»So schlimm war sie ja nicht, gib sie nur her.«

»Die ist jetzt nicht mehr vorhanden. Ich schicke aber Anne in den Laden, in fünf Minuten ist sie wieder da.« Und hinaus rannte die Frau.

»Anne, schnell, spring so schnell du springen kannst, zu Geschwister Keller; eine weiße Halsbinde für meinen Mann, ich zahle sie morgen.«

Anne flog nur so davon. Die Mutter erbarmte sich inzwischen der schreienden Kleinen, wahrhaftig, Tränen standen dem kleinen Wesen im Auge.

»Wo hast du denn aber die alte Binde hingebracht?« fragte der Stadtschultheiß; »findest du denn auch diese nicht? Das ist aber eine Unordnung!« Nun kam das Geständnis: »Die alte habe ich dem Bubi geschenkt, der hat sich damit geschmückt und soviel Spaß daran gehabt.« Der Mann sagte gar nichts mehr.

Nun kam atemlos Anne zurück. Frau Römer hörte sie kommen und eilte ihr entgegen, mochte immerhin die Kleine wieder eine Pause im Trinken machen. »Fräulein Keller hat keine Binden mehr, sie habe eigens ein halbes Dutzend für den heutigen Tag kommen lassen, aber sie seien alle weggegangen,« berichtete Anne.

»Und im andern Geschäft?«

»Fräulein Keller meint, da gäbe es keine. Aber sie hat gesagt, wenn der Herr Oberamtmann, der gestern schon unwohl war, heute nicht besser sei, so schicke die Frau Oberamtmann die Halsbinde wieder zurück, die sie gekauft habe; das habe sie sich gleich ausbedungen. Und nun meint Fräulein Keller, ich soll bei Frau Oberamtmann anfragen.«

»Natürlich sollst du, Anne, wärst du doch gleich hingesprungen!«

Als Frau Römer wieder zu ihrer Kleinen zurückkehren wollte, sah sie ihren Hans, der mit dem Tannenwedel in der Hand, die weiße Binde um den Hals, militärisch auf dem Gang auf und ab spazierte und dabei laut vor sich hinsang: »Ich bin ein geplagter Mann.« Er nahm sich so drollig aus, der kleine Mann mit seinen dicken roten Bäckchen; heute hatte sie noch kaum einen Blick gehabt für ihren Bubi, sie nickte ihm zu und sah ihn an. War wohl im äußersten Notfall die alte Binde auch jetzt noch zu brauchen? »Laß sehen, Bubi!« Aber was war denn das? Die Binde sah ja schöner aus als gestern. Das war gar nicht die alte – keine Frage, Hans hatte die neue erwischt! Aber sie war noch rein, noch unverdorben. Rasch machte sie sie los unter dringenden Fragen, wie Hans dazu gekommen sei? Genommen hatte er sie, weil er die andere nicht mehr fand. »Bitte, Mama, gib mir dafür eine andere.«