inzwischen kam auch Thomas heim und hörte staunend von dem raschen Entschluß. Gespannt warteten Mutter und Sohn auf Reginens Heimkehr. Sie sahen ihr die Freude gleich am Gesicht an. »Ich bekomme mein gutes Plätzchen,« rief das Mädchen in hellem Glück. »Aber nächste Woche soll ich fort; da ist noch viel zu richten! Ob das alles fertig wird? Marie hilft nicht gerne dazu.« »Wir machen’s schon ohne sie,« meinte die Mutter und stand rasch auf, wie wenn sie gleich an die Arbeit gehen wollte. »Gut, daß du wieder da bist, Mutter!« sagte Regine. Da verlor das traurige Gesicht der Frau den trostlosen Ausdruck, den es bisher gehabt hatte. »Gut, daß du wieder da bist,« die Worte taten ihr wohl; zeigten sie ihr doch, daß sich jemand über ihre Rückkehr freute.

»So kommst du wirklich in eine Pfarrfamilie?« sagte Thomas nachdenklich zu der Schwester. »Dann kann ich auch nicht mehr in der Druckerei bleiben und für eine Zeitung arbeiten, in der nur gespottet wird über alles, was geistlich ist; du müßtest dich ja schämen, wenn es bekannt würde.« – »Was fängst du dann aber an, Thomas?« fragte die Schwester betroffen.

»Es gibt noch mehr Druckereien; ich will sehen, daß ich bei einer anständigen Zeitung unterkomme. Ich habe das ewige Spotten und Schimpfen selber satt, es kommt nichts Gescheites dabei heraus. Weißt du, ich bin nur so zufällig hinuntergefallen in die schlechte Gesellschaft, wie so ein Apfel vom Baum in den Graben fällt; aber ich will nicht liegen bleiben, verstehst du?«

Ja, Regine verstand ihren Bundesgenossen, und noch einmal sagte sie zu ihm die Worte: »Ich vertraue dir ganz und gar.«

Und wir vertrauen allen beiden und können sie nun getrost verlassen; sie meinen es ehrlich, und es wird ihnen gelingen. Ja, mit Gottes Hilfe wird Segen von ihnen über ihre ganze Familie kommen.


Von Agnes Sapper sind im gleichen Verlag erschienen:

Die Familie Pfäffling. Eine deutsche Wintergeschichte. 288 Seiten. 31.–40. Tausend. In Leinwand gebunden Mk. 3.–.