"Vater!" rief Wilhelm, "o Vater!" und in diesem Ausruf klang die ganze Qual, die Angst und die ganze Wonne der Erlösung. Herr Pfäffling faßte ihn bei Hand. "Ich habe mich doch auf eine Viertelstunde los gemacht," sagte er, "jetzt komm nur schnell herein, daß wir bald fertig werden!"
Im Zimmer Nr. 12 saß ein Polizeiamtmann.
Nach einigen Fragen und Antworten kam die Hauptsache zur Sprache: Wilhelm war angezeigt worden, weil er Herrn Sekretär Floßmann mit Schneeballen getroffen, darnach in frecher Weise gelacht und das Schneeballenwerfen in unmittelbarer Nähe fortgesetzt habe.
"So hat sich's verhalten, nicht wahr?" fragte der Amtmann.
"Getroffen habe ich einen Herrn aus Versehen," sagte Wilhelm, "aber weiter nichts." Nun mischte sich Herr Pfäffling ins Gespräch: "Du hast mir erzählt, daß du dich ausdrücklich entschuldigt habest und sofort heimgegangen seiest." Da lächelte der Amtmann und sagte: "Damit sollte wohl der Vater besänftigt werden, in Wahrheit verhielt sich's aber, nach der Aussage des Herrn Sekretärs und des Schutzmanns ganz anders, und Sie werden begreifen, daß ich diesen mehr Glauben schenke als dem Angeklagten; es liegt auch gar nicht in der Art des Herrn Sekretär Floßmann, einen Jungen zur Anzeige zu bringen, der sich wegen eines Vergehens entschuldigt hat."
"Ich darf wohl behaupten," sagte Herr Pfäffling, "daß sowohl Frechheit als Lüge auch nicht im Wesen dieses Kindes liegen. Ich wäre sonst nicht mit ihm gekommen, sondern hätte mich seiner geschämt. Wäre es nicht möglich, den Herrn Sekretär oder den Schutzmann zu sprechen?"
"Gewiß," sagte der Amtmann, "Herr Sekretär hat seine Kanzlei oben und der Schutzmann Schmidt war eben erst bei mir." Er rief einen Polizeidiener. "Bitten Sie Herrn Sekretär Floßmann, einen Augenblick zu kommen und rufen Sie den Schutzmann Schmidt herein."
"Wir machen zwar gewöhnlich nicht so viel Umstände, wenn es sich um solch eine Bubengeschichte handelt," sagte der Amtmann, "aber wenn Sie es wünschen, können Sie von den beiden selbst hören, wie der Verlauf der Sache war."
Ein paar Minuten später trat der Sekretär Floßmann und gleich darnach der Schutzmann ein. "Da ist der Junge," sagte der Amtmann, "der wegen der Schneeballengeschichte aufgeschrieben wurde," aber ehe der Beamte noch weiter sprechen konnte, fiel ihm Herr Sekretär Floßmann ins Wort, indem er sich an den Schutzmann wandte: "Aber warum haben Sie denn gerade diesen Jungen aufgeschrieben, den einzigen, der sofort aufgehört hat zu werfen, und der sich in aller Form entschuldigt hat, der mir selbst noch den Schnee abgeschüttelt hat?" und indem er auf Wilhelm zuging, sagte er ganz vertraulich zu ihm: "Wir zwei sind in aller Freundschaft auseinandergegangen, nicht wahr, dich wollte ich nicht anzeigen." Da wandte sich der Amtmann ärgerlich an den Schutzmann: "Haben Sie Ihre Sache wieder einmal so dumm wie möglich gemacht?" Der rechtfertigte sich: "Das ist nicht der Wilhelm Pfäffling, den ich aufgeschrieben habe. Der meinige hat einen dicken Kopf und ein rotes Gesicht. Sag' selbst, habe ich dich aufgeschrieben?"
"Nein, aber es heißt keiner Wilhelm Pfäffling außer mir."