»Wer ist’s denn?«

»Der den Stoff verkauft, der will Geld.« »O den kann ich schon gar nicht leiden,« sagte die Mutter, »hätt’ ihn der Vater doch fortgeschickt.« »Der Vater ist auf dem Kartoffelacker, den Johann hat er mitgenommen.«

Vor dem Hause setzte Frau Greiner den Huckelkorb ab, mit dem sie gar nicht durch die niedrige Türe gekonnt hätte, und dann trat sie ins Zimmer. Am Fenster stand der Kaufmann, der von Zeit zu Zeit in den Ort kam und das Tuch verkaufte, aus dem die Puppenkörper angefertigt wurden. Ihm war Frau Greiner viel schuldig, und so ungern sie ihr Geldchen, das sauer verdiente, hergab, so langsam sie auch die Markstücke aufzählte, sie durfte sie doch nicht behalten, sie wanderten in die große Geldbörse des Kaufmanns. Er hätte ihr sonst keinen neuen Stoff gegeben und sie brauchte doch so viel für die Bestellungen, die sie angenommen hatte. Nachdem sie bezahlt hatte, rollte er bereitwillig seinen Ballen auf, und sie konnte von dem schönen weißen Stoff haben so viel sie wollte.

»Wollen Sie ihn nicht gleich zahlen, Frau Greiner, oder wenigstens einen Teil davon? Sie haben ja noch Geld, wie ich sehe, und Sie bekommen jeden Meter um zehn Pfennig billiger, wenn Sie gleich bezahlen.«

Aber Frau Greiner entsetzte sich ordentlich über den Vorschlag. »Noch mehr zahlen!« rief sie. »Was meinen Sie denn, von was sollten wir denn leben in der Woche? Und muß ich nicht auch was zurücklegen für den Hauszins und etwas für die Steuer und für die Sterbekasse? Und gerade heut’, wo wir einen Huckelkorb gekauft haben! Marie, zeig deinen Korb. Sehen Sie? Gleich bar hab’ ich die Hälfte vom Preis auf den Ladentisch hinlegen müssen, sonst hätte ich ihn gar nicht mitbekommen; nein, bis Ende der Woche reicht’s nimmer zu einem Päckchen Zichorie, das kann ich schon jetzt sehen.«

»Nun, ich bin ja zufrieden, ich habe es ja nur gut mit Ihnen gemeint,« beschwichtigte der Kaufmann. »Jetzt ist ja die beste Zeit vom Jahr. Leben Sie wohl, und guten Verdienst!«

Frau Greiner verwahrte das kleine Geldsümmchen im Schrank; auch den Stoff schloß sie sorgfältig hinein, denn am Samstag abend wurde nicht mehr gearbeitet. Der Mann kam ganz erschöpft vom Acker heim, er war die Feldarbeit nicht gewöhnt, auch die Frau war müde von dem langen Marsch. Aber als sie dann mit den Kindern um den Tisch mit den Kartoffeln saßen, wurden sie alle wieder guten Muts. Es sah auch heute abend ganz nett in der Stube aus, die Arbeit war weggeräumt, der Boden aufgekehrt. Das hatte der Mann besorgt, während die Frau in der Stadt war, und nun machte er Feierabend und setzte sich auf die Bank vor dem Haus; die Nachbarn erschienen auch, da und dort standen sie beisammen und plauderten.

Aber die Frauen hatten noch nicht Feierabend. »Schlupft ins Bett, Kinder, daß ich euere Hemden waschen kann,« sagte Frau Greiner. Die Kleinen besaßen jedes nur ein Hemd, das wurde immer in der Nacht von Samstag auf Sonntag gewaschen und am Ofen getrocknet. Marie hatte schon zwei Hemden, dafür mußte sie aber auch schon helfen beim Waschen. Heute kam’s ihr sauer an, sie war so müde, und als die Mutter einmal von der Waschwanne an den Brunnen ging, um Wasser zu holen und wieder ins Haus zurückkam, war die kleine Wäscherin nicht mehr zu sehen und nicht zu errufen – sie war schnell ins Bett geschlupft und schlief schon fest. Frau Greiner lachte und ließ sich’s gefallen.

Am Montag morgen saß die Familie wieder an der Arbeit und jedes von ihnen hätte gedacht, daß dieser Tag und all die nächsten genau so verstreichen würden, wie die vorigen, denn eintönig floß das Leben dieser fleißigen Leute dahin; doch diese Woche brachte einen andern Ton. Er kam durch den ins Haus, der gar oft Aufregung bringt: durch den Postboten. Der Postbote war gar kein so seltener Gast in der Familie Greiner, denn er brachte manchmal Anerbietungen von Kaufleuten, manchmal auch Mahnungen wegen rückständiger Zahlungen. Derentwegen machte er die Türe gar nicht auf, sondern legte sie nur durchs Fenster aufs Gesimse. Heute aber kam er ins Zimmer und sagte: »Daß ihr nur nicht erschreckt: diesmal bringe ich einen Trauerbrief!« Sie erschraken aber doch. »Ich habe ja sonst keine Zeit, die Sachen zu lesen,« sagte der Postbote, »aber die Anzeige habe ich lesen müssen, weil’s mich doch gewundert hat, wer an euch so vornehm schreibt und weil’s so eine ganz besondere Traueranzeige ist.« Er ging. Die Anzeige kam aus Köln. Die Aufschrift lautete: an »Herrn Fabrikbesitzer Greiner mit Familie« und der Inhalt war freilich zum Erschrecken: Herr und Frau Fabrikant Langbeck in Köln waren an einem Tag infolge eines Unglücksfalls plötzlich gestorben. Frau Langbeck war Greiners Schwester. Greiner und seine Frau standen ganz erschüttert beisammen und starrten auf die Nachricht und konnten sie kaum glauben. Und dann hätten sie so gerne Näheres gewußt. Was für ein Unglücksfall konnte das gewesen sein? Immer wieder lasen sie das Blatt, aber es standen nur so wenige Worte darin.

»Haben wir nicht erst in den letzten Tagen von deiner Schwester gesprochen?« sagte Frau Greiner. »Vielleicht gerade in der Stunde, in der sie verunglückt ist; das war eine Ahnung, es war mir gleich damals so traurig zumute.«