»Dann muß man einen Wandschirm vor sein Bett stellen,« sagte der Arzt, »damit es nicht ins Helle sieht.« So kam eine Wand vor Lenchens Bett, und es konnte das Fenster nicht mehr sehen.
Viele Wochen vergingen, alle Kinder, die man im Winter ins Spital gebracht hatte, waren längst wieder fort, nur mit Lenchen wurde es nicht besser. »Willst du nicht versuchen aufzustehen?« fragte manchmal Schwester Marie das stille Kind.
»Ich kann nicht, ich bin ja abgestorben,« sagte die Kleine und man ließ sie liegen.
Eines Tages sprach der Arzt: »Ich begreife gar nicht, warum es mit diesem Kind nicht vorwärts geht. Schwester, tragen Sie einmal die Kleine vor an das Fenster, damit ich sie besser sehen kann.« Lenchen wollte nicht ans Fenster, denn sie mochte den abgestorbenen Baum nicht sehen, aber Schwester Marie nahm sie auf den Arm und tat, wie der Arzt verlangt hatte. Lenchen drückte die Augen fest zu. Am Fenster stand der Arzt. »Augen auf!« befahl er. Da folgte sie und öffnete die Augen. Ihr erster Blick fiel auf die Akazie und siehe, der Baum war über und über voll grüner Blättchen, die wiegten sich im Sonnenschein und der blaue Himmel glänzte zwischen den Zweigen hindurch, die freundlich über die Mauer herübergrüßten. Da jubelte Lenchen laut auf und rief: »Die Akazie ist grün, jetzt bin ich gesund, Schwester Berta hat es gesagt!«
Der Arzt und die Schwester sahen sich sehr verwundert an, denn sie verstanden gar nicht, was das Kind meinte, aber sie freuten sich, daß Lenchen so glücklich war. Lange, lange blieb sie am Fenster und konnte sich nicht satt sehen an dem grünen Baum, und als noch einige Tage vorüber waren, da spielte sie drunten im Garten mit andern Kindern unter dem schönen Akazienbaum und war bald wieder frisch und gesund.
Wie Johannes Ruhn Kaufmann wurde.
Die große Frage, was einst aus ihm werden solle, war für Johannes Ruhn schon gelöst, lange ehe er aus der Schule kam; denn er hatte eine solch ausgesprochene Neigung zum Kaufmannsstand, daß seine Gedanken ganz und gar davon erfüllt waren. Sein Vater, ein tüchtiger und verständiger Mann, seines Zeichens ein Bahnarbeiter, war allerdings der Ansicht, daß für den kaufmännischen Beruf etwas Vermögen not täte, und er hatte das seinige nicht in Wertpapieren angelegt, der ganze Reichtum, den er besaß, war eine Frau und fünf Kinder. Deshalb äußerte Vater Ruhn manchmal Bedenken über die Zukunftspläne seines Ältesten; aber wenn er seinen Johannes beobachtete, wie der mit hellen Augen ins Leben sah, oder wenn er ihn von seinem zukünftigen Berufe reden hörte, dann hatte er, ohne recht sagen zu können woran es lag, den Eindruck: der wird auch ohne Vermögen vorwärts kommen. Auch seine Frau, die sonst eine sorgliche, schüchterne Art hatte, meinte von ihrem Johannes: »Den lassen wir nur machen, er findet schon seinen Weg, wenn nur alle so hell wären, wie der!«
Als nun der Junge aus der Schule kam, gingen die Eltern mit bester Zuversicht daran, ihm eine Lehrstelle ausfindig zu machen. Der Vater hielt Umfrage, die Mutter kaufte kein Salz und kein Schmalz, ohne mit der Frage zu schließen, ob eine Lehrstelle frei sei; Johannes selbst stellte sich da und dort vor – aber es wollte nicht gelingen und die gute Zuversicht verlor sich mit jeder Woche mehr. In manchem Geschäft wäre wohl Platz gewesen, aber es wurde Lehrgeld verlangt oder höhere Ausbildung und beides stand Johannes nicht zur Verfügung. Andere besahen sich den Jungen, doch ihrem Blick entging das Besondere, das die Eltern an ihm kannten; sie sahen nur die für sein Alter noch etwas kleine, zarte Gestalt, nicht die hellen Augen, die aus dem offenen Gesicht strahlten und von Unternehmungslust glänzten. Es boten sich so viele kräftige, derbe Burschen an, ihnen wurde der Vorzug gegeben, und niemand wollte Johannes.