"Herr wie schon vor tausend Jahren
Unsre Väter eifrig waren,
Dich als Gast zu Tisch zu bitten,
So verlangt uns noch heute,
Daß Du teilest unsre Freude.
Komm, o Herr in unsre Mitte!"

Bei Tisch kamen nun, wie Frau Pfäffling erwartet hatte, allerlei Mitteilungen. Über Weihnachten hatte man sich ganz in die Familie vergraben, jetzt, durch die Berührung mit der Außenwelt, erfuhr man wieder, was vor sich ging. Herr Pfäffling hatte vom Direktor der Musikschule etwas gehört, was ihn ganz erfüllte: Ein Künstlerkonzert ersten Ranges sollte in diesem Monat stattfinden. Ein Künstlerpaar, das vor Jahren schon die Stadt besucht und alle Musikfreunde hingerissen hatte, die Frau durch ihren herrlichen Gesang, der Mann durch meisterhaftes Klavierspiel, wollte auf einer Reise durch die großen Städte Europas sich hören lassen, und zwar nahm an dieser Konzertreise zum erstenmal auch der kleine Sohn des Künstlerpaares als Violinspieler Anteil, und die Zeitungen waren voll von überschwänglichen Schilderungen des rührenden Eindrucks, den das geniale Violinspiel des wunderbar begabten Knaben mache.

Freilich waren die Preise für diesen Kunstgenuß so hoch gestellt, daß unser Musiklehrer nicht daran gedacht hätte, sich ein solch kostbares Vergnügen zu gönnen, aber das Konzert sollte im Saal der Musikschule gegeben werden, und in solchem Fall war es üblich, daß die Hauptlehrer der Anstalt Freikarten erhielten. So gab er sich jetzt schon der Freude auf diesen großen Kunstgenuß hin, umkreiste vergnügt den Tisch, blieb dann hinter seiner Frau Stuhl stehen und sagte: "Ich bekomme eine Freikarte zum Konzert, du bekommst von deinem Bruder eine Freikarte zum 80. Geburtstag der Mutter. Nicht wahr, Kinder, die Mutter muß sich zur Reise richten?" Sie stimmten alle ein, und es schien der Mutter mit dem Widerspruch nicht mehr bitterer Ernst zu sein.

Nun berichteten die Kinder von mancherlei Schulereignissen, ein Lehrer war krank, eine Lehrerin gesund geworden, ein Schüler war neu eingetreten, ein anderer ausgetreten. Herr Pfäffling hatte nur mit halber Aufmerksamkeit zugehört, jetzt aber traf ein Name an sein Ohr, der ihn aus seinen Gedanken weckte: "Was hast du eben von Rudolf Meier erzählt?" fragte er Otto.

"Er ist aus dem Gymnasium ausgetreten."

"Hast du nichts näheres darüber gehört?"

"Sie sagen, er sei fortgekommen von hier, ich glaube zu Verwandten, ich weiß nicht mehr."

Herr und Frau Pfäffling wechselten Blicke, die nur Karl verstand. Gesprochen wurde nichts darüber, Herr Pfäffling sollte aber bald näheres erfahren.

Er machte sich an diesem Nachmittag auf den Weg nach dem Zentralhotel, im neuen Jahr die erste Musikstunde dort zu geben. Es war bitter kalt, und selbst die russische Familie klagte über den kalten deutschen Winter.

"Sie müssen von Rußland doch noch an ganz andere Kälte gewöhnt sein?" meinte Herr Pfäffling.