Die Linsen waren nun plötzlich weich, und wie es Frieder schmeckte, läßt sich denken.

Beim Mittagessen wurde beraten, wie man den Christbaum zu seiner rechtmäßigen Besitzerin bringen könne. "Einer von euch Großen muß mit Frieder gehen, ihm helfen den Baum tragen," sagte Frau Pfäffling.

"Aber wir Lateinschüler können doch nicht in der Luisenstraße von Haus zu Haus laufen, wie arme Buben, die die Christbäume austragen," entgegnete Karl.

"Wenn mir da z.B. Rudolf Meier begegnete," sagte Otto, "vor dem würde ich mich schämen."

"So, so," sagte Herr Pfäffling, "seid ihr zu vornehm dazu? Dann muß wohl ich meinen Kleinen begleiten," und er nahm den Baum, der in der Ecke stand, hob ihn frei hinaus, daß er die Decke streifte und sagte spassend: "So werde ich durch die Luisenstraße ziehen, eine Schelle nehmen und ausrufen: 'Wem der Baum gehört, der soll sich melden.'"

"Ich denke doch," sagte Frau Pfäffling, "einer von unseren dreien wird so gescheit sein und sich nicht darum bekümmern, wenn auch je ein Kamerad denken sollte, daß er für andere Leute Gänge macht." Sie schwiegen aber. Da setzte Herr Pfäffling den Baum wieder ab und sagte sehr ernst: "Kinder, fangt nur das gar nicht an, daß ihr meint: dies oder jenes paßt sich nicht, das könnten die Kameraden schlecht auslegen. Mit solchen kleinlichen Bedenken kommt man schwer durchs Leben, fühlt sich immer gebunden und hängt schließlich von jedem Rudolf Meier ab."

Nach dem Essen wurde Herr Hartwig um das Adreßbuch gebeten und mit Hilfe dessen und Frieders Erinnerung war bald festgestellt, daß der Baum in die Luisenstraße Nr. 43 zu Frau Dr. Heller gehörte.

Die drei großen Brüder standen beisammen und berieten. "Ich mache mir nichts daraus, den Baum zu tragen," sagte Wilhelm, "ich hätte gar nicht gedacht, daß es dumm aussieht, wenn ihr es nicht gesagt hättet."

"Aber wenn du hinkommst, mußt du dich darauf gefaßt machen, daß man dir ein Trinkgeld gibt," sagte Karl.

"Um so besser, wenn's nur recht groß ist, ich habe ohnedies keinen Pfennig mehr."