Äußerst erstaunt sah der so Angeredete auf und sagte, indem er nach einem anstoßenden Zimmer deutete: "Hier sind wir ungestört. Wollen Sie Platz nehmen?"
"Nein," sagte Herr Pfäffling, "ich stehe lieber," eigentlich hätte er sagen sollen, "ich renne lieber," denn kaum hatte er das Gespräch begonnen, so trieb ihn der Eifer im Zimmer hin und her.
"Ich meine," sagte er, "über all Ihren Leistungen als Geschäftsmann sehen Sie gar nicht, was für ein schlechtes Geschäft bei all dem Ihr Kind macht. Ist's denn überhaupt ein Kind? War es eines? Es spricht wie ein Mann und ist doch kein Mann. Ein Schuljunge sollte es sein, der tüchtig arbeitet und dann fröhlich spielt. Er aber tut keines von beiden. In dem Alter, wo er gehorchen sollte, will er kommandieren, den Herrn will er spielen und hat doch nicht das Zeug dazu. Er wird kein Mann wie Sie, er wird auch kein Deutscher, wird kein Christ, denn er dünkt sich über alledem zu stehen. Der sollte fort aus dem Hotel, fort von hier, in ein warmes Familienleben hinein, da könnte noch etwas aus ihm werden, aber so nicht!"
Herr Pfäffling hatte so eifrig gesprochen, daß sein Zuhörer dazwischen nicht zu Wort gekommen war. Er sagte jetzt anscheinend ganz ruhig und kühl: "Ich muß mich wundern, Herr Pfäffling, daß Sie mir das alles sagen. Wir kennen uns nicht und meinen Sohn kennen Sie wohl auch nur ganz flüchtig. Mir scheint, Sie urteilen etwas rasch. Andere sagen mir, daß mein Sohn der geborene Geschäftsmann ist und schon jetzt einem Haus vorstehen könnte. Wenn er Ihnen so wenig gefällt, dann bitte kümmern Sie sich nicht um ihn, ich kenne mein eigenes Kind wohl am besten und werde für sein Wohl sorgen."
Herr Pfäffling sah nun seinerseits ebenso erstaunt auf Herrn Meier, wie dieser vorher auf ihn. Endlich sagte er: "Ich sehe, daß ich Sie gekränkt habe. Das wollte ich doch gar nicht. Wieder einmal habe ich vergessen, was ich schon so oft bei den Eltern meiner Schüler erfahren habe, daß es die Menschen nicht ertragen, wenn man offen über ihre Kinder spricht und wenn es auch aus der reinsten Teilnahme geschieht. Sagen Sie mir nur das eine, warum würden Sie es mir danken, wenn ich Ihnen sagte: 'Ihr Kind ist in Gefahr, ins Wasser zu fallen,' und warum sind Sie gekränkt, wenn ich sagte: 'dem Kind droht Gefahr für seinen Charakter?' Darin kann ich die Menschen nie verstehen!"
Diese Frage blieb unbeantwortet, denn zwei Handwerksleute kamen herein, verlangten Bescheid, und Herr Pfäffling machte rasch der Unterredung ein Ende, indem er sagte: "Wie ungeschickt bin ich Ihnen mit dieser Sache gekommen, ich sehe, Sie sind draußen unentbehrlich und will Sie nicht aufhalten." Er ging, der Hotelbesitzer hielt ihn nicht zurück.
"Diese Sache ist mißlungen," sagte sich Herr Pfäffling, "ich habe nichts erreicht, als daß sich der Mann über mich ärgert." Und nun ärgerte auch er sich, aber nur über sich selbst. Warum hatte er sich seine Worte nicht erst in Ruhe überlegt und schonend vorgebracht, was er sagen wollte, statt diesen ahnungslosen Vater mit hageldicken Vorwürfen zu überschütten? Nun ging er mit sich selbst ebenso streng ins Gericht: "Nichts gelernt und nichts vergessen; immer noch gerade so ungestüm wie vor zwanzig Jahren; immer vorgetan und nachbedacht, trotz aller Lebenserfahrung: wenn du es nicht besser verstehst, auf die Leute einzuwirken, so laß die Hand davon; kümmere dich um deine eigenen Kinder, wer weiß, ob sie andern Leuten nicht auch verkehrt erscheinen."
Nachdem sich Herr Pfäffling so die Wahrheit gesagt hatte, beruhigte er sich über Rudolf Meier, und versetzte sich in Gedanken zu seinen eigenen Kindern. Nun kam ihm wieder die Pfäfflingsche Note in den Sinn: eins bis zwei. Er dachte in dieser Richtung noch weiter nach, und die Folge davon war, daß er nach seiner Rückkehr dem ersten, der ihm zu Hause in den Weg lief, zurief:
"Legt mir alle sechs Zeugnishefte aufgeschlagen auf meinen Tisch, ich will sie sehen!"
Das gab nun eine Aufregung in der jungen Gesellschaft! "Die Zeugnisse müssen her, der Vater will sie sehen!" flüsterte eines dem andern zu. "Warum denn, warum?" Niemand wußte Antwort, aber jetzt half keine List mehr, Marie mußte die Heftchen hervorholen aus ihrem sichern Versteck und sie hinübertragen in des Vaters Zimmer.